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Leuthard geht – und jetzt?

Bei der CVP ist die Nachfolge noch völlig offen: Kommt eine Frau oder einer, der schon mit den Bundesräten am Tisch sitzt?

Emotionaler Abschied: Doris Leuthard tritt per Ende Jahr ab, die Nachfolge ist offen.

Bei der FDP ist die Sache klar: Karin Keller-Sutter ist die grosse Kronfavoritin für die Nachfolge von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Ganz anders bei der CVP: Hier ist das Feld der möglichen Nachfolgerinnen und Nachfolger für Doris Leuthard breiter, aber auch diffuser: Ein klarer Favorit ist derzeit nicht auszumachen.

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Viola Amherd (56), Nationalrätin (VS)

Viola Amherd gilt derzeit als chancenreichste Frau im Kandidatenkarussell der CVP. Sie ist Anwältin und Notarin, war zwölf Jahre lang Stadtpräsidentin von Brig-Glis. Seit 2005 sitzt sie im Nationalrat, wo sie breiten Respekt geniesst. Seit Jahren ist sie auch Vizepräsidentin der CVP-Bundeshausfraktion. Eigentlich plante sie, ihre Karriere im Bundeshaus per Ende Legislatur zu beenden. Seit sie als mögliche Bundesratsanwärterin im Gespräch ist, hat sie aber die Tür nicht zugeschlagen. Amherd politisiert im linken Flügel ihrer Fraktion und hat sich unter anderem mit Vorstössen für Kinder- und Jugendschutz profiliert. Viola Amherd könnte bei einer Wahl wohl auf die Stimmen der Frauen, der Linken und der Vertreter des Berggebiets zählen.

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Erich Ettlin (56), Ständerat (OW)

Als Zentralschweizer kommt Erich Ettlin aus einer Region, die bisher im Bundesrat nicht vertreten ist. Seit drei Jahren vertritt Ettlin den Kanton Obwalden im Ständerat, nachdem er zuvor nur auf Gemeindeebene politisiert hatte. Ettlin ist studierter Ökonom und der wahrscheinlich bestqualifizierte Steuerexperte im ganzen Parlament: Fünf Jahre lange leitete er die Steuerverwaltung des Kantons Obwalden und ist heute Partner und Steuerexperte und Partner bei der Treuhandfirma BDO. In Bern aufgefallen ist Ettlin schon in seinen allerersten Wochen als Ständerat, als er einen Gegenvorschlag zur Bankgeheimnis-Initiative von Thomas Matter präsentierte. Sein Vorschlag wurde mit dem Rückzug der Initiative dann allerdings obsolet.

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Peter Hegglin (57), Ständerat (ZG)

Auch Peter Hegglin erfüllt als Zentralschweizer bereits einen wichtigen Punkt in der Anforderungsliste an den künftigen Bundesrat. Hegglin gehört dem Ständerat zwar erst seit drei Jahren an, trotzdem war er bereits vorher national bekannt. Als damaliger Zuger Finanzdirektor hatte er jahrelang die Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren (FDK) präsidiert und in dieser Funktion zahlreiche Debatten um Steuer- und Finanzpolitik sowie den Nationalen Finanzausgleich (NFA) mitgeprägt. Im Bundesparlament ist Hegglin bisher aber eher diskret geblieben und es ist auch für Parteikollegen nicht klar, ob er überhaupt in den Bundesrat will.

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Pirmin Bischof (59), Ständerat (SO)

Der Solothurner Anwalt und Ständerat ist einer der bekanntesten CVP-Parlamentarier des Landes: politisch aktiv – vor allem in Wirtschaftsfragen –, eloquent und medial dauerpräsent. Dass Bischof Bundesrat werden will, gilt im Bundeshaus seit Jahren als ausgemacht. Sein Handicap: Für manche Parlamentskollegen ist er als klassischer Zentrumspolitiker politisch zu wenig fassbar. Als Solothurner kommt Bischof zwar aus der bisher nicht im Bundesrat vertretenen Nordwestschweiz. Anders als die Ostschweiz hat diese Region bisher aber kein wirksames Lobbying für einen Regierungssitz aufgezogen. Zudem hat Bischof eine Altlast in seinem Curriculum: Er war Vizepräsident des Bankrats der Solothurner Kantonalbank, bevor diese in einem Finanzdebakel unterging.

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Benedikt Würth (50), Regierungsrat (SG)

Der Name des St. Galler Finanzdirektors Benedikt Würth fiel jüngst auffallend oft, wenn im Bundeshaus über die Nachfolge von Bundesrätin Doris Leuthard spekuliert wurde. Würths grosses Handicap ist aber, dass er nicht im Bundesparlament sitzt: In den letzten Jahren hat das Parlament grosse Zurückhaltung gezeigt bei der Wahl von Regierungsräten. Dass Würths Name trotzdem genannt wird, hängt damit zusammen, dass er als Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen (KDK) der oberste Kantonspolitiker der Schweiz ist. In dieser Funktion ist er auch in Bern eng vernetzt. Hinzu kommt: Ausser Würth hat die CVP in der Ostschweiz (Graubünden gehört für Ostschweizer nicht dazu) nur wenig mögliche Kandidaten.

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Daniel Fässler (58), Nationalrat, Landammann (AI)

Ein zweiter möglicher Ostschweizer Kandidat neben Würth ist Daniel Fässler. Der 58-jährige Innerrhoder stand bisher nicht im Fokus für die Leuthard-Nachfolge, er bringt dafür aber ein nahezu perfektes Profil mit: Seit sieben Jahren ist er im Nationalrat und hat als langjähriger Landammann und Volkswirtschaftsdirektor auch Regierungserfahrung. Zwar ist Appenzell Innerrhoden ein sehr kleiner Kanton, hat aber – auch dank dem Stahlbad seiner Landsgemeinde – immer wieder starke Politiker hervorgebracht. Fässler politisiert am rechten Rand der CVP-Fraktion, was im derzeitigen Parlament ein Vorteil ist. Auf einem gemischten Ticket mit einer Kandidatin aus dem linken Parteiflügel – etwa Viola Amherd – hätte Fässler reelle Wahlchancen.

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Elisabeth Schneider-Schneiter (54), Nationalrätin (BL)

Im Nationalrat, dem die Baselbieter Juristin seit acht Jahren angehört, gilt es als sicher, dass Elisabeth Schneider-Schneiter Bundesratsambitionen hat. Derzeit geniesst sie als Präsidentin der Aussenpolitischen Kommission (APK) eine hohe Medienpräsenz. In dieser Funktion hat sie sich mehrfach klar positioniert: für eine möglichst offensive Handelspolitik auch gegenüber problematischen Ländern, für die Aufhebung der Russland-Sanktionen, gegen die Schweizer Kandidatur für den UNO-Sicherheitsrat – alles Positionen, die ihr rechts Sympathien einbringen. Als Baselbieterin stammt sie wie Bischof aus der Nordwestschweiz, die derzeit nicht im Bundesrat vertreten ist. Die offene Frage ist, ob Schneider-Schneiter die nötige Führungserfahrung und -stärke für die Leitung eines Departements mit Tausenden von Mitarbeitern mitbringt.

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Walter Thurnherr (55), Bundeskanzler

Für mehrere Mitglieder der CVP-Bundeshausfraktion ist Walter Thurnherr der Wunschkandidat, obwohl er nie ein politisches Amt innehatte. Als Kanzler geniesst er aber einen hervorragenden Ruf, so wie schon vorher als langjähriger Generalsekretär von Doris Leuthard. Dank diesen Funktionen kennt er die Verwaltung aus dem Effeff und auch die politischen Mechanismen im Parlament besser als mancher Parlamentarier. Aber: Es wäre das erste Mal seit 1848, dass ein Bundeskanzler zum Bundesrat würde. Und bisher hat sich Thurnherr auf entsprechende Fragen gegen eine Kandidatur ausgeprochen.

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Silvia Steiner (60), Regierungsrätin (ZH)

Da Frauen mit Bundesratspotenzial in der CVP-Fraktion eher dünn gesägt sind, richten sich die Augen auch in die Kantone. Ein einflussreiches Fraktionsmitglied nennt die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner als beste Kandidatin, welche die Partei zu bieten habe. Die frühere Staatsanwältin und Kriminalpolizeichefin ist erst seit 2015 Regierungsrätin. Trotzdem wurde sie von ihren Amtskollegen bereits zur Präsidentin der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) gewählt – eine Funktion, die oftmals als eine Art achter Bundesrat bezeichnet wird. Steiner hat aber wie Benedikt Würth das Handicap, nicht dem Bundesparlament anzugehören. Zudem ist sie mit 60 Jahren altersmässig an der oberen Grenze für eine Kandidatur.

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Gerhard Pfister (55), CVP-Präsident, Nationalrat (ZG)

Zwar hat der Zuger Nationalrat und Parteichef unmittelbar nach der Rücktrittserklärung von Bundesrätin Doris Leuthard erklärt, er stehe nicht zur Verfügung. «Ich bin kein Kandidat, sondern Parteipräsident», sagte er in der Wandelhalle des Bundeshauses. Doch für viele im Bundeshaus bleibt er ein möglicher Kandidat – erstens traut man ihm das Amt zu, und zweitens ist man überzeugt, dass er es auch möchte. Parteipräsident Pfister steht am rechten Rand seiner Fraktion. Sollte er antreten, dürfte er grosse Teile der SVP- und FDP-Stimmen auf sich vereinen; zusammen mit Support aus den eigenen Reihen könnte das für eine Wahl reichen. Seine Partei käme dadurch ein Jahr vor den eidgenössischen Wahlen aber in eine ganz schwierige Situation. Trotzdem könnte Pfister als Kandidat am Ende doch noch ins Spiel kommen – und zwar dann, wenn sich sonst kein überzeugender CVP-Kandidat abzeichnen sollte.

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Stefan Engler (58), Ständerat (GR)

Auf dem Papier ist der Bündner Politiker der perfekte Bundesrat: Als ehemaliger Regierungsrat und Ständerat seit 2011 bringt er ohne Zweifel den nötigen politischen Rucksack mit. Und er kommt aus der bisher untervertretenen Ostschweiz. Im Bundeshaus ist Engler wohlgelitten bis hoch geschätzt, blieb bisher aber eher diskret. Profiliert hat er sich primär mit regionalpolitischen Anliegen für die Berggebiete. Engler will aber nicht Bundesrat werden: «Ich bin kein Kosmopolit und es zieht mich nicht in die grosse Welt», sagte er am Donnerstag dem rätoromanischen Radio und Fernsehen RTR. Er wolle sein Leben nicht umgestalten. Zudem sei er auch schon Ende 50.

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Video – «An ihr war alles akzentuiert»

Karikaturist Felix Schaad über Bundesrätin Doris Leuthard. (Video: Lea Koch)

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