Späte Schwangerschaftsabbrüche: Grosse Unterschiede in der Schweiz

Die Nationale Ethikkommission kritisiert die fehlende einheitliche Linie der Kliniken.

Späte Abbrüche sind eine besondere Belastung: Eine Frau schaut sich Ultraschallbilder ihres Babys an. Symbolbild Keystone

Späte Abbrüche sind eine besondere Belastung: Eine Frau schaut sich Ultraschallbilder ihres Babys an. Symbolbild Keystone

Ein Abbruch im späteren Verlauf der Schwangerschaft gestaltet sich heute in den verschiedenen Kliniken der Schweiz sehr unterschiedlich. Die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin (NEK) will diese Praxis mit ihren neusten Empfehlungen vereinheitlichen.

Die Schweiz hat eine der niedrigsten Schwangerschaftsabbruchraten weltweit. Der Anteil der Abbrüche in der weit fortgeschrittenen Schwangerschaft, ab der 17. Schwangerschaftswoche oder später, liegt jährlich bei ungefähr 1,4 Prozent. Diese rund 150 Abbrüche pro Jahr werden grösstenteils in den Zentrumsspitälern der Schweiz durchgeführt, wie einem umfangreichen NEK-Bericht zu entnehmen ist.

Weit weg von Standards

Rechtlich bleibt ein solcher Abbruch in der Schweiz dann straflos, wenn eine medizinische oder sozialmedizinische Indikation vorliegt. Bis zu welchem Zeitpunkt und in welchen Konstellationen Abbrüche im späteren Verlauf der Schwangerschaft vorgenommen werden, unterscheidet sich in der Schweiz nach Angaben der NEK von Klinik zu Klinik. Einzelne Kliniken führten überproportional viele solcher Eingriffe durch. Je nach Region sei der Zugang zu Abbrüchen erschwert.

Die NEK hält fest, dass die Geburt rechtlich eine Zäsur darstelle, mit der ein Kind Rechtspersönlichkeit erlange. Komme ein Kind nach einem Abbruch mit Lebenszeichen zur Welt, wie dies in den Schweizer Neonatologie-Abteilungen jährlich rund 25-mal geschehe, seien die Ärzte daher verpflichtet, das Kind unabhängig von seiner mutmasslichen Lebenserwartung medizinisch und pflegerisch umfassend zu versorgen. Ein Abbruch im späteren Verlauf der Schwangerschaft erfolgt in der Schweiz in der Regel durch eine medikamentös eingeleitete Geburt. Daneben besteht auch die Möglichkeit eines Fetozids (Tötung und Entfernung eines Fötus im Mutterleib).

Die NEK empfiehlt, dass die zuständigen Fachgesellschaften den transparenten Informations- und Erfahrungsaustausch in der ganzen Schweiz sicherstellen. Durch die Definition von Verfahrensstandards soll auf eine Vereinheitlichung der Praxis hingewirkt werden. Ausserdem sollten Leitlinien zu den Indikationen erstellt werden. Die kantonalen Gesundheitsämter sollten laut der NEK sicherstellen, dass ein Abbruch in der fortgeschrittenen Schwangerschaft möglich und die Versorgungsqualität vor, während und nach dem Abbruch überall gleichwertig ist. Damit könne eine grosse Konzentration von Fällen in bestimmten Kliniken oder eine ausserkantonale Behandlung vermieden werden.

Die Ethikkommission stellt fest, dass die Bedürfnisse und Werthaltungen der Fachpersonen berücksichtigt werden müssten. Ihre Gewissensfreiheit müsse im Rahmen des geltenden Rechts sichergestellt werden.

Ein Abbruch in der fortgeschrittenen Schwangerschaft stellt für die Frau, das Paar und die beteiligten Personen eine besondere Belastung dar, schreibt die NEK. Sie empfiehlt eine einfühlsame, kontinuierliche und rechtzeitig einsetzende Begleitung der betroffenen Frau oder des Paares. Frauen müssten über alle Optionen informiert werden, auch über Alternativen zum Abbruch.

Abschiedsritual bei Totgeburten

Die Ethikkommission fordert zudem dazu auf, Frauen und Paare, die eine erwünschte Schwangerschaft beenden mussten, in ihrem individuellen Trauerprozess zu unterstützen. Konkret solle es ihnen möglich sein, in der Klinik ein Abschiedsritual miterleben zu können. Auf Wunsch sollten religiös verankerte zeremonielle Elemente der Trauerbegleitung zur Verfügung stehen.

sda

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