«AHV plus» wäre ein Kündigungsgrund für die Jungen

Redaktor Fabian Schäfer zur Abstimmung über die Initiative «AHV plus» am 25. September

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Morgen wird es laut in Bern. Die Gewerkschafter zelebrieren ­ihre «Rentendemo», um ­Stimmung zu machen für ihre Initiative «AHV plus», die am 25. September an die Urne kommt. Der Slogan des Umzugs: «Rentenabbau stoppen – AHV stärken». Was die SVP in Migrationsfragen kann, schafft die Linke bei der Altersvorsorge schon lange: In gewohnter Manier offeriert sie für komplexe Probleme simple, wohl­feile Lösungen, die scheinbar allen nützen und niemanden etwas kosten. Man fragt sich fast, warum die Gewerkschafter die Renten nur um 10 Prozent ­erhöhen wollen. Warum nicht gleich um 50 Prozent, wenn doch die AHV ein solch formidables Wunderwerk ist?

Es stimmt, dass die AHV hervorragend funktioniert. Ihr Ansatz ist bestechend effizient: Sie zieht bei den Erwerbstätigen Beiträge (Lohnabzüge) ein und verteilt diese quasi «live» an die Rentner. Bisher hat die AHV die Alterung der Gesellschaft besser gemeistert als erwartet. Doch wer genau hinschaut, merkt, dass sie nur Zeit gewonnen hat. Es ist primär der grossen Zuwanderung zu verdanken, dass die AHV nicht vor 2014 in die roten Zahlen rutschte. Jetzt aber gehts rasch bergab.

Ohne Gegensteuer zieht die Schwerkraft der Demografie die AHV immer weiter ins Minus. Illustrieren lässt sich dies mit den aktuellen Prognosen der Bundes­statistiker: Die Zahl der Rentner steigt bis 2035 von 1,5 auf 2,4 Millionen. Das ist eine Zunahme um 60 Prozent. Die Bevölkerung im Erwerbsalter wächst aber nur um 7 Prozent auf 5,5 Millionen. Gewiss, niemand weiss genau, wie viele Einwanderer noch hinzukommen.

Aber das ist nicht entscheidend. Aufhalten lässt sich der Trend ­ohnehin nicht: Die Alterung beschleunigt sich – die AHV kippt. In den nächsten zwei Jahrzehnten gehen grosse Jahrgänge in Pension, für die danach deutlich kleinere Generationen aufkommen müssen. Der Effekt ist doppelt. Die Zahl der Werktätigen, die gemeinsam einen Rentner finanzieren, sinkt laufend. Zudem beziehen wir dank steigender Lebenserwartung immer länger eine Rente.

Die Folge: Auch im Status quo zahlt die AHV den Rentnern bereits 2025 über 3,5 Milliarden Franken mehr aus, als sie einnimmt. Es braucht deshalb sowieso – auch ohne «AHV plus» – eine Reform. Das Parlament setzt die Debatte dazu just am Tag nach der Volksabstimmung fort. Klar ist, dass die Reform nichts Schönes bringt: Nebst einer erneuten Erhöhung der Mehrwertsteuer steht Rentenalter 65 für Frauen auf dem Plan.

Doch auch so lässt sich die AHV nur etwa bis Ende der 2020er-Jahre sichern. Wie man in dieser Situation auf die Idee kommen kann, die angeschlagene AHV auch noch auszubauen, ist schleierhaft. Finanzieren liesse sich dies fast nur noch über höhere Lohnbeiträge – voll auf Kosten der Erwerbs­tätigen. Das ist ein unverhohlener Angriff auf die Generationengerechtigkeit.

«AHV plus» ist nicht nur vom Timing her ein Unding, sondern auch inhaltlich. Ausgerechnet die 12 Prozent der Rentner, die das Geld am nötigsten hätten, würden leer ausgehen. Die meisten ­Bezüger von Ergänzungsleistungen (EL) hätten gleich viel wie zuvor – oder, wegen der Steuern, ­sogar etwas weniger. Wer findet, zu viele ­Senioren hätten zu wenig Geld, muss ­daher bei den EL ansetzen und nicht mit der AHV-Giesskanne Milliarden ver­teilen. Sowieso ist fragwürdig, warum bereits die heutigen Rentner in den Genuss von «AHV plus» kommen sollen, obwohl sie – im Unterschied zu den künftigen Rentnern – von den Kürzungen bei den Pensionskassen nicht betroffen sind.

Wohlgemerkt, niemand behauptet, dass die Senioren im Geld schwimmen. Aber viele Alte sind besser gebettet als Junge. Das Alter ist in der Schweiz zum Glück kein strukturelles Armutsrisiko mehr. Das soll auch so bleiben. Doch es ist bereits eine gewaltige Herausforderung, das heutige Niveau zu halten, ohne die kommenden Generationen übermässig zu drangsalieren. Ein AHV-Ausbau in dieser Konstellation wäre fast schon ein Grund, den Generationenvertrag zu kündigen.

Mail: fabian.schaefer@bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

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