ARD entlarvt den Drogenguru von Lüsslingen

Mit versteckter Kamera filmte der TV-Sender eine Sitzung beim umstrittenen Psychiater Samuel Widmer. Ergebnis der Recherche: Widmer setzt verbotene Substanzen ein.

«Sie haben uns im Glauben gehalten, sie planten einen positiven Bericht»: Samuel Widmer. Foto: Alessandro Della Bella

«Sie haben uns im Glauben gehalten, sie planten einen positiven Bericht»: Samuel Widmer. Foto: Alessandro Della Bella

Hugo Stamm@HugoStamm

Das neue Sendegefäss «Beckmann» auf dem deutschen Sender ARD hat am Montag in einer spektakulären Aktion den Schweizer Psychiater Samuel Widmer des Drogenmissbrauchs überführt. Der Leiter der Kirschblütengemeinschaft in Nennigkofen-Lüsslingen SO behauptet, bei seinen Gruppentherapien die legalen Arzneimittel Ephedrin und Ketamin einzusetzen. Die Sendung entlarvte dies als Schutzbehauptung: Ein Reporter nahm inkognito an einer kollektiven Sitzung teil und schmuggelte die verwendeten Substanzen anschliessend aus dem Zentrum. Die Laboruntersuchungen ergaben, dass es sich um die verbotenen Drogen Meskalin und MDMA handelte.

Damit stützt die Sendung die Recherchen von berneroberlaender.ch/Newsnetz, die aufgedeckt hatten, dass Widmer jahrzehntelang Drogentherapien mit weit über 1000 Klienten durchführte. Die Staatsanwaltschaft Solothurn hat deswegen ein Strafverfahren gegen Widmer eingeleitet, was letzte Woche eine Polizeiaktion auslöste.

Der ARD-Reporter hat die Drogensitzung mit einer versteckten Kamera gefilmt. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gespräche nachgesprochen. Geleitet wurde die «Therapie» von der Ehefrau Widmers, die keine anerkannte Ausbildung als Therapeutin vorweisen kann. Den rund 20 Teilnehmern – die Hälfte von ihnen Deutsche – wurde gesagt, dass die Einnahme von Ecstasy nicht legal sei. Das Risiko liege aber beim Leitungsteam. Wörtlich: «Wir kommen ins Gefängnis oder haben eine grosse Strafe am Hals, wenn herauskommt, dass wir das machen.» Den Teilnehmern der «Therapie» wurde geraten, bei Anrufen oder in Mails die Drogen nicht zu erwähnen.

«Lebensgefährliche Mischung»

Vor der Einnahme der Drogen mussten die Klienten einen Vertrag unterschreiben. Dieser enthielt einen kuriosen Passus: Sie verpflichteten sich vertraglich, während der Veranstaltung nicht zu sterben. Dann verkündete die Leiterin: «Wir haben gedacht, wir könnten mal Meskalin und MDMA zusammen machen.» Meskalin sei zwar nicht mehr erhältlich, doch «wir haben unsere geheime Schatzkiste, wo wir es ausgegraben haben».

Der Reporter versteckte die beiden Pillen und schmuggelte sie nach draussen, wo der Arzt und Apotheker Hannes Welcker wartete. Die Laboruntersuchung ergab, dass sie tatsächlich MDMA und Meskalin enthielten. Diese Mischung sei «Scharlatanerie und lebensgefährlich», sagte Welcker. Brisant ist auch, dass die Schweizer Klienten die Drogenparty über die Krankenkassen abrechnen können, wie der Reporter erfuhr. Möglich ist dies, weil Widmer, der schon oft als «Sex-Guru» in den Schlagzeilen war, eine Praxis als Psychiater führt. Die deutschen Teilnehmer zahlten 300 Franken in bar.

Ein paar Tage später führte Moderator Reinhold Beckmann ein Interview mit Widmer und seiner Ehefrau Danièle. Die beiden hatten keine Ahnung von der Undercoveraktion und tappten prompt in die Falle. Widmer sagte, bei den Sitzungen würden ausschliesslich Ephedrin und Ketamin eingesetzt. Seine Frau ergänzte, die Klienten brächten manchmal LSD oder Ecstasy mit. «Das vermuten wir», unterbrach ihr Ehemann sie rasch.

Der Psychiater bestätigte auch Recherchen von berneroberlaender.ch/Newsnetz, wonach er viele Drogentherapeuten ausgebildet hat. Wörtlich: «Da haben wir inzwischen etwa 400 oder noch mehr ausgebildet. Einige davon arbeiten natürlich damit, das läuft alles im Untergrund. Noch viel mehr läuft im Untergrund. Das treibt dann halt die eine oder andere weniger schöne Blüte.» Er könne aber nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Wenn ein Autofahrer einen Unfall verursache, würde man dies auch nicht dem Fahrerlehrer anlasten.

Samuel Widmer sagte gestern gegenüber berneroberlaender.ch/Newsnetz, die Recherchemethoden der ARD-Journalisten seien unfair gewesen. «Sie haben uns im Glauben gehalten, sie planten einen positiven Bericht.» Hinterhältig sei auch gewesen, dass sich ein Journalist eingeschlichen und mit versteckter Kamera gefilmt habe. Zum Inhalt des Berichts wollte Samuel Widmer keine Stellungnahme abgeben, er müsse sich zuerst mit seinen Anwälten beraten.

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