Charmeoffensive der Scientologen vor dem Bundeshaus

Die Sekte startete die Aktionen zum 40-jährigen Bestehen in der Schweiz auf dem Waisenhausplatz.

«Man kann immer etwas tun»: Der Stand von Scientology auf dem Waisenhausplatz in Bern.

«Man kann immer etwas tun»: Der Stand von Scientology auf dem Waisenhausplatz in Bern.

(Bild: Keystone)

Hugo Stamm@HugoStamm

Seit 40 Jahren wirkt Scientology in der Schweiz. Der Auftakt zu den Jubiläumsveranstaltungen erfolgte gestern auf dem Waisenhausplatz in Bern. Mit grossen Zelten vor der Kulisse des Bundeshauses lockte die Sekte Passanten an und machte auf ihre Unterorganisationen aufmerksam. Die Veranstalter haben auch alle Parlamentarier von Bundesbern eingeladen. Dem Vernehmen nach waren aber viele nicht erbaut über die Aktion der Scientologen.

Ein Novum war die Medienkonferenz. Pressesprecher Jürg Stettler betonte, die fünf Kirchen und sechs Missionen in der Schweiz würden künftig offensiver informieren und sich um mehr Transparenz bemühen. Gemäss einer Umfrage hätten zwei Drittel eine negative Meinung über Scientology. Die meisten Leute würden Scientology zwar kennen, sie besässen aber keine näheren Informationen. Die Aktionen sollen diese Lücken schliessen. Etwa mit Tagen der offenen Türen, in Zürich Anfang Juli.

Laut Stettler ist auch geplant, die fünf Kirchen zu sogenannten idealen Organisationen auszubauen, also zu grossen Scientology-Zentren. In Basel soll das erste nächstes Jahr eingeweiht werden. Die andern vier Kirchen sind aber noch weit von diesem Ziel entfernt.

Diskutiert wurden gestern vor allem die Mitgliederzahlen, die Stettler den Medien präsentierte: Auf 5000 Mitglieder kämen 300 vollamtliche Mitarbeiter, davon 120 in Zürich. Früher sprach Scientology von 10 000 Anhängern, was sich als Propagandazahl herausstellte. Aussteiger berichten, die Mitgliederzahlen in den letzten Jahren seien rückläufig. Fragen dazu beantwortete Stettler mit dem Hinweis, dass natürlich nicht alle Mitglieder regelmässig in einem Zentrum anzutreffen seien.

Passanten wurden zu einem Test an einem Elektrogerät eingeladen, das wie ein Lügendetektor wirkt. Neugierige wurden animiert, sich auf einen Massagetisch zu legen und behandeln zu lassen. Die meisten Berner mieden aber die Scientology-Zelte. Abschreckend wirkte, dass mehrere Scientologen das Geschehen auf dem Waisenhausplatz filmten. Eine Überwachungsmethode, die Scientology oft anwendet.

Öffnung bleibt eine Illusion

Zum Jubiläum von Scientology Schweiz startete die Sekte eine Charmeoffensive. Mit Standaktionen kämpft sie gegen das Sektenstigma und präsentiert sich als seriöse Kirche. Findet ein Gesinnungswandel statt, oder handelt es sich um eine weitere Tarnaktion, für die neu auch Journalisten eingespannt werden?

Jürg Stettler, seit über 30 Jahren an vorderster Front aktiv, wünscht sich mehr Akzeptanz und scheint bereit zu sein, die Sektenmauern aufzuweichen. Doch sein Handlungsspielraum ist begrenzt, er ist an die Ideologie von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard und die Doktrin der Mutterkirche in den USA gebunden.

Ein Beispiel: Hubbard hasste Kritiker, somit auch Journalisten. Und sein Wort ist heute noch das unverrückbare Evangelium. Über kritische Medienleute schrieb er, sie hätten durchwegs eine kriminelle Vergangenheit: «Veruntreute Gelder, moralische Fehltritte, abartiges Verhalten – schmutziges Zeug.» Wer Scientology das Leben schwer mache, setze sich augenblicklich einem Risiko aus. «Verteidige dich nicht, greife an», befahl er seinen Kolonnen. Stettler agiert zwar zivi­lisierter, doch er kann die Dogmen nicht grundsätzlich aufweichen.

Der Imagewandel ist erst möglich, wenn sich das System Scientology verändert. Zum Beispiel bei den an­geblich 300 Schweizer Vollzeitmitarbeitern. Diese schuften 50, 60 und mehr Stunden pro Woche – für ein Taschengeld von wenigen Hundert Franken. Stettler nennt es Enthusiasmus, in Wirklichkeit ist es Ausbeutung. Die Mitglieder der Eliteeinheit unterschreiben sogar einen Vertrag über eine Milliarde Jahre, doch viele landen im Alter bei der Fürsorge.

Korrekturen wären auch beim totalitären Weltbild, bei der Einbindung der Mitglieder, der Einschränkung der Freiheit und den horrenden Kursgebühren nötig. Doch hier hat Stettler gar keinen Spielraum. Bezeichnend war denn auch, dass Scien­tologen mit Filmkameras das Treiben in Bern überwachten, getreu dem Kontrollwahn von Hubbard. Da bleibt die Hoffnung auf Öffnung eine Illusion. Kommentar von Hugo Stamm

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