Dank ihrer Niederlage steht Regula Rytz jetzt parat

Die 57-jährige Stadtberner Grüne will den Sitz der FDP. Ein Kommentar von Chantal Desbiolles, Ressortleiterin Kanton Bern.

Chantal Desbiolles

Sie reitet weiter auf der grünen Welle. Regula Rytz ist die erste Anwärterin auf einen Bundesratssitz, die sich selbst mit einem Medienauftritt lanciert. Indem sie mit den politischen Gepflogenheiten bricht, gibt sie einem neuen Stil Ausdruck. Damit bleibt sich Regula Rytz selbst treu: dezidiert im Auftritt, inhaltlich differenziert, ausdauernd.

Sie stellt sich einer Kandidatur, weil sie sich in der Verantwortung fühlt: Die erfolgreiche grüne und Frauenwahl versteht Rytz als Auftrag der Wählerinnen und Wähler. Wer sollte diese Aufgabe übernehmen, wenn nicht die personifizierte Verkörperung des grünen Aufbruchs?

Rechnerisch gesehen haben die Grünen Anspruch auf einen Bundesratssitz. Dieser Anspruch fusst allerdings auf nur einem Wahlsieg. Ob das ausreicht, um die Zauberformel umzustossen? Den Sitz der FDP nimmt Rytz ins Visier, den heute Ignazio Cassis innehat. Damit nimmt sie in Kauf, dass das Tessin künftig nicht mehr vertreten sein könnte. Sollen ökologische Anliegen höher gewichtet werden als Regionen und Sprachminderheiten im Bundesrat?

Die Antwort auf diese Fragen müssen die Parteien am 11. Dezember geben. Allen berechtigten Interessen gerecht zu werden, sei nicht möglich, sagt Rytz. Auch würde sie in der Landesregierung die Machtkonzentration der Hauptstadt verstärken. Mit Simonetta Sommaruga (SP) hat Bern bereits eine starke Stimme.

Bisher hat sich Regula Rytz die Frage gefallen lassen müssen, ob ihre politische Durchschlagskraft im zweiten Ständeratswahlgang gelitten hat. Doch nun sieht es so aus, als würde ihr diese Niederlage auf kantonaler Ebene national zum Vorteil gereichen. Wäre nämlich Rytz als Berner Ständerätin gewählt worden, hätte sie sich nicht als Bundesratskandidatin angeboten. Dass sie jetzt die Gunst der Stunde nutzt, ist sie ihrer Wählerschaft schuldig. Unabhängig davon, wie gut die Chancen auf einen grünen Sitz stehen.

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