Ein «Ich liebe dich» kann töten

Hintergrund

SMS-Schreiben am Steuer: Regisseur Werner Herzog hat mit Opfern und Tätern einen Dokumentarfilm gedreht. Er zeigt auf, was auch in der Schweiz ein Problem ist – bereits ein Viertel der Autofahrer schreibt SMS.

Drastische Schicksale: Werner Herzogs Dokumentarfilm «From One Second to the Next». (Video: Youtube/ShareATT)

Martin Wilhelm@martin_wilhelm

«Ich nahm meinen Bruder an die Hand», erzählt Aurie. «Plötzlich war meine Hand leer.» Aurie steht am Rand einer Quartierstrasse in den USA. Sie zeigt, wie sie diese mit dem kleinen Xzavier überquerte, als eine Autofahrerin heranschoss, viel zu schnell und ohne zu bremsen. Xzavier überlebte den Unfall. Football, das er so sehr liebte, wird er aber nie mehr spielen. Der 8-Jährige ist querschnittgelähmt, rund um die Uhr versorgen ihn Schläuche mit Sauerstoff. Der Grund für seine Behinderung mass 14 Zeichen: «I'm on my way» (ich bin unterwegs) tippte die Autofahrerin ins Handy, als sie in Xzavier fuhr.

Xzaviers Unfall ist eine von vier Geschichten, die der erfolgreiche deutsche Regisseur Werner Herzog in seinem neuen Dokumentarfilm schildert. «From One Second to the Next» (Von einer Sekunde auf die andere) wurde letzte Woche in den USA erstmals gezeigt und ist nun im Internet verfügbar. In den USA ist das SMS-Schreiben beim Autofahren mittlerweile ein grosses Problem: Mehr als 100'000 Unfälle jährlich werden dem SMS-Schreiben zugeschrieben, Tendenz stark steigend. Herzog hat den Film als Auftragsarbeit gedreht, er ist Teil einer grossen Präventionskampagne. So war Xzaviers Mutter bereits im Frühling in Radiospots zu hören, wie sie schildert, was für sie das Schlimmste am Unfall sei: «Ich kann ihm nicht mehr sagen: Geh spielen.»

Ein Viertel schreibt am Steuer

In der Schweiz war das SMS-Schreiben am Steuer bisher kein grosses Thema, doch könnte sich dies mit den veränderten Kommunikationsgewohnheiten ändern. Immer mehr junge Leute schreiben eher Textnachrichten, als dass sie zum Telefon greifen – und sie sind sich gewohnt, mit Freunden oder dem Partner den ganzen Tag über online in Kontakt zu bleiben. Entsprechend gross wird die Versuchung sein, auch im Auto rasch mit «Ja» zu antworten oder «Fünf Min. später». Bereits in den letzten Jahren ist die Zahl der SMS-schreibenden Autofahrer gestiegen: In einer Umfrage des Bundesamts für Statistik gaben 2011 24 Prozent aller Befragten an, schon einmal SMS am Steuer geschrieben zu haben. 2007 waren es erst 11 Prozent (siehe Grafik unten).

Die Gefährlichkeit des SMS-Schreibens am Steuer ist unbestritten: Drei Sekunden lang ein SMS-Schreiben bedeutet bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h einen Blindflug von 42 Metern. Wie viele Unfälle auf das Schreiben von SMS zurückzuführen sind, ist allerdings nicht zu eruieren. Polizei, Behörden und Fachleute vermuten, dass die Dunkelziffer hoch ist. In der Schweizer Unfallstatistik werden solche Fälle unter Unaufmerksamkeit und Ablenkung verbucht. In dieselbe Kategorie fallen aber auch das Telefonieren, das Lesen von Lieferscheinen, das Bedienen des Navigationsgeräts oder des Radios. Insgesamt fielen 2012 19 Prozent aller Unfälle in diese Kategorie.

Die Fälle von SMS am Steuer separat auszuweisen, scheitert allerdings in erster Linie an etwas anderem als an der Statistik: Kaum ein Fahrer gibt zu, zum Unfallzeitpunkt ein SMS geschrieben zu haben. «Mir ist kein Unfall bekannt, bei dem wir dies nachweisen konnten», sagt der Zürcher Staatsanwalt Jürg Boll, der auf Verkehrsdelikte spezialisiert ist. Das leuchtet ein: Wer ehrlich ist, erleichtert zwar vielleicht sein Gewissen, muss aber mit einer härteren Strafe rechnen. «Ich habe auf das Auto auf der Überholspur geachtet» klingt vor dem Richter besser als «Ich habe meiner Freundin ein SMS geschrieben».

Schweres Vergehen

Hart bestraft werden kann aber auch, wer nur beim SMS-Schreiben erwischt wird. Entscheidend ist dabei, ob dem SMS-Schreibenden eine Gefährdung der anderen Verkehrsteilnehmer nachgewiesen werden kann. Das kann sein, wenn jemand auf der Autobahn Schlangenlinien fährt und auf die andere Spur gerät, sagt Staatsanwalt Boll. Dabei spielt aber keine Rolle, ob sich tatsächlich jemand in der Nähe befand – allein die theoretische Gefährdung genügt. Eigentlich handelt es sich aber wohl bei praktisch jedem SMS-Schreiben um ein schweres Vergehen – dazu genügt schon, wenn jemand seinen Blick drei Sekunden lang nicht auf den Verkehr gerichtet hat, wie Boll ausführt. In der Praxis sei dies selten nachzuweisen: «Da müsste schon ein Streifenwagen nebenherfahren oder jemand dies filmen.»

Fachleute gehen davon aus, dass in Zukunft noch mehr Textnachrichten am Steuer geschrieben werden. «Vor ein paar Jahren diente uns das Handy nur zum Telefonieren», sagt Bettina Zahnd, Leiterin der Unfallforschung bei der Versicherung AXA Winterthur. «Mittlerweile verführt uns das Mobiltelefon während des Fahrens zunehmend auch zum Schriftlichkommunizieren oder Surfen auf Webseiten wie beispielsweise Facebook. Solche Ablenkungen nehmen durch die Verbreitung von Smartphones und Co. leider stetig zu.» Die Frage sei aber auch, inwiefern das Lesen und Schreiben auf dem Smartphone frühere Ablenkungen wie CD wechseln und gleichzeitig Zigaretten rauchen ablösen, sagt Zahnd.

Härtere Strafen gefordert

Die Verkehrssicherheitsexpertin hält denn auch die Prävention für das Wichtigste: «Die Sensibilisierung hört nie auf, es gibt immer wieder neue Fahranfänger, die sich selber überschätzen.» Man müsse «diese jungen Lenker möglichst rasch mit der Realität in Kontakt bringen», sagt Zahnd. Ebenso sieht dies Stefan Krähenbühl von der Strassenopferstiftung Road Cross. «Man muss den Leuten klarmachen: Fahren und gleichzeitig das Handy bedienen geht nicht. Auch wenn du glaubst, dass du es kannst: Es geht nicht. Ein SMS schreiben reicht, um ein Leben auszulöschen.» Krähenbühl wünscht sich zudem, dass den Autofahrern klargemacht wird, dass SMS-Schreiben kein Kavaliersdelikt ist und schwere Strafen zur Folge haben kann. «Es dürfte ruhig einmal ein Richter eine härtere Strafe aussprechen», sagt Krähenbühl, der sich davon eine abschreckende Wirkung verspricht.

Für die nächsten Jahre sind in der Schweiz gleich zwei grosse Präventionskampagnen geplant: Die eine ist eine Wiederholung der letztjährigen Kampagne Keine Ablenkung, an der sich alle Zürcher Polizeikorps und zudem das Ost- und das Zentralschweizer Polizeikonkordat beteiligen. Ab nächstem Jahr wird schliesslich unter der Federführung des Schweizerischen Versicherungsverbands eine grosse Kampagne ebenfalls gegen die Ablenkung beim Autofahren laufen. In welcher Form dabei auf das SMS-Schreiben eingegangen wird, ist noch unklar, das Benutzen des Smartphones im Auto wird aber sicher eine Rolle spielen.

Und die Täter in Herzogs Dokumentarfilm? Was sie in ihren SMS schrieben, als sie einen Unfall verursachten, ist höchst belanglos im Vergleich zu einem Menschenleben. Er habe seiner Freundin «Ich liebe dich» geschrieben, sagt ein Mann, der mehrere Menschen tötete. Er wisse es nicht mehr, sagt ein anderer, der zwei Männer getötet hat. «Alles, woran ich denken kann, sind diese beiden Familien», sagt er. «Als ich ein SMS schrieb, entschied ich mich, dass dies mir mehr Wert war als die Leben dieser zwei Männer. Es ist eine egoistische Entscheidung, zu schreiben und zu fahren.»

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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