«Im Gymnasium sind viele Kinder, die nicht dorthin gehören»

Die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern sieht Handlungsbedarf im Schulsystem der Schweiz. Nur die intelligentesten Schüler sollen Zugang zum Gymnasium und später zur Universität erhalten.

Diese Schüler des Gymnasiums Kirschgarten in Basel haben die Prüfung geschafft – einige aber wohl nur dank intensiver Nachhilfe.

Diese Schüler des Gymnasiums Kirschgarten in Basel haben die Prüfung geschafft – einige aber wohl nur dank intensiver Nachhilfe. Bild: Georgios Kefalas

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Die Gymiprüfungen sind vorbei. Für manch ein Kind ist eine Welt zusammengebrochen, weil es die Aufnahme nicht geschafft hat. Was raten Sie diesen Familien?
Elsbeth Stern: Natürlich ist ein Misserfolg nie schön. Aber wir müssen alle damit leben, dass wir nicht alles haben können, was wir gern gehabt hätten. Deswegen geht die Welt nicht unter, erst recht nicht die der Eltern. Die sollten ihr Kind darin unterstützen, dass es auch ein Leben ohne Gymnasium gibt. Die Erwartung, alle müssten ins Gymnasium, ist sowieso verkehrt.

Wieso?
Weil es als Vorbereitung für den Besuch der Universität dient. Und weil heute viele Kinder an den Gymnasien sind, die dort eigentlich gar nicht hingehören. Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa 30 Prozent der Gymnasiasten einen zu tiefen Intelligenzquotienten für diese Schulstufe haben. Heute würde ich diese Zahl sogar noch nach oben korrigieren.

Wer sagt denn, welcher IQ fürs Gymnasium der richtige sei?
Die Bürger selbst. Die Schweiz hat das Ziel, dass 20 Prozent der Kinder aufs Gymnasium sollen, damit sie später Zugang zu einer Universität haben. Wenn man die intelligentesten 20 Prozent der Jugendlichen nimmt, müsste der minimale IQ für das Gymnasium bei 112 Punkten liegen. Dort gibt es aber viele Kinder, die darunter sind.

Weshalb ist das ein Problem?
Weil dann viele Leute eine Matura haben und an die Universität gehen, die eigentlich die kognitiven Fähigkeiten nicht mitbringen. Sie drücken das Niveau oder scheitern im Studium oder kommen später in berufliche Positionen, denen sie intellektuell nicht gewachsen sind. Solche Leute wären in anderen Karrierezweigen besser aufgehoben, anstatt anderen den Platz wegzunehmen.

Wie schaffen es denn diese «Falschen» ins Gymi?
Zunehmend spielt die soziale Herkunft eine grosse Rolle. Wohlhabende Familien leisten sich für ihre Kinder eine intensive Prüfungsvorbereitung oder später vielleicht durch die ganze Gymnasialzeit Nachhilfeunterricht. Im Gegensatz dazu gibt es auch in sozial benachteiligten Familien – etwa bei Einwanderern – intelligente Kinder. Doch die erhalten die notwendige Unterstützung nicht.

Mit Ihrer Einschätzung stehen Sie ziemlich einsam da. Der Gymnasiallehrer Andreas Pfister forderte in der Presse die «Matura für alle». Wer es heute nicht ins Gymi schafft, gilt fast als benachteiligt.
Ich sehe das nicht so. In der Schweiz gehen ja 80 Prozent der Kinder nicht aufs Gymnasium. Das ist also die Mehrheit. Und es gibt wie gesagt sehr gute Wege im Schweizer Bildungssystem, einen hochqualifizierten Beruf zu erlernen, beispielsweise nach einer Berufslehre über die Fachhochschule. Ich habe Kollegen, ETH-Professoren, deren Kinder gehen auch nicht ins Gymnasium. Zum Teil, weil sie es nicht wollen, zum Teil, weil sie die Voraussetzungen dafür nicht erfüllen.

Wenn fürs Gymi weniger die Herkunft eine Rolle spielen sollte, sondern mehr das Potenzial: Soll man also die Aufnahmeprüfung durch IQ-Tests ersetzen?
Nein. Eigentlich bräuchte es beides, Aufnahmeprüfung und IQ-Test. Denn: Auch Intelligenztests kann man üben und wird darin besser, ohne allerdings wirklich intelligenter zu werden. Wenn man also nur auf IQ-Tests setzen würde, würden die Eltern, die jetzt ihre Kinder ins Lernstudio schicken, die Kinder einfach zum IQ-Training schicken. Ich bin für ein kombiniertes System.

«Wohlhabende Familien leisten sich für ihre Kinder eine intensive Prüfungsvorbereitung.»

Elsbeth Stern,
Lernforscherin der ETH Zürich

Wie sähe das aus?
Schulnoten sind schon ein guter Hinweis auf Intelligenz. Wenn aber Lehrer das Gefühl haben, dass Eltern ein Kind pushen, das die Voraussetzungen nicht hat, müsste man prüfen, ob das Kind wirklich geeignet ist. Zum Beispiel mit einem Intelligenztest. Man müsste auch früher darauf achten, dass jene Kinder mit Potenzial entdeckt und auch gefördert werden.

Wie kann das funktionieren?
Primarlehrer sollten zum Beispiel frühzeitig schauen, ob es Kinder gibt, die sehr viel besser in der Mathematik sind als in Sprache. Das wäre ein Hinweis darauf, dass ein Kind mehr Intelligenz mitbringt, als es zeigen kann – weil es zum Beispiel zu Hause sprachlich zu wenig gefördert wird –, egal, ob Schweizer oder aus einer fremdsprachigen Familie. Das Problem ist, dass für Kinder, deren Eltern schon einen Universitätsabschluss haben, heute mehr getan wird als für solche aus bildungsferneren oder eingewanderten Familien. Deren Potenzial sollte mehr genutzt werden.

Immer mehr Kinder haben ein iPad. Kann das die Förderung unterstützen, oder schadet es eher?
Wenn man beispielsweise draufzeichnet, regt das die Fantasie genauso an wie ein Buch. Aber man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird.

Was ist «zu viel»?
Wenn man sich jede Minute damit füllt. Etwas Langeweile kann ganz gut sein.

Langeweile ist gut?
Sie zwingt einen, sich zu über­legen, was die Welt interessant macht. So kommt man auf Ideen, die man sonst nicht hat. Wenn Kinder – und auch Erwachsene – immer das Gerät zur Hand haben, schauen sie nicht mehr, was es um sie herum Interessantes gibt. Sie konzentrieren sich nur noch auf ihre kleine Welt. Dadurch leidet die Neugierde.

Ist das schädlich?
Ich bin dagegen, den Teufel an die Wand zu malen. Aber es ist wichtig, dass man sich bewusst Zeiten setzt, in denen man offline ist. Man sollte sich ab und zu mit seinem Inneren beschäftigen. Sich fragen, welche grösseren Ziele man hat und ob man noch auf dem richtigen Weg ist.

Wie hängen Intelligenz und Kreativität zusammen*?
Intelligenz ist etwas Allgemeines. Im Gegensatz dazu entwickelt man Kreativität oft nur auf einem Gebiet. Und in diesem muss man schon ziemlich viel können, bevor man kreativ werden kann. Schliesslich braucht es für Kreativität auch Mut, etwas anderes zu machen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.03.2017, 10:51 Uhr

Elsbeth Stern im Gespräch. (Bild: mad)

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