Schwere Vorwürfe an Rudolf-Steiner-Schule

Eltern klagen die Schule im Kanton Aargau an, sie zeige sektiererische Züge und beschäftige Lehrer, die Gewalt anwendeten. Der Regierungsrat spricht von einer Ausnahmesituation.

Andernorts funktioniert es: Schülerinnen einer Mittelschulklasse der Rudolf-Steiner-Schule in St. Gallen.

Andernorts funktioniert es: Schülerinnen einer Mittelschulklasse der Rudolf-Steiner-Schule in St. Gallen.

(Bild: Keystone Gaëtan Bally)

Hugo Stamm@HugoStamm

Die Rudolf-Steiner-Schule im aargauischen Schafisheim sieht sich seit Monaten mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Mehrere Eltern sprechen von Mobbing, Ausgrenzung von Schülern, von Unterdrückung und körperlicher Gewalt. Schulbehörden haben Untersuchungen und Verbesserungen angeordnet, Politiker fordern Aufklärung. Eine Mutter hat eine Strafanzeige wegen Tätlichkeit gegen eine Lehrerin eingereicht. Die Mutter wirft der Lehrerin vor, sie habe Kinder ausgegrenzt und an die Wand gestellt – mit dem Gesicht von der Klasse abgewandt: «Unseren Sohn hat sie von hinten derart hart an den Schultern gepackt, dass er blaue Flecken davontrug.» Eine andere Lehrerin wird beschuldigt, sie habe einen Schüler auf den Boden gedrückt und über den Boden geschleift. Eine Mutter sagt, eine Praktikantin habe einen fluchenden Schüler in der Toilette eingesperrt und ihn aufgefordert, seinen frechen Mund mit Seife auszuwaschen. Elf Eltern gelangten an den Kinderschutz Baden oder ans Inspektorat der Volksschule. Die Schule löse Probleme mit Gewalt, die pädagogischen Methoden und Massnahmen seien veraltet, kritisierten sie.

«Karmische Belastung»

Die Vorwürfe betreffen aber auch die Schule selbst, an der 260 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden. Sie zeige sektiererische Züge, beschäftige unqualifizierte Lehrer, und das schulische Niveau des Unterrichts sei tief. Dies stellten offenbar Eltern fest, die ihre Kinder aus der Schule nahmen. «Sie hatten derart grosse Defizite, dass sie ein bis zwei Jahre im Rückstand waren», erklärt eine Mutter. «Wir mussten sie in eine Privatschule geben, wo sie im Einzelunterricht den Schulstoff nachbüffeln mussten.» Die Eltern wollen Schadenersatz von der Schule fordern. «Etliche Eltern sind ebenfalls unzufrieden» erzählt ein Vater, «doch sie wagen es sich nicht aufzubegehren. Sie haben Angst, ihre Kinder würden an den öffentlichen Schulen den Anschluss nicht schaffen».

Die Kritik betrifft auch die anthroposophische Ideologie der Schule. «Als meine Tochter gemobbt wurde, hiess es, dies sei wegen der karmischen Belastung aus einem früheren Leben», sagt eine Mutter gegenüber berneroberlaender.ch/Newsnetz. Sie habe nicht gewusst, dass das anthroposophische Denken derart stark in der Schule verankert sei. Eine andere Mutter klagt, man habe ihr mit dem Rauswurf ihres Sohnes gedroht, wenn sie ihn nicht von einem anthroposophischen Arzt therapieren lasse.

Das Schulinspektorat hat Massnahmen eingeleitet, wie der Aargauer Regierungsrat in seiner Antwort auf eine Interpellation schreibt. Er spricht von einer Ausnahmesituation. «Der Fall Steiner-Schule ist ausserordentlich, deshalb sind auch ausserordentliche Massnahmen nötig», erklärte Monika Morgenthaler, oberste Schulinspektorin.

Der Gemeinderat von Schafisheim beauftragte zwei Fachstellen mit Untersuchungen. «Die Berichte sind für die Rudolf-Steiner-Schule verheerend ausgefallen», erklärte der Rechtsanwalt der unzufriedenen Eltern. Im Bericht heisse es, das vorhandene Personal genüge in der Kindertagesstätte weder bezüglich Anzahl noch Qualifikationen den Anforderungen. Die Gemeindebehörde verlangte Abhilfe bis Ende März, die Schule beantragte eine Fristerstreckung.

Die Schule weist die Vorwürfe der unzufriedenen Eltern vehement zurück: «Unsere Schule nimmt eine ganz klare Haltung ein gegen alle Formen von Gewaltanwendung», sagte Schulpräsident Lucio Carlucci in einem Interview. «Sollte es tatsächlich Fälle von Gewalt gegeben haben, so handelt es sich um isolierte und individuelle Fehlleistungen der betroffenen Lehrperson.» Die Schülerzahlen seien nicht rückläufig, sagte er, und: «Wir haben viele positive Rückmeldungen von Eltern erhalten, die weiter Vertrauen in die Schule haben.»

«Bei uns an der Schule gilt Nulltoleranz, was Gewalt angeht», sagte auch der langjährige Lehrer Joseph Hess. «Entscheidend ist, dass die Integrität des Kindes jederzeit gewahrt bleibt. Unter den Vorwürfen der Eltern gibt es aber einige Vorfälle, die ich persönlich nicht als Gewalt bezeichnen würde.» Die Schulleitung bedauert aber, «dass sie frühere Signale der Eltern nicht richtig wahr- und aufgenommen hat».

Die Lehrerin, die von einer Mutter wegen Tätlichkeit eingeklagt worden ist, bestreitet die Vorwürfe gegen sie: «Ich glaube nicht, dass es übergriffig ist, ein Kind an den Schultern zu fassen.» Bei der Vergleichsverhandlung von vergangener Woche wollte der Staatsanwalt die Mutter zu einem Rückzug der Strafanzeige bewegen, doch sie liess sich nicht umstimmen.

Unterrichtsqualität ausbaufähig

In den letzten Tagen hat der Regierungsrat seinen Bericht veröffentlicht. Dieser kommt zum Schluss, dass die Qualifikationen der Lehrpersonen auf der Schulstufe nicht zu beanstanden seien. Allerdings gebe es Handlungsfelder bei der Schul- und Unterrichtsqualität. Erwähnt werden der Umgang mit Disziplinproblemen, mit Beschwerden und dem internen Qualitätsmanagement. Der Erziehungsrat verlangt, dass die Beurteilungsinstrumente der Schüler überarbeitet werden. «Die Rudolf-Steiner-Schule Aargau ist wieder auf Kurs», schreibt die Schulleitung dazu und freut sich, dass die Schule «die Bewilligungskriterien weitestgehend erfüllt und der ordentliche Betrieb der Schule gewährleistet ist». Sie bekräftigt auch den Willen, «bestmögliche Veränderungen vorzunehmen».

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