Sprachtests schrecken Ausländer ab

Die Zahl der Einbürgerungsgesuche ist deutlich zurückgegangen – zumindest dort, wo die Sprachanforderungen verschärft wurden.

Eine Landessprache zu lernen, ist Voraussetzung für eine Einbürgerung. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Eine Landessprache zu lernen, ist Voraussetzung für eine Einbürgerung. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Wurde der Weg zum Schweizer Pass verschärft oder gelockert? In der Debatte zum neuen Bürgerrechtsgesetz waren beide Ansichten vertreten. Zwar müssen Einbürgerungswillige seit dem 1. Januar nur noch während zehn statt zwölf Jahren im Land gelebt haben, um ein Gesuch stellen zu können – eindeutig eine Erleichterung, die zudem auf einen Schlag die Zahl der potenziellen Einbürgerungskandidaten erhöht hat. Gleichzeitig wurden aber auch Hürden eingeführt: Neu ist etwa eine Niederlassungsbewilligung zwingend, und die Kenntnis einer Landessprache muss schriftlich belegt werden.

Diese Zeitung hat bei mehreren Kantonen sowie beim Bund nachgefragt, wie sich die Gesuchszahlen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres entwickelt haben. Einzig bei den Einbürgerungsgesuchen wird die Wirkung des neuen Gesetzes sichtbar. Da die Verfahren ein bis zwei Jahre dauern, wurde bislang kaum jemand nach dem neuen Gesetz eingebürgert.

Der Bund ist für die erleichterte Einbürgerung zuständig. Das betrifft beispielsweise Ehepartner von Schweizern. Bis Ende Juni sind 4644 Gesuche eingegangen, ein Drittel weniger als zum gleichen Zeitpunkt in den beiden Vorjahren. Das gleiche Bild zeigt sich bei den ordentlichen Einbürgerungen im Kanton Genf: 2018 wurden bis Ende Juni 1069 Dossiers eingereicht, 2017 und 2016 waren es zum gleichen Zeitpunkt 1634 und 1919 gewesen. In der deutlich grösseren Waadt, die in den letzten beiden Jahren jeweils die zweitmeisten Einbürgerungen aller Kantone vollzogen hat, wurden gar nur 895 Dossiers eingereicht. Wie stark die Gesuche zurückgegangen sind, kann das zuständige Amt in Lausanne aber nicht sagen, weil sie zuvor in der Waadt auf Gemeindeebene eingereicht werden mussten. In vielen Kantonen, darunter Bern, ist das bis heute der Fall.

Werbung für Einbürgerung

In den angefragten Deutschschweizer Kantonen zeigt sich bei den ordentlichen Einbürgerungen ein anderes Bild: In Zürich (4193 Gesuche) und Basel-Stadt (365) sind die Zahlen im ersten Halbjahr 2018 im gleichen Rahmen wie vor dem neuen Gesetz. In der Stadt  Bern (129) ebenfalls.

Sowohl Basel und die Stadt Zürich als auch Genf und die Waadt haben im letzten Jahr bei ihrer ausländischen Bevölkerung für die Einreichung eines Einbürgerungsgesuchs geworben. Auch mit dem Hinweis, dies möglichst bis Ende 2017 zu tun, da das neue Gesetz schärfer sei.  Bis zum Jahresende hat denn auch überall die Zahl der Gesuche deutlich zugenommen. Eingebrochen ist sie seither aber nur in Genf und der Waadt.

Was sagt das über das neue Gesetz aus? «Bislang fehlt uns eine eindeutige Erklärung für das Tief im ersten Halbjahr 2018», sagt Nathalie Riem vom Genfer Migrationsamt. «Die höheren Sprachanforderungen könnten aber eine Erklärung sein.» Der Bund vermutet hier ebenfalls einen Zusammenhang – auch wenn gesicherte Informationen fehlten. In Basel, Bern und Zürich wiederum betonen die Verantwortlichen, dass sich in Bezug auf die Sprache gar nichts geändert habe.

Wer eingebürgert werden will, muss belegen, dass er mündlich das Niveau B1 hat.

Diese drei Kantone haben schon vor mehreren Jahren das eingeführt, was seit dem 1. Januar schweizweit Minimalstandard ist: Wer eingebürgert werden will, muss belegen, dass er mündlich das Niveau B1 hat. Dies bedeutet, dass er sich einfach und zusammenhängend zu vertrauten Themen äussern kann. Schriftlich wird Niveau A2 verlangt. Also, dass jemand mit einfachen Mitteln zum Beispiel die direkte Umgebung beschreiben kann.

In Zürich gingen die Einbürgerungsgesuche 2015 um 16,5 Prozent zurück, als die neuen Sprachanforderungen eingeführt wurden. In seinem Jahresbericht nannte das zuständige Amt damals die Deutschtests explizit als Grund für den Einbruch.  In Genf wurde bis Ende 2017 nur mündlich A2 verlangt, in der Waadt einzig Französischkenntnisse, und auf Bundesebene stand unter «Voraussetzungen» bislang: «Die Betroffenen müssen in schweizerische Verhältnisse eingegliedert sein.» 

Knapp die Hälfte fällt durch

Sprachnachweis, das bedeutet heute für viele, die sich einbürgern lassen wollen: Sie müssen einen Sprachtest machen. Der Gewerkschaftsbund bietet seit drei Jahren Einbürgerungskurse in der Deutsch- und der Westschweiz an. Zentralsekretär Luca Cirigliano ist einer der Kursleiter.  Die Teilnehmer sind vor allem Leute, die schon lange in der Schweiz leben und gut integriert sind. Die meisten erfüllen die Sprachanforderungen eigentlich problemlos. Trotzdem sagt Cirigliano: «Muss plötzlich ein Test absolviert werden, schreckt das viele ab.» Er spricht von einer psychologischen Hürde. «Tests machen den Leuten Angst, sie wollen sich nicht blamieren. Das erzählen uns Kursteilnehmer immer wieder.»

Durchgeführt werden die Sprachtests für die Einbürgerung von einer Reihe von Instituten. Unter anderem den Migros-Klubschulen. Kostenpunkt: 250 Franken. Das Geschäft boomt dank des neuen Bürgerrechtsgesetzes. Seit 2016 hat die Zahl der bei der Migros durchführten Sprachtests schweizweit um über 200 Prozent zugenommen. 70 bis 80 Prozent der Teilnehmer bestehen den mündlichen Teil, 50 bis 60 Prozent den schriftlichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2018, 07:39 Uhr

Änderung für dritte Generation

Seit Mitte Februar ist die erleichterte Einbürgerung für Ausländer der dritten Generation in Kraft. 2017 hatten sich an der Urne 60 Prozent dafür ausgesprochen, dass Menschen einfacher zum Schweizer Pass kommen, deren Grosseltern eingewandert sind. Die SVP hatte im Abstimmungskampf vor Masseneinbürgerungen gewarnt. Ende Juni waren gemäss Staatssekretariat für Migration aber nur 341 Verfahren hängig. (ldc)

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