Zum Hauptinhalt springen

Ärztekontrollen sind teilweise kontraproduktiv

Ein Arzt, der mehr verschreibt als der Durchschnitt, wird gebüsst. Das führt zu Mehrkosten, weil die Hausärzte ihre Patienten aus Angst vor Sanktionen direkt zu teuren Spezialisten schicken.

Der im Kanton Aargau praktizierende G.O.* ist ein kostentreibender Arzt. So jedenfalls sieht es der Krankenkassenverband Santésuisse. Weil seine Kosten 30 Prozent höher ausfielen als die seiner Kollegen, drohte ihm Santésuisse mit Rückzahlungsforderungen. «Wir überprüfen von Gesetzes wegen, ob ein Arzt übermässig viel Kosten verursacht – und fordern allenfalls Geld zurück», sagt Felix Schneuwly von Santésuisse.

G.O. begründet seine Kosten mit der hohen Zahl Alzheimer- und Diabetes-Patienten, die teure Medikamente und viel Betreuung benötigen. Zudem habe Santésuisse bei der Berechnung mehrere Hundert Patienten «vergessen». Tatsächlich schicken viele Patienten, die selten zum Arzt gehen und eine hohe Franchise haben, ihre Rechnung erst gar nicht der Kasse – sie müssen ohnehin alles selber bezahlen. Fehlt aber ein Beleg, erscheinen diese «günstigen» Patienten nicht in der Statistik des Arztes, und die Durchschnittskosten steigen. Dank der Arbeit seines Anwalts kam G.O. schliesslich ungeschoren davon. Dafür ist sein Rechtsvertreter jetzt um 20’000 Franken reicher.

Schwarze Schafe eruieren

Beim TA haben sich mehrere Ärzte mit ähnlichen Erfahrungen wie G.O. gemeldet. Teilweise waren sie mit Zahlungsforderungen von 200’000 Franken konfrontiert. «Das löst pure Existenzangst aus», sagt ein Arzt. Andere sprechen von «Schikane» und falscher Datenerhebung. Santésuisse-Mann Schneuwly weist die Vorwürfe zurück: «Wir wollen die schwarzen Schafe unter den Ärzten eruieren.» 2006 hätten 596 der gut 17’000 Ärzte einen Brief erhalten. Die meisten von ihnen konnten die hohen Kosten begründen. Lediglich 38 mussten total 2 Millionen zurückzahlen.

Unterlassungen wegen Kostendruck

Obwohl letztlich wenig Ärzte zur Kasse gebeten werden, warnt G.’O. vor den negativen Folgen des Verfahrens: «Die Gefahr besteht, dass ein Arzt aus Kostengründen auf eine nötige Abklärung verzichtet.» Dies treffe vor allem ältere und chronisch kranke Patienten. «Ich musste für eine Alzheimer-Patientin einen neuen Hausarzt suchen. Mehrere Kollegen lehnten ab, da sie zu hohe Kosten befürchteten. Ein kurz vor der Pensionierung stehender Arzt hat sich schliesslich erbarmt», sagt G.O. Im Tessin, wo die Wogen in dieser Frage besonders hoch gehen, musste sich vor ein paar Monaten ein Allgemeinpraktiker gegenüber dem Kantonsarzt rechtfertigen. Er hatte aus Kostengründen bei einer Patientin trotz (später erhärteten) Verdachts auf Hepatitis auf eine Laboranalyse verzichtet. «Ich sah mich einerseits mit Rückforderungen von Santésuisse konfrontiert, weil ich scheinbar zu viele Analysen mache. Gleichzeitig hatte ich eine Klage am Hals, weil ich aufgrund von zu wenig Analysen eine Hepatitis übersehen hatte», sagt H.F.*

Neben der Ärzteschaft übt auch der Physiotherapieverband Kritik an Santésuisse. «Die Ärzte versuchen, Kosten zu sparen, indem sie weniger Physiotherapie verordnen», sagt Präsidentin Omega E. Huber. Laut einer Umfrage des Verbands, an der sich 674 Physiotherapeuten beteiligt haben, stellen 83 Prozent einen Rückgang von ärztlichen Verordnungen fest.

G.O. bestätigt, dass er Physiotherapie zurückhaltender verschreibt: «Wenn ein Patient oft Physiotherapie benötigt, schicke ich ihn zum Rheuma-Arzt, damit dieser die Verordnung ausstellt. Beim Rheumatologen fällt dies nicht negativ ins Gewicht.» Und wenn ein Patient über Jahre hinweg teure Medikamente benötige, weise er ihn zum Spezialisten, der ein Jahresrezept ausstelle. Seither hat G.O. kein Problem mehr wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit – auch wenn die Behandlung beim Spezialisten teurer ist als jene beim Hausarzt und die Gesamtkosten im Gesundheitswesen dadurch steigen.

Krankenkassen sehen Problematik

Schneuwly räumt ein, es sei tatsächlich ein Problem, dass Hausärzte Patienten aus Kostengründen an einen Spezialisten verweisen. Die Vorwürfe der Physiotherapeuten weist er indes zurück. Zwischen 2004 und 2007 seien die Physiotherapiekosten in der Grundversicherung von 471 auf 519 Millionen gestiegen: «Wir stellen keinen Rückgang fest – im Gegenteil.»

Überhaupt ist Schneuwly der Ansicht: «Ärzte und Physiotherapeuten brechen eine Rationierungsdiskussion vom Zaun, um ein vernünftiges Kontrollsystem zu diskreditieren.» Die Ärzte können allerdings seit neustem auf Support aus dem Parlament zählen. Vor zehn Tagen hat die Gesundheitskommission des Nationalrats drei Initiativen gutgeheissen (wovon eine von FMH-Vizepräsident Ignazio Cassis), die eine Revision des Wirtschaftlichkeitsverfahrens fordert. Demnach soll Santésuisse künftig bei der Kostenüberprüfung auch den Krankheitsgrad der Patienten eines Arztes berücksichtigen. G.O. begrüsst diesen Schritt zugunsten der Hausarzt-Medizin: «Etwas muss geschehen, denn unser Beruf verliert kontinuierlich an Attraktivität.»

* Namen der Redaktion bekannt

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch