Aufruf zum Streik!

Der Frauenstreik ist bitternötig. Und Gründe zum Mitmachen hat Tamara Funiciello genug.

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In fünf Tagen streiken wir. Die Frauen in diesem Land legen ihre bezahlte und unbezahlte Arbeit nieder.

Wir streiken, weil mindestens 800'000 Frauen in der Schweiz bereits sexuelle Gewalt erlebt haben.

Wir streiken, weil 12 Prozent der Frauen in diesem Land vergewaltigt wurden – und nur 8 Prozent dieser Frauen es anzeigen, weil die anderen Angst haben, dass man ihnen nicht glaubt.

Wir streiken, weil jede von uns das Gefühl kennt, allein nachts nach Hause zu laufen und Angst zu haben.

Wir streiken, weil unser Nein nichts zählt. Weil unser ­Zuhause nach wie vor der gefährlichste Ort für uns und unsere Kinder ist.

Wir streiken, weil man sich vor Menstruationsblut ekelt – aber Vergewaltigungspornos boomen.

Wir streiken, weil viele denken, Sexismus sei importiert.

Wir streiken, weil Frauen auf der Flucht versklavt, ­vergewaltigt und vergessen werden.

Wir streiken, weil wir nach wie vor für genau die gleiche Arbeit 20 Prozent weniger verdienen.

Wir streiken, weil Frauen und Männer etwa gleich viele Stunden arbeiten – Frauen aber am Ende des Jahres 100 Milliarden weniger auf dem Konto haben.

Wir streiken, weil jede siebte Frau nach der Geburt ihrer Kinder entlassen wird.

Wir streiken, weil die gläserne Decke einfach nicht brechen will.

Wir streiken, weil wir keinen Bock mehr auf Diättipps in Frauenheften haben.

Wir streiken, weil wir nach wie vor untervertreten sind in den Parlamenten.

Wir streiken, weil es Newswert hat, dass eine Frau in den Bundesrat gewählt wird.

Wir streiken, weil Frauen jedes Jahr unbezahlte Arbeit im Wert von 248 Milliarden leisten. Und im Alter dann trotzdem arm sind.

Wir streiken, weil ohne diese Arbeit – Kinder grossziehen, putzen, waschen, einkaufen, sich um andere sorgen – unsere Gesellschaft nicht existieren könnte. Und es trotzdem heisst, es sei Privatsache.

Wir streiken, weil wir alle ein Recht auf Zugang zur ­Fortpflanzungsmedizin wollen – egal, ob wir auf Männer oder Frauen stehen.

Wir streiken, weil Frausein mehr ist, als eine Gebärmutter zu haben.

Wir streiken, weil einige Frauen keine haben.

Wir streiken, weil wir uns 2 Milliarden für Kampfjets ­leisten können – aber Geld für Elternzeit angeblich keins da ist.

Wir streiken, weil Pflegerinnen schlechter bezahlt ­werden als Offiziere. Die einen brauchen wir, die anderen nicht.

Wir streiken, weil wir eine Gesellschaft wollen, die sich an den Bedürfnissen orientiert – nicht am Profit.

Wir streiken, weil Bäuerin kein bezahlter Beruf ist – Bauer aber schon.

Wir streiken, weil wir die ganze verfluchte WM schauen wollen.

Wir streiken, weil die 300 reichsten Menschen in ­diesem Land 60 Milliarden reicher geworden sind – aber die einzige vorgeschlagene Lösung für das ­angebliche Loch in der AHV die Erhöhung des Frauenrentenalters ist.

Wir streiken, weil «. . . wie ein Mädchen» ein Schimpfwort ist.

Wir streiken, damit unsere Töchter gleichberechtigt ­leben können. Und unsere Söhne auch. Und damit unsere Männer sie gross werden sehen.

Wir streiken für einen Systemwechsel. Und gegen den Klimawandel.

Wir streiken aus Solidarität mit allen Frauen, weltweit.

Wir streiken zur Erinnerung an die Kämpfe, die unsere Mütter und Grossmütter ausgefochten haben – denn auf ihren Schultern stehen wir.

Wir streiken aus all diesen Gründen – oder vielleicht auch nur aus einem. Wir streiken gemeinsam, so wie es uns passt, so wie wir wollen und können. Jede nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten. Ohne der ­Fantasie eine Grenze zu setzen, ohne Barrieren, ohne Vorschriften, ohne verstaubte patriarchale Konzepte.

Sondern frei, feministisch und radikal.

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