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Barroso kämpft um sein Vermächtnis

Der abgetretene EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sollte am Alpensymposium am Dienstagabend in Interlaken über die Zukunft Europas reden. Es wurde eine Verteidigung seiner zehnjährigen Arbeit.

In seinem gemütlichen Gesicht tut sich nichts: José Manuel Barroso, bis 2014 EU-Kommissionspräsident.
In seinem gemütlichen Gesicht tut sich nichts: José Manuel Barroso, bis 2014 EU-Kommissionspräsident.
Keystone

Böse Zungen behaupten, José Manuel Barroso habe sich in seinen zehn Jahren als Präsident der EU-Kommission kaum je Gehör verschaffen können. Schon gar nicht bei den Staatschefs.

Umso trotziger wirkt daher seine letzte Amtshandlung in Brüssel – zweieinhalb Monate ist das her: «Ihr werdet weiter von mir hören», tippt da der Portugiese in sein Smartphone. Dann drückt er auf «Twittern». Seit dieser Kurzmeldung an die Onlinewelt hat Barroso Ruhe gegeben. Bis am Dienstagabend. In Interlaken meldet er sich erstmals wieder öffentlich zu Wort. Am Alpensymposium soll der bald 59-Jährige über das sprechen, worauf er nun keinen Einfluss mehr hat: die Zukunft Europas.

Das ist an sich ein spannendes Thema – gerade aus aktueller Schweizer Sicht. Doch zum angespannten Verhältnis zwischen Brüssel und Bern, zum Streit um die Personenfreizügigkeit sagt Barroso von sich aus keinen Ton. Und Moderator Stephan Klapproth braucht im Gespräch danach eine geschlagene halbe Stunde, ehe er Barroso ganz zum Schluss dann doch noch eine Frage dazu stellt. Doch Barroso ist Fuchs genug, um Klapproth ins Leere laufen zu lassen. Ohne dass dieser nachhakt, lobt der Christdemokrat artig die Schweiz, betont ihre Wichtigkeit für die EU, verleiht seiner Hoffnung Ausdruck, dass eine Lösung möglich sei.

Auch bei seinen knappen Ausführungen zur europäischen Zukunft bemüht Barroso eingeübte Floskeln. Er verbreitet routiniert Optimismus – weil Pessimismus derzeit so populär sei, wie er meint. Die EU habe ihre Belastbarkeit bewiesen, den «existenziellen Stresstest» bestanden. Nun müsse sie sich in einem organischen Prozess weiterentwickeln, Schritt für Schritt. Konkret wird Barroso nicht. Er bleibt bei abstrakten Visionen und frommen Wünschen von einem starken, stabilen, geeinten Europa. «Nur gemeinsam können wir im globalen Wettbewerb bestehen.»

Sein Vortrag ist ein Plädoyer für den europäischen Integrationsprozess.Er ist um Lockerheit bemüht, wirkt weniger steif und blutleer als noch bei seinen präsidialen Auftritten. Aber ein charismatischer Redner ist er immer noch nicht. Er arbeitet sich auf der Bühne in hohem Tempo durch seine Rede. Ob er dabei von verlorenen Illusionen spricht oder der Leidenschaft für Europa – in seinem gemütlichen Gesicht tut sich nichts, die Gestik bleibt mechanisch.

Dem Portugiesen fehlt der Sinn fürs Dramaturgische. Er meidet Pausen, rhetorische Überraschungen, einprägsame Bilder. Er pflegt eher einen Verlautbarungsstil: Barroso spricht, wie eine Behörde schreibt. So bleibt sein Werbespot für Europa den Zuhörern so fern wie die EU ihren Bürgern.

Genau so habe Barroso auch sein Amt ausgeübt, werfen ihm seine vielen Kritiker vor. Zu lange habe er es allen recht machen wollen – mit dem Ergebnis, dass keiner zufrieden war. Barrosos Referat ist auch eine Antwort darauf. Er kämpft um sein Vermächtnis, seinen Platz in den Geschichtsbüchern. Er will sich seine Arbeit nicht schlechterreden lassen, als sie war.

«All die Untergangspropheten hatten unrecht», sagt er etwa. Die Kräfte der Integration seien stärker als jene der Spaltung: «Darauf können wir stolz sein.» Barroso präsentiert sich als standhaften Überlebenden der heftigen Krisen, die Europa in seinen zwei Amtszeiten heimsuchten: Zuerst lehnten Franzosen und Holländer 2005 die geplante EU-Verfassung ab. Danach kam es 2008 zur Finanz- und Schuldenkrise, gefolgt von der Ukraine-Krise. Zugleich hat die Union in dieser Zeit die Zahl ihrer Mitgliedsländer beinahe verdoppelt.

Zu Recht nennt Barroso das «die schwierigsten Jahre seit der Gründung der EU». Doch wenn er angesichts des Arbeitslosenheeres, des wachsenden Wohlstandsgefälles und der fortschreitenden Europa-Skepsis sagt, dass die EU heute besser dastehe als vor zehn Jahren, geeinter, stärker und besser auf künftige Krisen vorbereitet, dann wirkt das doch reichlich zurechtgebogen.

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