Berner Bauern wollen unabhängiger vom Staat werden

Berner Bauern schlagen Reformen vor, welche die Abhängigkeit vom Staat verringern sollen. Sie diskutieren diese am Freitag mit Avenir-Suisse-Direktor Peter Grünenfelder, einem Verfechter von Marktöffnung und Freihandel. Er lobt die Reformideen.

Mehr Wertschöpfung: Dieses Credo haben Anita Rudin, Werner und Brigitte Thommen sowie Christian Rudin (von links) mit der Steinmühle verwirklicht, welche ihren Dinkel mahlt.

Mehr Wertschöpfung: Dieses Credo haben Anita Rudin, Werner und Brigitte Thommen sowie Christian Rudin (von links) mit der Steinmühle verwirklicht, welche ihren Dinkel mahlt. Bild: Marcel Bieri

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Freihandel und Marktöffnung. Das sind Begriffe, die Bauern scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Aber nicht alle Bauern mauern. Die Berner Bauern lassen sich morgen auf eine Dis­kussion mit einem Verfechter von Markt und Freihandel ein. Peter Grünenfelder, Direktor der liberalen Denkfabrik Avenir Suisse, ist vehementer Gegner der gegenwärtigen protektio­nistischen Agrarpolitik, die der Schweizer Bauernverband (SBV) verbissen verteidigt.

Der Berner Bauern-Verband, der grösste Kantonalverband des SBV, empfängt Grünenfelder zwar auch nicht überschwänglich, aber doch mit ehrlichem Interesse. Bestens illustriert dies das Thema des Diskussionsan­lasses. Man will mit Grünenfelder vor der versammelten Berner ­Agrarlobby über «mehr Markt» reden.

Unzufrieden sind alle

Die heutige Agrarpolitik krankt laut Grünenfelder gleich an mehreren Stellen. «Die Bauern kommen trotz hoher Arbeits­belastung und hoher staatlicher Unterstützung auf keinen grünen Zweig», sagt er. Auch die ökologischen Probleme bleiben trotz zahlreicher Vorschriften ungelöst. Als ob dies nicht genügte, verteuere die Abschottung des Agrarmarkts die Lebensmittel.

«Die Bauern ­kommen trotz hoher Arbeits­belastung und hoher staatlicher Unterstützung auf keinen grünen Zweig.»Peter Grünenfelder Direktor Avenir Suisse

Fast noch mehr als Grünenfelder hadern die Bauern mit der blockierten Situation. Der Konflikt hat sich gar vertieft, seit der Bundesrat Anfang November in seiner Gesamtschau zur Landwirtschaft klarmachte, dass er Zollschranken, welche inländische Bauern vor Weltmarktpreisen schützen, markant senken will. Der SBV wies das Papier schnaubend zurück. Man könne es «schreddern».

Auch die Berner Bauern fühlen sich überfahren, doch statt auf stur zu schalten, setzen sie der Regierung eine verlockende ei­gene Vision entgegen. «Wir wollen die Abhängigkeit vom Staat reduzieren», schickt der Geschäftsführer Andreas Wyss voraus. Mittelfristig müsse man mit weniger Direktzahlungen vom Staat auskommen. Dies bedinge einen Umbau dieses ersten Pfeilers der Schweizer Agrarpolitik. Inwieweit eine Anpassung des zweiten Pfeilers, also eine Senkung des Grenzschutzes, für die Landwirte verkraftbar wäre, sei noch zu prüfen.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung stellte jüngst in einer Studie jedoch fest, dass nicht die Bauern am meisten von der jährlichen Verteuerung von Importen im Rahmen von rund 3,5 Milliarden Franken profitierten, sondern der Detailhandel oder der Verkäufer von Dünger und Saatgut. Der Grenzschutz sei insofern ein schlechtes Instrument zur Hebung bäuerlicher Einkommen.

Radikal vereinfachen

Bei den Direktzahlungen ist die Meinung der Berner Bauern schon klar: Das heutige System, das die Zahlungen zum grössten Teil an bewirtschaftete Flächen und zum Teil nach wie vor an die Produktion kopple, sei zu kompliziert und ineffizient. Darum schlagen sie eine radikale Vereinfachung des Systems vor. Künftig sollen nur noch zwei Arten von Direktzahlungen fliessen. Ist ein Betrieb ökonomisch, ökologisch und sozial gut unterwegs, wofür er einen Nachweis erbringen müsste, soll er einen Basisbeitrag für die Nachhaltigkeit erhalten. «Wir gehen von etwa 25 000 Franken pro Vollzeitbetrieb aus», sagt Wyss vom Berner Bauern-Verband. In der Summe wäre das dann ein Drittel der heute 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen pro Jahr.

Die anderen zwei Drittel sollen für Leistungen fliessen, für die es keinen Markt gebe. Dazu zählt er beispielsweise Aufwände zur Förderung der Biodiversität oder für das Bewirtschaften von Flächen, die sonst verwalden würden. Diese finanzielle Unterstützung würde regional stärker variieren als heute.

Näher zum Kunden

Parallel zur Neuausrichtung der staatlichen Agrarpolitik müssten Bauern mehr Erlös aus ihren Produkten erwirtschaften. «Für den Konsumenten bedeutet dies nicht unbedingt höhere Preise», beschwichtigt Wyss. Entscheidend sei, dass den Bauern wieder ein höherer Anteil der Wertschöpfung des Endprodukts bleibe und Verarbeiter und Handel auf einen Teil ihrer gestiegenen Marge verzichten. Gelungen sei dies etwa in der biologischen, aber auch bei der integrierten Produktion (Marienkäfer-Logo). Der Schlüssel sei das richtig gewählte und hergestellte Rohprodukt, das der Bauer selber weiterverarbeite. Dies funktioniere im Grossen wie im Kleinen.

Dem Credo des Bundesrats, dass Bauernhöfe ihr Heil im Wachstum suchen müssten, stellt er konkrete Gegenbeispiele entgegen. Etwa einen Gemüsebauern, der mit nur 0,3 Hektaren Gemüseanbau doppelt so viel verdient wie davor mit 1,3 Hektaren. Gelungen ist ihm dies laut Wyss dank Direktvermarktung. Ein anderes Beispiel ist die Urdinkel-Erfolgsgeschichte aus Baselland (siehe Porträt rechts).

Wyss ist überzeugt: Regionale, qualitativ hochstehende Produkte finden Käufer, selbst wenn sie etwas teurer sind. «Konsumenten wollen Schweizer Bauern unterstützen. Heute kommt aber zu wenig vom Preis, den sie bezahlen, beim Bauern an.» Im Klartext wollen die Berner Bauern Macht vom Zwischenhandel zurückerobern.

«Konsumenten wollen Schweizer Bauern unter­stützen. Heute kommt aber zu wenig vom Preis, den sie bezahlen, beim Bauern an.»Andreas Wyss, Berner Bauern

Grünenfelder von Avenir Suisse lobt das Engagement der Berner Bauern: «Deren Reformidee täte der Schweiz gut.» Was der SBV hingegen vertrete, sei auf die Dauer schlecht für die Bauern. Für ihn gibt es auch aus gesamtwirtschaftlichen Überlegungen keine Alternative zu mehr Markt und weniger Staatsabhängigkeit. Er ist überzeugt, dass gute Bauern – von denen gebe es ja viele – damit umgehen könnten.

Beim SBV traf die Berner Initiative bisher nicht auf offene Ohren. Der Verband schreibt dazu, man frage sich, ob ein «grundlegendes Reset» ratsam sei oder ob Anpassungen nicht auf der heutigen gesetzlichen Basis möglich seien. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.01.2018, 09:28 Uhr

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«Die Bauern investieren die meisten Stunden für den geringsten Verdienst», führte Martin Rufer vom SBV aus. Beispielsweise machten die Kosten für das Getreide zwischen 6 und 11 Prozent des Preises eines Brots aus. «Es braucht in den Wertschöpfungsketten ein Umdenken.» Gefordert sind laut dem SBV auch die Bauernfamilien. Sie könnten mit Direktverkauf sowie kürzeren Wegen zum Konsumenten versuchen, ihren Anteil am Konsumentenfranken zu erhöhen, heisst es in einem gestern präsentierten Bericht.

Das grösste Sorgenkind aber bleibe die grosse Menge wenig differenzierbarer Produkte, die an die grossen Abnehmer gehen. «Gefragt sind grundsätzlich angemessene Preise, ­welche die Kosten decken und Investitionen in die Zukunft ­erlauben», sagte SBV-Präsident Markus Ritter.

Dies sei die Voraussetzung für eine nachhaltige, umweltschonende und tierfreundliche Landwirtschaft, ergänzte National­rätin Adèle Thorens (Grüne, VD). Mit der Fair-Trade-Initiative will ihre Partei dafür sorgen, dass sich die Schweiz für bessere ­Bedingungen für die Bauern auf der ganzen Welt einsetzt. Der gemeinsame Appell lautet: fairer Handel statt Freihandel.sda

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