Bis zu 50'000 Blutspender mehr – dank der Zulassung von Senioren

Seit 2012 dürfen Menschen über 65 hierzulande Blut spenden. Mit Folgen: Die Zahl der Spender steigt deutlich. Im Gegensatz zur EU hält die Schweiz aber an einer Alterslimite fest.

Ältere Menschen sind besonders treue Blutspender – doch der Spenderschutz setzt Limiten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ältere Menschen sind besonders treue Blutspender – doch der Spenderschutz setzt Limiten. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Stefan Häne@stefan_haene

Der Aufruf ertönte zuletzt Ende Juni. Die Blutspende SRK Schweiz appellierte damals an die Bevölkerung, sich vermehrt Blut abzapfen zu lassen. Bereits vor Beginn der Sommerferien hätten sich Probleme bei der Blutversorgung abgezeichnet. Die Lagerbestände seien bei einzelnen Blutgruppen unter den Minimalbestand gefallen, warnte die Institution des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK). Nun ist der Sommer und damit eine traditionell kritische Zeit passé; die befürchtete Unterversorgung ist jedoch ausgeblieben. Rudolf Schwabe, Direktor der Blutspende SRK Schweiz, spricht auf Anfrage zwar von einer «engen Situation», beschränkt allerdings auf Rhesus negative Blutgruppen, die in der Be­völkerung relativ selten vorkämen.

Zufall ist diese Bilanz nicht. Schwabe bestätigt, dass Engpässe heute seltener aufträten als vor zehn und mehr Jahren. Mit ein Grund dafür ist der sinkende Blutverbrauch in der Schweiz. Im letzten Jahr ging er um 6 Prozent zurück und damit so stark wie noch nie. Die Spitäler gehen mit dem wertvollen Rohstoff Blut heute haushälterischer um als in der Vergangenheit. Auch fürs laufende Jahr erwarten Ex­perten eine – wenn auch nur leichte – Abnahme. Allerdings warnt die Blutspende SRK Schweiz vor falschen Schlüssen: Entstehe der Eindruck, es gebe genug Blut, könne dies die Motivation potenzieller Spender dämpfen – mit der Konsequenz, dass schnell Engpässe aufträten. Blut­produkte sind nämlich nur kurz haltbar. Blutplättchen verfallen nach 7 Tagen, rote Blutkörperchen nach 42; sie können also nicht auf Vorrat beschafft werden.

Experten sehen kein Risiko

Umso wichtiger ist daher ein möglichst mächtiger Spenderstamm. Im Wissen darum hat die Blutspende SRK Schweiz eine Neuerung eingeführt: Seit Anfang 2012 dürfen hierzulande auch über 65-Jährige Blut spenden, sofern sie sich bereits früher mindestens ein Mal Blut abnehmen liessen. Mit 75 Jahren ist aber spätestens Schluss – unabhängig vom Gesundheitszustand des Spenders.

Damit ist eine neue Gruppe von Spendern entstanden; andere bleiben weiter ausgeschlossen. Anders als etwa bei ­homosexuellen Männern sieht die Blutspende SRK Schweiz in der Zulassung von Senioren kein Risiko. Man kenne bei regelmässigen Spendern den Verlauf wichtiger Parameter wie Puls, Blutdruck oder Hämoglobingehalt, sagt Schwabe. «Wir können diese Personen somit weiter mit gutem Gewissen zur Spende zulassen.» Altersorganisationen begrüssen die Neuerung. Für Pro Senectute Schweiz entspricht sie «dem Trend und den Bedürfnissen einer neuen Gene­ration von Menschen im Pensionsalter, die körperlich fit sind und sich aktiv ins gesellschaftliche Leben einbringen».

Die Ausweitung der Zulassungskriterien schenkt mehr ein, als die Verantwortlichen bei ihrer Lancierung erwartet haben. So ist seit Ende 2011 bis Ende 2013 die Zahl aller Spender um 32'000 auf 414'000 angewachsen (+8 Prozent). Laut Schwabe ist das zu einem guten Teil eine direkte Folge der Neuregelung. ­Angaben zu früheren Jahren liegen nicht vor. Schwabe erwartet mittel­fristig 40'000 bis 50'000 Spender über 65 Jahren. Diese Zielgruppe, sagt Schwabe, sei sehr wertvoll, handle es sich bei älteren Menschen doch oft um besonders treue Spender. Die Erfahrung zeige, dass es bis zu vier Neuspender brauche, um einen solchen zu ersetzen.

Strengere Regel als in der EU

Fiele die Alterslimite von 75 Jahren, würden noch mehr Senioren Blut spenden. Österreich etwa kennt eine solche Schranke nicht. Die Menschen dort dürfen lebenslang zum Blutspendedienst. Sie müssen dafür bloss gesund sein und ihre erste Spende vor dem 60. Lebensjahr getätigt haben. Das Land orientiert sich dabei an einer entsprechenden EU-Richt­linie. Eine Einschränkung gibt es indes: Hat eine Person länger als zehn Jahre nicht mehr Blut gespendet, gilt sie automatisch als Erstspender. Ein 70-Jähriger, der zehn Jahre oder länger nicht mehr ­aktiv war, wird daher nicht zugelassen; er gilt wieder als Erstspender.

Die Blutspende SRK Schweiz will das Österreicher Modell nicht werten. Die Situation sei international heterogen. «Wir fallen nicht aus der Reihe», sagt Direktor Schwabe. In Deutschland etwa beträgt das Höchstalter für Erstspender 65 Jahre, für Mehrfachspender 68 Jahre. Drei der sechs Blutspendedienste des Deutschen Roten Kreuzes haben jedoch den Spielraum der EU-Richtlinie genutzt und das Höchstalter gestrichen. Eine Sprecherin betont aber, die Spendetauglichkeit der Senioren werde am Blutspendetermin vom Arzt akribisch geprüft.

Dass das Schweizer Modell vergleichsweise konservativ ist, begründet Schwabe mit dem Spenderschutz. Je älter eine Person sei, desto höher sei das Risiko einer – womöglich versteckten – Schwächung einzelner Funktionen des Körpers. «Für uns ist es zentral, dass wir bei keinem Blutspender das Risiko unnötig erhöhen und damit gegebenenfalls eine Krankheit auslösen würden», sagt Schwabe. Die Blutspende SRK Schweiz plant denn auch nicht, die Limite von 75 Jahren aufzuheben. Auch die Zulassungsbehörde Swissmedic, die das Blutspendewesen in der Schweiz überwacht, erachtet die geltende Regel als zweckmässig. Sie sei gemäss heutigem Wissensstand sowohl für Spender wie auch für Empfänger «verantwortbar».

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