Chaostage bei Pro Tell

Heftige Kritik prominenter Mitglieder und wirre Aussagen zu Waffensuiziden: Im Waffenlobby-Verein brodelt es kurz vor der Generalversammlung gewaltig.

Machte sich im Parlament für ein allgemeines Waffentragrecht stark – und verteidigt nun das Recht auf Suizid mit Schusswaffen: SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor.

Machte sich im Parlament für ein allgemeines Waffentragrecht stark – und verteidigt nun das Recht auf Suizid mit Schusswaffen: SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor.

(Bild: Keystone)

«Wer Waffengesetze verschärft mit dem Ziel der Suizidprävention, behindert auch die Bürger in der Ausübung eines Menschenrechts.» So argumentiert der Waffenlobby-Verein Pro Tell auf seiner Website. Er kämpft zurzeit an vorderster Front gegen die geplante Übernahme der EU-Waffenrichtlinie, zu der die Schweiz wegen des Schengen/Dublin-Abkommens verpflichtet ist.

Für das bereits angekündigte Referendum legt sich die Gesellschaft für ein freiheitliches Waffenrecht, wie sich der Verein auch nennt, bereits Argumente zurecht. Dazu gehört auch die Abwägung, ob die Einschränkung des Waffenbesitzes Suizide vorbeugen kann. Die Antwort von Pro Tell fällt deutlich aus: «Die Rolle des Staates ist es, die öffentliche Sicherheit sicherzustellen und nicht den Einzelnen zu schützen. Ansonsten müsste man ja auch Fahrzeuge, Brücken und Züge verbieten. Das wäre schon ein bisschen zu viel, nicht?», führt der interimistische Präsident Jean-Luc Addor auf Nachfrage des Onlineportals «Vice» aus.

Aus Gründen der öffentlichen Sicherheit hat sich SVP-Nationalrat Addor im Parlament auch dafür eingesetzt, dass in der Schweiz gewöhnliche Bürger in der Öffentlichkeit Waffen tragen dürfen – bei entsprechender Schulung im Schiessverein. Heute muss dafür ein Schutzbedürfnis ausgewiesen werden, weshalb fast nur Ordnungskräfte wie Polizisten oder Grenzbeamte dazu berechtigt sind. Der Walliser wollte mit seiner (erfolglosen) parlamentarischen Initiative ein sofortiges Eingreifen bei Attentaten ermöglichen.

Kritik aus den eigenen Reihen

Es sind solche Aussagen und Forderungen, die andere waffenfreundliche Bürgerliche zunehmend ärgern. Kurz vor der Pro-Tell-Generalversammlung vom Samstag, an der auch SVP-Verteidigungsminister Guy Parmelin auftreten wird, häuft sich die Kritik an der Vereinsspitze. SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni etwa ist aus Protest gegen Addor und dessen neue Führungsriege aus dem Waffenlobby-Verein ausgetreten. Als Schützin und Jägerin sei sie 14 Jahre lang Mitglied von Pro Tell gewesen, sagt Flückiger-Bäni der «Aargauer Zeitung». Die Aargauerin ist befremdet ob des rauen Umgangstons und des «Putsches», mit dem Addor und dessen Gefolgschaft die Führung übernommen hätten. «So geht man in Schützenkreisen nicht miteinander um.» 2016 war der langjährige Präsident Willy Pfund abgesetzt worden. Sein Nachfolger Hans-Peter Wüthrich trat nach kurzer Zeit wieder zurück. Seither leitet Addor die Waffennarren interimistisch. Nun soll am Samstag ein neuer Präsident gewählt werden.


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Die Turbulenzen und die Radikalisierungstendenz beschäftigen auch den waffenfreundlichen FDP-Ständerat Josef Dittli, der selbst kein Pro-Tell-Mitglied ist: «Die derzeitigen Ereignisse bei Pro Tell stimmen mich schon etwas nachdenklich», sagt er im AZ-Bericht. Der Urner präsidiert gemeinsam mit Addor die Parlamentarische Gruppe für ein freiheitliches Waffenrecht, der 60 Parlamentarier angehören. Dittli stellt sich «klar» gegen die Forderung von Addor und «gleichgesinnten Protagonisten», die sich für das Recht auf ein öffentliches Waffentragen einsetzen. Auch SVP-Nationalrat Werner Salzmann, der an vorderster Front gegen die verschärfte Waffenrichtlinie kämpft, hatte sich wiederholt gegen Addors Forderung ausgesprochen.

Die Generalversammlung am Samstag wird mit darüber entscheiden, wohin Pro Tell in Zukunft steuert: Wird der Verein noch radikaler? Oder holen sich die gemässigten Kräfte die Macht zurück? Für viele bürgerliche Waffenfreunde ist klar: Nur die zweite Option wird dem Verein Ruhe bringen.

rbi

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