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Como – Chiasso retour

Viele Migranten versuchen, nach Chiasso zu kommen – und von dort weiter nach Deutschland. Schlepper wittern ein Geschäft. Doch die Grenzschützer sind auf der Hut. Ein Bericht aus einer Zwischenwelt.

15 Uhr in Como: Ibrahim zeigt sein Bahnbillett nach Zürich.
15 Uhr in Como: Ibrahim zeigt sein Bahnbillett nach Zürich.
Rahel Guggisberg
17 Uhr in Como: Migranten warten am Bahnhof.
17 Uhr in Como: Migranten warten am Bahnhof.
Rahel Guggisberg
Como, August 2016: Mehrere Hundert Migranten zelten im Park.
Como, August 2016: Mehrere Hundert Migranten zelten im Park.
Keystone
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Drei junge, dunkelhäutige Männer sitzen auf einer langen Treppe. Sie führt von der Stadt direkt zum Bahnhof in Como. Ihre Blicke sind leer, gelangweilt. Nur einer von ihnen antwortet auf die Frage, wohin er will. Auf Englisch sagt er: «Ich gehe nach Deutschland, weil die Deutschen uns lieben.» Dort habe er Verwandte. Er zieht ein Ticket aus der Tasche: Chiasso–Zürich einfach. Bis hier hat er die Kosten für die Reise aufgebracht. Nennen wir ihn Ibrahim.

Auch in diesem Jahr hält der Flüchtlingsstrom an. Jede Woche greift das Grenzwachtkorps (GWK) Hunderte Migranten an der Südgrenze auf. Ein Grossteil der Flüchtlinge ohne Asylabsichten wurde im Tessin registriert. Das Zielland der Migranten ist oft Deutschland.

Die Chancen auf deutsches Asyl sind aber wegen neuer Gesetzesanpassungen gesunken. Deutschland hat sich weitgehend von der Willkommenskultur verabschiedet und nicht anerkannte Flüchtlinge sollen schneller abgeschoben werden.Bei den Migranten ist diese Botschaft aber noch nicht angekommen.

«Deutschland wird helfen»

Gestartet ist Ibrahim vor eineinhalb Jahren. In den Nachrichten hat er damals im September 2015 ge­sehen, dass Hunderttausende Richtung Europa unterwegs waren. Weiss er denn nicht, dass es auch in Deutschland nicht einfach ist, bleiben zu können? ­Ibrahim zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf: «Deutschland hilft mir auch und wird mir Arbeit geben.» Arbeit habe ihm in der Heimat gefehlt. Beruf erlernt hat er keinen. Armut, Perspektivlosigkeit und Unsicherheit trieben ihn zur Flucht.

Also machte er sich auf den Weg. Zu Fuss und mithilfe von Schleppern durchquerte er Senegal, Mali, Burkina Faso und Niger und landete schliesslich in Li­byen, wie er erzählt. «Die Reise war sehr gefährlich. Ich hatte aber Glück, konnte mit Gelegenheitsjobs Geld verdienen, um die Kosten zu tragen», sagt Ibrahim.

In Libyen wollte er wegen des Kriegs nicht lange bleiben. Er fand Schlepper, die ihn für 2000 Euro über das Meer brachten. «Angst hatte ich vor dem Wasser. Ich kann nicht schwimmen. Doch in Lampedusa kam ich wohlauf an», erzählt der Gambier.

Vor sechs Wochen erreichte er Süditalien und reiste dann im Zug nach Norden: Neapel, Rom, Bologna, Mailand, Como. Ibrahime kramt in der Tasche seiner Jeans das Handy hervor. Beim 22-Jährigen kommt Wehmut auf. Er zeigt Bilder von seiner Mutter in Gambia. Mit der Familie tele­foniere er von Zeit zu Zeit. Die Handys sind für die Migranten essenziell: Es ist die Verbindung zur Heimat und zu anderen Flüchtlingen.

«Er will nicht bleiben»

Bald will Ibrahim mit zwei anderen Afrikanern durch die Schweiz nach Deutschland reisen. Sie haben sich in Como kennen gelernt. «Es ist wichtig, in einer Gruppe zu reisen. Wir passen aufeinander auf.» Länger in Italien zu bleiben, sei für ihn keine Option:

Ibrahim zeigt nach rechts, auf den Park vor dem Bahnhof. Am Tag ver­teilten sich die Menschen auf die Stadt. Im Park vor dem Bahnhof in Como standen bis im September zahlreiche Zelte. Die Bilder dieser Lager gingen um die Welt. Im letzten Herbst wurden sie geräumt.

Die Menschen wurden aufgefordert, in ein nahe ge­legenes Containerdorf zu ziehen. Dort übernachten ist keine Option? «Ich will nicht in Italien registriert werden. Das riskiere ich, wenn ich im Containerdorf bin», so Ibrahim. Die Migranten werden dort registriert, wo sie zum ersten Mal ein Asylgesuch stellen.

Bald will Ibrahime versuchen, in die Schweiz zu gelangen. Wann genau, wisse er noch nicht. Er steht auf, winkt und macht sich auf den Weg, um etwas zu essen zu kaufen.

Italiener patrouillieren

Es ist 15.30 Uhr. Bei den Gleisen des Bahnhofs San Giovanni warten Dutzende Migranten. Sie beobachten die Regionalzüge. Einer hält an. Kein Migrant steigt ein. Grund sind die italienischen Grenzbeamten, die gerade pa­trouillieren. «Wir halten Migranten ab, nach Chiasso zu fahren», sagt einer auf Anfrage.

Der Re­gionalzug schliesst die Türen, fährt weiter ins Tessin. Die Fahrt von Como nach Chiasso, von Italien in die Schweiz, kostet 2 Franken und dauert nur neun Minuten. Die Gruppe zieht sich zurück, entfernt sich vom Bahnhof. Sie warten auf eine bessere Gelegenheit, den Zug zu besteigen, ohne Polizisten.

Einige versuchten ihr Glück schon anderswo. Etwa ein 30-jähriger Senegalese erzählt: «Mehrere Nächte wollte ich über die Grenze am Brenner nach Österreich reisen. Ohne Erfolg. Austria is closed», bestätigt er.

Mensch im Koffer

Es ist 20 Uhr am Bahnhof in Chiasso. Drei Grenzwächter stehen auf dem Perron bereit. «Wir sind heute nur mit wenig Personal vor Ort», sagt Hauptmann Patrick Benz. Der 42-jährige Chef des Fachbereichs Migration des GWK trägt eine dunkelblaue Uniform, an seinem Gürtel hängen Schlagstock und Pistole.

Immer wieder werden Einheiten aus der ganzen Schweiz nach Chiasso versetzt, um den Ansturm an der Süd­grenze zu bewältigen. Die genaue Zahl ist ein gut gehütetes Geheimnis des Bundesrats. Der Migrationsdruck auf die Schweiz ist laut Benz klar gestiegen, nachdem Frankreich wegen erhöhter Terrorstufe gemäss Schengen-Kodex wieder Grenzkontrollen eingeführt hatte. Und auch Österreich kontrolliert am Brenner akribisch.

Jetzt fährt ein Zug aus Como ein. Benz sagt: «Bei Kontrollen im Zug wissen wir nie, was uns erwartet. An einem einzigen Tag im Sommer 2016 haben wir schon knapp 600 Personen ohne gül­tige Papiere festgestellt.» Noch bevor der Zug anhält, checken die Grenzwächter die Passagiere durch die Fenster ab.

Danach steigen sie ein, gehen durch die Gänge. Im Eiltempo und mit scharfen Blicken marschieren sie durch die Abteile, sprechen ein paar Passagiere an, kontrollieren deren Dokumente und Waren. Gesucht werden auch Verstecke. Jeder grosse Koffer wird auf­gehoben. «Im letzten Jahr wurde eine Person im Koffer geschleust», sagt Benz.

Bei einem Sitz bleibt er stehen: «Da war einer», sagt Benz. Ein Kopfhörer liegt vergessen auf dem Sitz. Er klopft an die WC-Tür: «Ist da jemand?» Niemand öffnet. Erst nach mehrmaligem Klopfen geht die Tür auf.

Ausgerechnet Ibrahim, der da steht. «Hello», sagt Patrick Benz. «Haben Sie Papiere dabei?» Der Gambier schüttelt den Kopf. Benz fordert ihn auf zu folgen. Schweigend, mit gesenkten Köpfen, begeben sie sich zum Wartebereich des Grenzwachtpostens. Hier sind bereits Migranten, die das Grenzwachtkorps aus früheren Zügen geholt hat.

Ein Mann fällt auf, mit nigelnagelneuen roten Schuhen. In Como werden die Migranten oft von Helfern mit topmodischen Kleidern ausgestattet. «Er war heute schon am Mittag da. Wir haben ihn zum zweiten Mal aufgegriffen», sagt Benz. Die andern stammen aus Guinea, Äthiopien, Nigeria und Tunesien. Einige trinken Wasser oder essen Getreideriegel. Es riecht nach Schweiss.

Fingerabdrücke und Bändel

Die Grenzwächter befragen nun die Neuen. Danach geben diese ihre Fingerabdrücke ab. Diese werden an die Abteilung Afis DNA Services des Fedpol geschickt. Das automatisierte Fingerabdrucksystem vergleicht die Abdrücke mit den gespeicherten in der Datenbank. Jetzt bekommt Ibrahim einen Bändel um das Handgelenk. Die Nummer darauf soll später ein Durcheinander der Identitäten verhindern.

Die Grenzwächter untersuchen Ibrahimes Gepäck, einen abgewetzten Kinderrucksack. Er ist gefüllt mit Kleidern, einer Flasche Wasser und einem Zugticket nach Zürich. «Wo wollen Sie hin?», fragt Benz Ibrahim auf Englisch. «Ich will nach Deutschland zu meiner Familie und dort arbeiten», antwortet er.

Danach muss Ibrahime mit den anderen in einem Raum warten. Bei vielen sind die Papiere fehlerhaft.

Zurück oder weiterreisen?

Jetzt wird entschieden, wer in das Empfangs- und Verfahrenszen­trum Chiasso überwiesen wird. Und wer zurück muss nach Italien. Benz betont: «Keine Person, die wir rücküberweisen, muss die Nacht draussen auf der Strasse verbringen.»

Diese Anschuldigung habe er in der letzten Zeit oft zu hören bekommen. Jeder Zurückgewiesene übernachte im Rückweisungszentrum in Ran­cate auf der Schweizer Seite der Grenze und bekomme dort ein Bett. Das Zentrum wird vom Kanton Tessin betrieben. Man halte hier an der Südgrenze das Gesetz ein.

Letztes Jahr führte das Grenzwachtkorps 26 000 Menschen gestützt auf ein Rückübernahmeabkommen an die Nachbarstaaten zurück, manche wurden mehrmals erfasst.

Immer mehr Schlepper

Aktuell ist laut Benz seit diesem Dezember, dass in Como vermehrt Schlepper auf die Migranten warten. «Der Migrantenschmuggel nach Europa durch professionelle Schlepperorganisationen ist zu einem grossen ­Geschäft geworden,» so Benz. Como–Lugano werde für ein paar Hundert Euro angeboten. Die Schlepper sind dank Smartphones gut untereinander vernetzt, und bei Kontrollen weichen sie auf Nebenstrassen aus.

Es handelt sich um kleinere und grössere Netzwerke. «Schlepper sind Kriminelle, welche die Notlage von Migranten ausnutzen», so Benz. Neben skrupellosen Profis zieht das kriminelle Geschäft mit Flüchtlingstransporten immer mehr Amateure an. Es be­tätigen sich Menschen in diesem Geschäftsfeld, die zuvor nichts mit Schlepperei am Hut hatten. Die Schlepper sprechen von den Geschleppten, als wären sie eine beliebige Ware.

«Sie suchen in Como, aber auch in Mailand nach Kundschaft. ­Geschleppt werden die Migranten in Autos, im Zug oder über die grüne Grenze», sagt Benz. Schlepper sind oft Landsleute mit Wohnsitz in der Grenzregion, aber auch Schweizer. «Für Grenzwächter bedeutet es einen grossen Erfolg, einen mutmasslichen Schlepper festzunehmen», sagt Benz. Beim Auffinden der Illegalen sei das anders. «Die Schicksale der Aufgegriffenen gehen mir sehr nahe», sagt Benz.

Mittlerweile ist es am Bahnhof in Chiasso 23.30 Uhr geworden. Mit einem Fahrzeug werden zehn Migranten, alles junge Männer, in die vom Kanton Tessin be­triebene Unterkunft in Rancate gebracht. Morgen geht es für sie zurück nach Como.

Gesenkten Blickes steigt Ibrahim in den Kleinbus ein. Er hat die ganze Zeit so getan, als ob er sich nicht an die Begegnung am Nachmittag erinnern würde. Patrick Benz sagt: «Er will nach Deutschland. Da er die Einreisevoraussetzungen für die Schweiz nicht erfüllt und wir kein Transitland sind, weisen wir Ibrahime gestützt auf das Rücküber­nahmeabkommen nach Italien zurück.»

Der Gambier wird aber voraussichtlich erneut versuchen, in die Schweiz zu gelangen. Vielleicht schon morgen wieder. Und das Katz-und-Maus-Spiel beginnt wieder von vorne.

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