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Coop kippt Uncle Ben's und Kinder-Schokolade aus dem Sortiment

Coop greift gegen überhöhte Preise durch. Der Detailhändler will zahlreiche Produkte namhafter Produzenten wie L'Oréal oder Mars nicht mehr anbieten. Migros könnte bald nachziehen.

Harter Verhandlungspoker: Jürg Peritz, Einkaufs- und Marketingchef von Coop.
Harter Verhandlungspoker: Jürg Peritz, Einkaufs- und Marketingchef von Coop.
Keystone

Das gabs noch nie: Weil sich Coop mit den Herstellern L’Oréal, Mars und Ferrero nicht auf tiefere Preise einigen konnte, wirft der Grossverteiler 95 Produkte dieser Konzerne aus dem Sortiment. Umsatzvolumen: gut 30 Millionen Franken. Von L’Oréal sind vor allem die Studio-Line-Produkte betroffen, bei Mars das gesamte Uncle-Ben’s-Sortiment und von Ferrero die Kinder-Schokolade. Das verbliebene Sortiment soll ab nächster Woche zum halben Preis verkauft werden.

Nach dem Aufbrauchen der Lagerbestände weist Coop seine Kunden mit Schildern an den leeren Regalen auf die Situation hin. Laut Jürg Peritz, Einkaufs- und Marketingchef, will Coop damit ein Zeichen setzten. Deshalb, so Peritz gegenüber der «SonntagsZeitung», stünden die Chancen etwa bei 50 Prozent, dass Coop diese Massnahme noch auf weitere Topmarken ausweite. Oben auf der schwarzen Liste stehen nach Informationen der Zeitung Beiersdorf mit seiner Nivea-Linie und Danone mit Produkten wie Evian und Actimel.

Zunächst hatte Coop den betreffenden Herstellern bis Donnerstag, 12 Uhr ein Ultimatum gestellt. Dazu Jürg Peritz: «Diese Frist ist abgelaufen, ohne dass die Betroffenen Bereitschaft gezeigt hätten, ihre Währungsgewinne angemessen an die Kunden weiterzugeben.» Die Konzerne, so die «SonntagsZeitung», wollten sich bisher nicht zur Thematik äussern.

Migros könnte nachziehen

Auch die Migros will reagieren. Herbert Bolliger, Chef der Migros, betonte in den vergangenen Wochen öfters, dass er durchaus bereit sei, Marken uneinsichtiger Hersteller aus dem Sortiment zu kippen. Gemäss Insidern liegt der Grossverteiler neben L’Oréal und Ferrero vor allem mit Nivea-Herstellerin Beiersdorf im Clinch. Ein möglicher Entscheid, diese Produkte aus dem Sortiment zu nehmen, falle «frühestens nächste Woche», sagt Sprecher Urs Peter Naef. Für Beiersdorf-Schweiz-Chef Erhard Schöpfer sind die Forderungen des Handels «völlig unrealistisch». Das Unternehmen habe bereits Anfang 2011 als eines der ersten Währungsvorteile an die Grossverteiler weitergegeben, so Schöpfer.

Derweil wollen Bundesräte per Notrecht die Folgen des starken Frankens bekämpfen. Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann will die Wettbewerbskommission stärken. Finanzministerin Widmer-Schlumpf plant Steuererleichterungen für Export und Tourismus.

Nach dem Gusto von Weko und Preisüberwacher

Die Weko hatte zuvor den Druck auf Migros und Coop erhöht, wie «Der Sonntag» berichtet. «Wir Behörden können nicht die Arbeit von Migros und Coop übernehmen», sagt Rafael Corazza, Chef der Wettbewerbskommission. «Es ist deren Job hart zu verhandeln. Und sonst müssen sie halt die Produkte aus dem Regal nehmen. Ich verstehe nicht, wieso die Detailhändler diesen Schritt nur als ultima ratio bezeichnen. Auslisten ist ein Mittel der Verhandlung, um Druck aufzusetzen.»

Gleicher Meinung ist auch Preisüberwacher Stefan Meierhans: «Es wäre zu leicht, Migros, Coop und Co. von ihrer Verantwortung zu befreien. Es ist ihr Job, im freien Markt für ihre Kunden das Beste herauszuholen. Und dabei ist auch das Auslisten nicht a priori verboten: Jeder einzelne Detailhändler kann Produkte aus dem Regal nehmen.» Verboten jedoch sei, sich bei einem Boykott abzusprechen.

Rückendeckung der Politik

Sollten sich die Detailhändler dennoch zu einer gemeinsamen Aktion entschliessen, erhalten sie Rückendeckung aus dem Parlament. «Ich habe Migros-Chef Herbert Bolliger meine politische Unterstützung schriftlich zugesichert, sollte sich der Detailhandel zu einem Boykott gegen die Importeure zusammenschliessen», sagt FDP-Nationalrat Otto Ineichen im «Sonntag». «Diese überhöhten Preise sind inakzeptabel, ein Boykott wäre die richtige Antwort.»

Am runden Tisch am vergangenen Mittwoch sprach Bundesrat Johann Schneider-Ammann implizit ebenfalls von einer Boykott-Drohung, vor allem in Bezug auf die so genannten «Must in Stock»-Artikel, auf die ein Händler nicht verzichten kann: «Das ‹Must in Stock› ist für mich nicht gottgegeben (...). Vielleicht muss man auch dort einmal ein Zeichen setzen und sagen: Wir lassen uns in diesem Land bezüglich der Importpreise von den internationalen Herstellern nicht alles bieten», so Schneider-Ammann.

Meierhans: «Ich will Zahlen»

Ganz alleine muss der Detailhandel das Problem der hohen Preise aber nicht lösen, denn die Behörden leisten Schützenhilfe – wenigstens für die «Must in Stock»-Produkte, wie zum Beispiel Nivea Crème oder Knorr Gewürze. So hat etwa der Preisüberwacher Stefan Meierhans Migros und Coop einen Brief geschrieben. Darin verlangt er von beiden Detailhändlern präzise Angaben zu den überteuerten Marken-Produkten. «Ich will Zahlen», sagt Meierhans. Damit hätte er etwas in der Hand, wenn er die am Pranger stehenden, internationalen Grosskonzerne zum Gespräch trifft. Er soll mehrere von ihnen angeschrieben haben.

Zudem hat die Weko am 2. August auf ihrer Homepage ein Formular aufgeschaltet, mit dem die «unvollständige Weitergabe von Wechselkursvorteilen» der Kommission gemeldet werden kann. Bis heute sind rund 80 Meldungen eingegangen.

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