Das Geschlecht soll 12 Wochen geheim sein

Der Bundesrat will gesetzlich regeln, wann Ärzte den werdenden Eltern das Geschlecht ihres Kindes mitteilen dürfen. Kritiker bezeichnen diesen Vorschlag als realitätsfremd.

Mittels Ultraschall kann man ab einem gewissen Stadium das Geschlecht des Kindes erkennen. Bluttests geben schon viel früher Auskunft.

Mittels Ultraschall kann man ab einem gewissen Stadium das Geschlecht des Kindes erkennen. Bluttests geben schon viel früher Auskunft.

(Bild: Keystone)

Wirds ein Mädchen oder ein Junge? Das ist eine der vielen Fragen, die werdende Eltern umtreibt. Der Bundesrat will die Mitteilung des Geschlechts neu gesetzlich regeln: Vor Ablauf der zwölften Schwangerschaftswoche soll ein Arzt oder eine Ärztin der schwangeren Frau nicht verraten dürfen, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen erwartet.

Ausnahmen soll es nur geben, wenn eine Krankheit mit dem Geschlecht des Ungeborenen verbunden ist, wenn also zum Beispiel eine Erbkrankheit nur einen Jungen treffen kann. Wenn Ärzte den Eindruck haben, dass die Eltern aufgrund des Geschlechts die Schwangerschaft abbrechen würden, sollen sie dieses auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche für sich behalten.

All dies will der Bundesrat im Rahmen der Revision des Bundesgesetzes über genetische Untersuchungen beim Menschen regeln. Letzte Woche hat er den entsprechenden Entwurf zusammen mit der Botschaft zuhanden des Parlaments verabschiedet.

Neue Tests, neue Regelung?

Das heute geltende Gesetz sieht vor, dass das Geschlecht nur zum Zweck der Diagnose einer Krankheit festgestellt werden darf. Bei Ultraschalluntersuchungen prüfen Ärzte den Gesundheitszustand, erkennen in der Regel aber auch, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist.

Es gebe derzeit keine gesetzliche Vorschrift darüber, wie sie mit dieser Erkenntnis umzugehen haben, hält der Bundesrat in seiner Botschaft fest. Ärzte können also den Eltern mitteilen, welches Geschlecht sie erkennen können. Allerdings ist dies erst bei den Ultraschalluntersuchungen um die zwanzigste Schwangerschaftswoche möglich.

Eine neue Regelung drängt sich laut dem Bundesrat deshalb auf, weil in den letzten Jahren Bluttests auf den Markt kamen, die das Geschlecht schon ab der vollendeten neunten Schwangerschaftswoche angeben. Sie bergen für Mutter und Kind kein gesundheitliches Risiko und werden durchgeführt, um etwa eine Chromosomenstörung abzuklären.

Das Geschlecht kann dann quasi als Nebendiagnose mitgeliefert werden. Da in der Schweiz Frauen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden können, wäre es theoretisch möglich, dass sie ein Kind abtreiben, weil dessen ­Geschlecht nicht ihrem Wunsch entspricht. Das soll mit dem ­neuen Gesetzestext verhindert ­werden.

Kritik im Vorfeld

Der Gesetzesvorschlag ist im Vorfeld nicht nur auf Begeisterung gestossen. Bei der Vernehmlassung hätten sich etliche Teilnehmende «kritisch bis ablehnend» geäussert, schreibt die Ver­waltung.

Die kritischen Stimmen hätten die Regelung als realitätsfremd und nicht praktikabel beurteilt. Sie sei überholt, weil Tests zur Bestimmung des Geschlechts bereits im Internet erhältlich seien. Zudem stelle ein Verbot der Mitteilung des Geschlechts eine bedenkliche Einmischung in die Arzt-Patientin-Beziehung dar. Und schliesslich verletze der Gesetzesentwurf das Recht auf Selbstbestimmung und auf Wissen.

Am letzten Punkt setzt auch die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin mit ihrer Stellungnahme zu Pränataltests ein: Wenn der Staat das Recht auf Auskunft über vorhandene genetische Informationen einschränke, dann brauche er dafür eine besonders starke Begründung. Die Argumente für ein Mitteilungsverbot während der ersten 12 Wochen seien allerdings nur wenig überzeugend.

Heikel sei zudem, dass der Gesetzgeber auf diese Weise bestimmte Merkmale wie im aktuellen Fall das Geschlecht schütze. Auf der anderen Seite nehme er aber andere Merkmale wie etwa Trisomie von diesem Schutz aus. Es sei ein wesentlicher Unterschied, ob ein einzelnes Paar persönlich und individuell entscheide, welche Eigenschaften schützenswert seien oder ob dies der Gesetzgeber tue.

Parlament forderte Regelung

Als Nächstes wird nun das Parlament den Gesetzesentwurf beraten. Dort wird das Anliegen auf offene Ohren stossen, denn es war das Parlament selbst, das den Bundesrat mit dem Entwurf des Gesetzestextes beauftragt hat. 2014 hiessen National- und Ständerat eine Motion von Ständerätin Pascale Bruderer (SP, AG) gut. Sie hatte darauf aufmerksam gemacht, dass ein Missbrauchsrisiko bestehe, wenn das Geschlecht den Eltern als Nebenbefund früher pränataler Tests mitgeliefert werde.

In ihrer Motion forderte sie, dass dieses Risiko reduziert wird. Sie schlug eine Regelung vor, die Labors untersagt, die Geschlechtsangabe Ärzten weiterzugeben, wenn sie nicht mit einer Krankheit im Zusammenhang steht. Der Bundesrat war bereit, die Motion anzunehmen, und hatte angekündigt, man werde im Rahmen der laufenden Gesetzesrevision auch andere Lösungsansätze prüfen.

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