«Das Volk ist ohnmächtig»

Anita Chaaban, die Initiantin der Verwahrungsinitiative, zeigt sich in einer ersten Reaktion zum Bundesgerichtsentscheid im Fall Lucie fassungslos.

Zeigt sich empört ob des Urteils des Bundesgerichts: Die Initiantin der Verwahrungsinitiative, Anita Chaaban. (Archiv, 2004)

Zeigt sich empört ob des Urteils des Bundesgerichts: Die Initiantin der Verwahrungsinitiative, Anita Chaaban. (Archiv, 2004)

(Bild: Keystone)

Felix Schindler@f_schindler

Das Bundesgericht hat entschieden, dass eine Verwahrung von Daniel H. nicht rechtens ist. Was sagen Sie dazu?
Dieses Urteil ist eine Katastrophe, eine Verarschung des Volks sondergleichen. Die Richter in Lausanne legen das Wort «dauerhaft» nun einfach so aus, wie es ihnen gerade passt. Der Fall von Daniel H. ist so klar, mit ein bisschen gesundem Menschenverstand sieht jeder, dass er lebenslänglich verwahrt gehört. Ich frage mich, was braucht es denn noch?

Das Bundesgericht argumentiert, selbst die Initiative verlange eindeutig, dass ein Täter nicht therapierbar sei. Ist das nicht eindeutig?
Nicht therapierbar heisst, dass ein Gutachter jetzt keine Therapiechancen sieht. Es war für uns immer klar, dass ein Psychiater kein Gutachten verfassen kann, das bis in alle Ewigkeit gültig ist. Deshalb steht im Gesetz, dass eine Überprüfung vorgenommen werden kann, wenn neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen.

Glauben Sie, dass Daniel H. jemals wieder freikommt?
Sobald ein Gutachter der Ansicht ist, man könne die Freilassung vertreten, kommt der Täter in eine Massnahme und wird dann freigelassen. Man kann nur hoffen, dass nichts passiert. Die Sicherheitsschranken wären bei einer lebenslangen Verwahrung viel höher gewesen.

Daniel H. hat eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine ordentliche Verwahrung erhalten. Solange ein Gutachter der Meinung ist, er sei noch gefährlich, wird er niemals freigelassen. Reicht das nicht?
Man hat schon bei vielen Tätern gesagt, sie würden nicht freigelassen, solange sie noch gefährlich sind. Das Risiko besteht, mit diesem Urteil bleiben solche Täter eine Gefahr für die Gesellschaft.

Daniel H. hat die Höchststrafe erhalten. Jetzt sprechen Medien bereits davon, das Bundesgericht habe bei Daniel H. Gnade walten lassen. Haben Sie nicht den Eindruck, dass viele Strafe und Verwahrung vermischen?
Bei der Verwahrung geht es einzig um den Schutz der Gesellschaft, nicht um eine Strafe. Dabei geht es nicht um Sühne, sondern einzig um die Verhinderung von weiteren Straftaten.

Glauben Sie, dass man diese Gefahr komplett ausschliessen könnte?
Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht, das ist klar. Aber wir müssen solche Täter von der Gesellschaft fernhalten. Das Volk ist ohnmächtig. Jetzt braucht es unsere Initiative erst recht, mit der auch die Richter bei falschen Urteilen in die Pflicht genommen werden können.

Gutachter stellen Prognosen. Es besteht immer die Gefahr, dass entweder ein gefährlicher Täter freikommt oder dass ein ungefährlicher Täter im Gefängnis bleibt. Was ist schlimmer?
Das ist sehr hypothetisch. Wir können nie genau wissen, ob ein Gefangener eine Straftat begehen würde, wenn er in Freiheit wäre. Aber wir müssen klare Grenzen setzen. Das hat das Volk mit der Verwahrungsinitiative gemacht.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt