Das Wallis muckt auf und misstraut Olympia

Die Promotoren drohen mit ihren Plänen für Sion 2026 zu scheitern.

60 Prozent der Walliser haben wohl keine Lust auf olympischen Rummel: Werbeweste des Pro-Komitees. Foto: Keystone

60 Prozent der Walliser haben wohl keine Lust auf olympischen Rummel: Werbeweste des Pro-Komitees. Foto: Keystone

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Die Unterlagen für die Olympiaabstimmung vom 10. Juni schlummern in Briefkästen oder liegen bereits auf Küchentischen. Doch auf dem Abstimmungstalon werden die Walliserinnen und Walliser die 100 Millionen Franken, die der Kanton in die Austragung der Spiele investieren will, nicht lesen. Stattdessen stellt der Staat die sperrige Frage: «Wollen Sie den Beschluss des Grossen Rates vom 9. März 2018 betreffend die finanzielle Unterstützung des Kantons Wallis für die Organisation der Olympischen Winterspiele Sion 2026 annehmen?» Die Fragestellung wirkt nicht wirklich dynamisch, sondern eher so, als solle das Volk lediglich bestätigen, was seine Vertreter in Parlament und Regierung bereits für gut befunden haben.

Doch fast 60 Prozent der Walliser gelüstet nicht nach Olympischen Spielen. Gemäss einer Umfrage des Westschweizer Fernsehens stimmen 58 Prozent der Befragten Nein oder eher Nein und nur gerade 42 Prozent votieren Ja oder eher Ja. Die Nein-Sager befürchten Auswüchse bei den Kosten, obschon Regierungsrat Frédéric Favre seit Tagen im Stakkato wiederholt, «es gibt kein Defizit, es gibt keine Schulden», und auch CVP, FDP, Teile der SVP und Wirtschaftsverbände für Sion 2026 weibeln. Vergebens. Eine Mehrheit findet den Slogan «Kurzes Fest, langer Kater» der Olympiagegner überzeugender.

Keine Furcht vor der Obrigkeit

Das liegt auch daran, dass die Debatte für und wider Sion 2026 längst keine rein politische mehr ist. Aufseiten der Olympiagegner haben sich Leute eingereiht, die keiner Partei angehören und sich auch sonst nicht politisch betätigen. Sie bezeichnen sich als Vertreter der Zivilgesellschaft, sprechen für den kritisch denkenden Durchschnittsbürger, bringen Argumente in ihrer eigenen Sprache vor und wagen sich aus dem Schatten der Anonymität. Sie sehen in ihrem öffentlichen Engagement gegen Sion 2026 so etwas wie eine Emanzipation. Etwas, was im Wallis selten geschieht, weil man (auch aufgrund religiöser Traditionen) Obrigkeiten achtet und sich bei Widerstand vor der Repression fürchtet.

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Benoît Carron, Psychologe und Psychotherapeut, ist einer dieser Volksvertreter. Er kennt die Walliser Volksseele und prophezeit: «Viele Bürger, die heute diskret schweigen, sprechen sich am 10. Juni gegen Sion 2026 aus: Unternehmer, Hausfrauen, Bauarbeiter, Anwältinnen, Polizisten, Lehrerinnen, Winzer, Studentinnen, Bauern, Junge und Alte. Diese Leute scheuen die Öffentlichkeit, weil sie sich davor fürchten, stigmatisiert und als rückständig bezeichnet zu werden.» Er vertrete sie in der Olympiadebatte und misstraut auch in deren Namen den Versprechungen von Regierungsrat Favre zutiefst.

Favre spricht bei Sion 2026 von «6000 neuen Stellen, 2 Milliarden Franken für die nationale und kantonale Wirtschaft, neuen Impulsen für den Wintersport und den Ganzjahrestourismus und einem Gesamtumsatz zwischen 4,24 und 5,25 Milliarden Franken.» Carron beeindrucken Favres Zahlen nicht. Er hält sie für hochspekulativ und sagt: «Die Zukunft der Walliser Wirtschaft im Olympiacasino aufs Spiel zu setzen, finden viele inakzeptabel.» Weit verbreitet ist der Verdacht, dass der Steuerzahler Geld lockermacht, dank dem einige wenige einen Haufen Geld verdienen.

Frauen fehlen in der Projektleitung

In kritischen Diskussionen um Sion 2026 taucht immer wieder die Identitätsfrage auf. Wo steht der Kanton? Wie sieht er seine Zukunft? Architekt Léonard Bender sagt: «Olympische Spiele zu organisieren, ist furchtbar einfach. Es ist wie das Spielen mit Lego, man muss einfach die Gebrauchsanleitung des Internationalen Olympischen Komitees buchstabengetreu umsetzen.»

Doch das Wallis müsse zur «Selbstbeobachtung übergehen und sich fragen, was im Kanton nicht funktioniert». Es muss seine Zukunft selbst bestimmen. In der Tatsache, dass einige wenige Immobilienpromotoren die Kandidatur Sion 2026 vorantreiben und Frauen in der Projektleitung nahezu fehlen, sieht Architekt Bender «die Karikatur des heutigen Wallis». Anders ausgedrückt: Bei einer Annahme von Sion 2026 droht ein Rückfall in vergangene Zeiten.

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