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Der alte Mann und die Spiele

Hanspeter Lebrument führt ein Medienhaus und setzt alles daran, dass der Kanton Graubünden für die Olympischen Spiele 2026 kandidiert. Doch ihm droht in dieser Frage die nächste Niederlage.

Samuel Tanner; St. Moritz
Der Bündner Medienunternehmer Hanspeter Lebrument kämpft unverdrossen und gegen starken Widerstand für eine Bündner Olympiakandidatur.
Der Bündner Medienunternehmer Hanspeter Lebrument kämpft unverdrossen und gegen starken Widerstand für eine Bündner Olympiakandidatur.
Keystone

Hanspeter Lebrument ist 75 Jahre alt, und irgendwann in den letzten Jahren ist er zu der Erkenntnis gelangt, dass um ihn herum alles stirbt. Er sitzt in Chur in seinem neu gebauten Medienhaus und stellt fest, dass die Jungen den Kanton verlassen, dass in den Bergdörfern die Hotels schliessen und seine Zeitungen abbestellt werden, weil die Abonnenten sterben.

Jetzt sieht Lebrument nur noch zwei Szenarien für Graubünden: den Tod oder Olympische Spiele. «Etwas Besseres als Olympia ist mir nicht eingefallen», sagt er.

Der Kanton Graubünden entscheidet am Sonntag

Am Sonntag stimmt der Kanton wieder einmal darüber ab, ob er sich für Olympische Spiele bewerben soll. Es geht um das Jahr 2026. Ein Ja ist nicht sehr wahrscheinlich, aber falls es doch dazukommt, weiss Hanspeter Lebrument, wie er die Eröffnungsfeier verbringen möchte: Er wäre um die 85 Jahre alt, rechnet er aus, und gerne hätte er bis dann ein «hochalpines digitales Labor» gebaut, auf der Wiese neben seinem Medienhaus, «zusammen mit Google oder eso» – in dem Labor drin sässe er also und sähe auf dem Bildschirm, wie bei der Eröffnung «ein paar schöne Frauen einen Tanz aufführen».

Hanspeter Lebrument ist Verleger von Bündner Zeitungen, und sein Geschäft ist bedroht – er ist ein alter Mann, aber aufgeben ist keine Alternative. Im Abstimmungskampf der letzten Wochen zog er für sein Land in den Krieg, so muss es ihm vorgekommen sein. Als Kritik von der anderen Seite kam, vor allem von SP-Grossrat Jon Pult, «musste ich dem eine zurückpfeffern» und «e paar hindere haue». Lebrument hockt im Schützengraben und schimpft auf den Feind.

2013 folgte der Kanton dem SP-Politiker Jon Pult

Im Winter 2013 lehnten die Bündner eine Kandidatur für Olympische Spiele im Jahr 2022 grundsätzlich ab. Der Kanton folgte dem damaligen SP-Präsidenten Jon Pult und seiner Argumentation: zu gross, zu teuer, ein zu korrupter Partner mit dem IOC. Nach der letzten Abstimmung öffnete sich für Pult eine Welt: Er galt als neue Hoffnung der Sozialdemokratie, wurde Präsident der Alpeninitiative, trat im Schweizer Fernsehen auf.

Graubünden stirbt, aber Pult geht es blendend, muss sich Hans­peter Lebrument gedacht haben, der schon damals für die Spiele war. Als die Regierung des Kantons nun ein neues olympisches Projekt ausgearbeitet hatte, machte der Verleger in seiner Zeitung «einen Einfluss geltend», wie er das nennt. Er empfing Gemeindepräsidenten in seinem Medienhaus, die für Olympia argumentierten – und liess seine Journalisten darüber berichten. Im «Regionaljournal» von SRF sagte Lebrument im Oktober: «Ja, welche Gründe gibt es denn gegen Olympia?»

«Nicht einmal Fidel Castro hat so sauber autoritär argumentiert», sagte SP-Grossrat Jon Pult. Bild: Keystone
«Nicht einmal Fidel Castro hat so sauber autoritär argumentiert», sagte SP-Grossrat Jon Pult. Bild: Keystone

Jon Pult antwortete ihm in einer Rede im Grossen Rat: «Lebrument hat es auf den Punkt gebracht: Gründe gegen Olympia gebe es keine. Darum stelle sich die Frage gar nicht, ob seine Mitarbeitenden einen kritischen Kommentar verfassen dürften. Wo es nichts zu kritisieren gibt, kann es auch keine Kritik geben. Nicht einmal Fidel Castro hat so sauber autoritär argumentiert.»

Jetzt war für Hanspeter Lebrument der Zeitpunkt gekommen, um zurückzupfeffern. In seiner Kolumne «Aus dem Hochsitz des Alters» kommentierte er: «Ist Pult auf Jobsuche?»

Die Männer betreiben Firmen, die Frauen tanzen

Hanspeter Lebrument war einmal Sportreporter. Noch früher war er Fussballer und Handballer, «fast alle Firmenchefs haben ja als Junge einmal wettkampfmässig Sport betrieben». Er baut am Telefon noch einmal die Welt auf, in der er grossgeworden ist: Die Männer betreiben Firmen, Sport und Politik, die Frauen tanzen. Jetzt kommt ein junger Linker und stellt dauernd Fragen.

Im Dezember hatte Jon Pult seinen Gegner Lebrument in einem Beitrag zu einem Gespräch herausgefordert – und so sassen sie nun also in schwarzen Stühlen im Medienhaus in Chur, die Sendung nannte sich «Extra».

Lebrument brauchte ein bisschen Zeit, um seinen Punkt zu machen: «Wir können nicht einfach nichts machen. Und wie die andere Seite sagen: Es ist uns alles wurst.» Pult zählte ungefähr zehn Ideen auf, die er und seine Leute unterstützten. Lebrument argumentierte mit seinem Gefühl. Pult sagte: «Seit den 60er-Jahren waren alle Spiele defizitär. Ich finde keine Studie, die eine positive Entwicklung nachweisen kann! Und es gibt keine Plausibilität, dass das in Graubünden anders wäre.»

Lebrument weiss:Die Skepsis ist gross

Hanspeter Lebrument ahnt, dass es wieder nichts werden wird mit einer Bündner Kandidatur. Aber selbst Medaillen an diesem Wochenende in der Abfahrt an der Skiweltmeisterschaft werden nicht mehr helfen. «Wir haben hier sehr viele Skeptiker.» Lebrument glaubt jetzt an eine andere Zukunft: Die Kandidatur der Westschweizer bilde eine Einheit, sagt er, das könnte etwas werden. Wenn das Wallis den Zuschlag für die Olympischen Spiele im Jahr 2026 erhält, dann will er fragen, «ob wir da mitmachen können als Medienhaus Chur, im digitalen Bereich oder eso, so weit weg ist das Wallis ja nicht».

Und wenn das Bündnerland ausstirbt, im Medienhaus von Lebrument brennt noch Licht.

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