Der Champagner-Minister

Der Genfer Politiker Guillaume Barazzone führte ein Herrenleben – auf Kosten des Staates.

Gilt als politisches Wunderkind – doch wie werden die Wähler nun mit ihm verfahren: der Genfer Stadt- und Nationalrat Guillaume Barazzone (CVP). Bild: Keystone

Gilt als politisches Wunderkind – doch wie werden die Wähler nun mit ihm verfahren: der Genfer Stadt- und Nationalrat Guillaume Barazzone (CVP). Bild: Keystone

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Seine Auftritte wirken magistral. Seine Reden sind erfrischend. Sein Aussehen ist makellos, sein Freundeskreis illuster. Der Genfer Stadt- und Nationalrat Guillaume Barazzone (CVP) führte schon den ehemaligen US-Aussenminister und Präsidentschaftskandidaten John Kerry, seinen Freund und Vertrauten, in seine Heimat. Genfs Aristokratie applaudierte. Barazzone strahlte.

Doch am Donnerstagmorgen schien der 36-Jährige seine Aura verzweifelt zu suchen. Auf einer Medienkonferenz wirkte Barazzone wie ein Schulbub, den ein Lehrer beim Schummeln erwischte. Ihm war es peinlich, allen war es peinlich, zu erfahren, wie es dazu kam, dass er 2017 der Stadt und damit den Steuerzahlern 42'000 Franken Spesen verrechnet hatte. Der Junggeselle führte ein Herrenleben. Der Staat zahlte: für Champagner um 6 Uhr morgens, nächtliche Cocktails in Karaokebars, für über 100 Taxifahrten grösstenteils zu privaten Treffen und für Handyrechnungen von 17'000 Franken. Dabei hatte Barazzone für solche Auslagen doch eine Spesenpauschale von 13'200 Franken und 2017 als temporärer Stadtpräsident eine Funktionszulage von 6500 Franken kassiert. Als Stadtrat verdient er 25'000 Franken. Die Entschädigung für sein Nationalratsmandat bekommt er obendrauf.

«Teilweise falsch gehandelt»

Die Situation ist delikat. Doch Guillaume Barazzone weiss, wie man sich aus Affären befreit. Er studierte in Genf, Zürich und an der Columbia University in New York Rechtswissenschaften und arbeitete in den renommiertesten Anwaltsfirmen der Schweiz. Barazzone erklärte, er habe des Öfteren die Kreditkarte der Stadt Genf mit der eigenen verwechselt. Unabsichtlich natürlich. Er habe «teilweise falsch gehandelt» und werde darum 58'000 Franken zurückzahlen, als freiwillige Wiedergutmachung. Die Fakten über die Spesenexzesse liegen nun auch bei der Genfer Staatsanwaltschaft. Barazzone hilft, dass die Stadt bislang kein Spesenreglement hatte und auch Regierungskollegen kräftig Spesen kassierten.

Anwalt Barazzone hat den Fall ad acta gelegt. Für den Politiker Barazzone ist die Affäre aber nicht ausgestanden. Dass ihm die Demut vor dem Amt fehlt, scheint offensichtlich. Hätte der Rechnungshof des Kantons Genf die Spesen nicht durchleuchtet, würde Barazzone sein ausschweifendes Leben auf Staatskosten wohl weiterführen. Die Frage ist: Wie verfahren die Wähler mit ihm, der in Genf und Bern seit Jahren als politisches Wunderkind gefeiert wird?

Seine Karriere begann Barazzone 2003 im Genfer Gemeinderat, 2005 schaffte er die Wahl in den Kantonsrat, wurde 2012 Stadt- und 2013 Nationalrat. Heute feiert CVP-Präsident Gerhard Pfister Barazzone unter der Bundeshauskuppel gerne als übernächsten CVP-Bundesrat. Tatsächlich deutete noch vor wenigen Wochen alles darauf hin, dass Barazzone dem höchsten Regierungsamt munter entgegenmarschiert. Doch dann erklärte er plötzlich seinen Verzicht auf eine Ständeratskandidatur, wohl wegen der Spesenaffäre, aber auch weil er eingestehen musste, dass er sich wie FDP-Staatsrat Pierre Maudet auf eine private Ferienreise nach Abu Dhabi einladen liess. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach Maudet nun auch gegen Barazzone. Statt vom Amt als Bundesrat zu träumen, muss sich der 36-Jährige nun erst einmal darum kümmern, als Nationalrat bestätigt zu werden.

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