Der «fünften Schweiz» fehlt das Profil

Rund 775'000 Schweizerinnen und Schweizer leben im Ausland. Um ihre Anliegen kümmert sich der Auslandschweizerrat, der am Freitag in Basel tagte. Die grosse Schwäche der «fünften Schweiz» aber bleibt deren geringe Mobilisierungskraft.

Gastrecht im Basler Rathaus: Der Auslandschweizerrat vertritt die Interessen der «fünften Schweiz».

Gastrecht im Basler Rathaus: Der Auslandschweizerrat vertritt die Interessen der «fünften Schweiz».

(Bild: Auslandschweizer-Organisation / Adrian Moser)

Vor einem Jahr feierte die ­Auslandschweizerorganisation (ASO) in Bern ihr 100-Jahr-Jubiläum. Derzeit findet in Basel der 95. Jahreskongress der Auslandschweizer statt. Am Freitag traf sich dort im Grossratssaal des Rathauses der eben für die Amtsperiode 2017 bis 2021 neu gewählte Auslandschweizerrat (ASR) zu seiner ersten Sitzung.

Der ASR ist das 140-köpfige «Parlament der fünften Schweiz», es tagt zweimal jährlich. Obwohl das Thema nicht auf der Tagesordnung stand, reagierte der ASR dabei auch auf die Schmarotzervorwürfe von FDP-Präsidentin Petra Gössi an die Rentner im Ausland: Mit klarer Mehrheit stellte er sich hinter die Rentenreform.

200'000 allein in Frankreich

Etwa jeder zehnte Schweizer lebt jenseits der Landesgrenzen. Von den rund 775'000 Auslandschweizern wohnt weit über die Hälfte in europäischen Ländern, allein 200'000 in Frankreich. Entsprechend kommen 60 ASR-Vertreter aus europäischen Staaten, 12 von ihnen aus Frankreich.

20 Sitze sind für Inlandvertreter reserviert, dazu gehören etwa der Tessiner CVP-Ständerat Filippo Lombardi, der St. Galler SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel oder die Bundesratskandidatin der FDP Waadt, Isabelle Moret. Sie sollen den Anliegen der Auslandschweizer auch in Bern Gehör verschaffen.

Charakteristische Merkmale der «fünften Schweiz» sind ihre grosse Mobilität, die internationale Vernetzung und die hohe Zahl an Doppelbürgern. Drei von vier Auslandschweizern haben heute zwei Pässe. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist aus Schweizer Sicht seit 1992 kein Problem mehr, ebenfalls seit 25 Jahren ist die briefliche Stimmabgabe möglich. Dadurch sind die Schweizer im Ausland zum politischen Faktor geworden.

In den Stimmregistern eingetragen sind rund 148'000 Auslandschweizer, das entspricht etwa der Zahl der Stimmberechtigten im Kanton Neuenburg. Seit Jahren gehört das E-Voting für alle Auslandschweizer zu den zentralen Anliegen der ASO, die seit 2015 vom früheren Basler SP-Nationalrat Remo Gysin präsidiert wird.

Fragezeichen gibt es bei der Repräsentativität des Sprachrohrs der «fünften Schweiz». Höchstens fünf Prozent aller Auslandschweizer sind weltweit in den Schweizer Vereinen unter dem Dach der ASO organisiert, und sie sind es, die faktisch das Parlament wählen. In Australien und in Mexiko hat man diesmal mit einem E-Voting-Pilotprojekt die vier beziehungsweise zwei Vertreter gewählt. Teilnehmen konnten alle Auslandschweizer, die ihre E-Mail-Adresse auf der Botschaft hinterlegt hatten.

Für die ASO ist dieser Versuch, die Wählerbasis und damit die Legitimität zu erweitern, ein Erfolg. «Das ist eine kleine Revolution für die Auslandschweizerorganisation», wird Sarah Mastantuoni, Co-Direktorin der ASO, auf der News-Plattform Swissinfo zitiert, die eng mit der ASO zusammenarbeitet. Doch die Defizite spiegeln sich auch beim aktuellen Pilotprojekt vor allem in der schwachen Mobilisierung: Die Wahlbeteiligung lag bei rund sieben Prozent.

Brunch auf dem Rhein

Nach der Pflicht folgt heute die Kür: Im Basler Kongresszentrum geht es weiter mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen zum Tagungsthema «Inland- und Auslandschweizer: eine Welt!». Das Eröffnungsreferat hält Bundesrat Alain Berset. Das Jahrestreffen, an dem über 300 Auslandschweizer teilnehmen, endet morgen mit einer Schifffahrt auf dem Rhein.

Berner Zeitung

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