Zum Hauptinhalt springen

Der härteste Polizeikommandant der Schweiz

Luzerns Polizeichef Beat Hensler ist angezählt. Unter ihm sollen mutmassliche Straftäter befördert worden sein. Wer ist der 55-Jährige?

Beat Hensler am 3. Juli bei einer Pressekonferenz zu den Vorkommnissen in seinem Departement. Foto: Urs Flüeler (Keystone)
Beat Hensler am 3. Juli bei einer Pressekonferenz zu den Vorkommnissen in seinem Departement. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Es kommt nicht selten vor, dass Beat Hensler in Luzerner Cafés entspannt mit Bürgerinnen und Bürgern plaudert. Ab und an macht er einen Scherz. Ein Polizeikommandant zum Anfassen sei er, «alles andere als ein Betonkopf», sagt Hans Stutz, ein grüner Luzerner Parlamentarier, der Polizei gegenüber eigentlich kritisch eingestellt. Doch auch Stutz muss anerkennen, dass Hensler gut ankommt. Es heisst, die halbe Stadt habe dessen Handynummer.

In diesen Tagen ist Beat Hensler allerdings nicht erreichbar – weder für die Bürger und schon gar nicht für Journalisten. Gestern Freitag musste er vor dem Regierungsrat antraben und die Beförderungen von Untergebenen erklären, die unter Verdacht stehen oder standen, Strafbares begangen zu haben. Der Luzerner Regierungsrat sprach Hensler das Vertrauen aus. Angezählt bleibt er dennoch. Man hat eine Untersuchung angeordnet.

Die jüngsten Schlagzeilen um den 55-Jährigen sind ein weiteres schillerndes Kapitel in der bald 10-jährigen Karriere des Luzerner Polizeikommandanten, der als härtester der Schweiz gilt. Hensler aber hat nicht nur alle Skandale und Skandälchen bisher unbeschadet überstanden – das CVP-Mitglied hat sich sogar die Anerkennung des politischen Gegners geholt: von den Organisatoren illegaler Partys in Luzern, welche die Polizei oft duldet, bis zum Alt-Bundesrichter Hans Wiprächtiger (SP Luzern), der über Hensler sagt: «Er ist liberal, pflichtbewusst, gescheit.» Wiprächtiger mutmasst, dass jemand aus Neid und Karrierestreben an Henslers Stuhl säge.

Kontrollen im After

Trotzdem: Die Stimmung im Polizeikorps könnte besser sein. Fast täglich meldeten sich in diesen Tagen Luzerner Polizisten auf der TA-Redaktion mit Kritik und Beschuldigungen gegenüber ihrem Chef. Weil die jüngsten Anschuldigungen über die Medien an die Öffentlichkeit gelangten, hat die Regierung jetzt eine Whistleblower-Stelle eingerichtet, an die sich Polizisten wenden können, ohne Nachteile zu haben.

Hensler sorgte vor der Fussball-EM 2008 in der Schweiz und in Österreich ein erstes Mal landesweit für Aufsehen. In seiner damaligen Funktion als Chef der kantonalen Konferenz der Polizeikommandanten forderte er eine flächendeckende Überwachung von Fussballfans: biometrische Daten, Videoüberwachung auf den An- und Rückreisewegen, personalisierte Tickets. Das Vorhaben scheiterte, nachdem es der TA vorzeitig publik gemacht hatte.

Am Tag vor der EM-Gruppenauslosung in Luzern liess er rund 200 Jugendliche einkesseln, die für Freiräume demonstrierten und mit Fussball eigentlich wenig zu tun hatten. Die Protestler wurden in einer Zivilschutzanlage stundenlang festgehalten, mussten sich bis auf die Unterhosen ausziehen – und die Männer unter ihnen mussten Untersuchungen im After über sich ergehen lassen. «Noch nie hatte Luzern eine derart entwürdigende Polizeiaktion gesehen», sagt Herbert Fischer, ein kritischer Beobachter der Polizei und Betreiber des Blogs Lu-wahlen.ch.

Drei Jahre später wurde Beat Hensler von der Schwyzer Staatsanwaltschaft einvernommen. Der Vorwurf: Ein Video der Sondereinheit Luchs sei manipuliert worden, um zu verdecken, dass die Sonderpolizisten zwei zu Unrecht Verhaftete spitalreif geschlagen hatten. Zwei angeschuldigte Polizisten wurden später freigesprochen. Gegen Hensler dagegen wurde nie ein Verfahren eröffnet. Offiziell sind Sequenzen des Videos «zufällig» oder «durch ein Missgeschick» überspielt worden. In Justizkreisen findet man den Fall zumindest «sonderbar».

«In den Luzerner Institutionen stützt man sich gegenseitig», sagt der grüne Politiker Stutz. So seien Karriere und Machterhalt gewährleistet. Und da Hensler ein Mann der Verwaltung sei, verfüge er über eine starke Hausmacht. Bevor er Polizeikommandant wurde, arbeitete der Jurist jahrelang als Departementssekretär im Justizdepartement.

Dennoch wurden Hensler einmal die Grenzen aufgezeigt: Seine Kandidatur für den Regierungsrat 2011 war bei den CVP-Delegierten erfolglos. Stutz sieht den Grund von Henslers Scheitern in den Nachwehen der Videoaffäre.

Alois Hartmann, langjähriger Sekretär der Luzerner CVP, sagt, Hensler habe bei der Nominationsversammlung einen schlechten Eindruck hinterlassen: Er wirkte unsicher und fahrig.

Mit Sinn für Selbstironie

Frisch jedoch zeigte sich Hensler vor wenigen Monaten an der Preisvergabe des Jugend- und Kulturradios 3fach. Gekleidet mit Mütze und Schal des FC Luzern, überreichte ausgerechnet der Polizeikommandant einer Gruppe von jungen Leuten die Auszeichnung für die «Beste Nachtruhestörung». Lokale Medien fabrizierten daraus eine humorlose Aufregung. Andere wie Stutz und Fischer sehen es positiv: Hensler habe Sinn für Selbstironie. Seine Tochter, eines von drei Kindern, arbeitet bei 3fach.

Wie passt das alles zusammen? Der witzige Hensler, der harte Polizeikommandant, der Förderer mutmasslicher Straftäter? Polizeikritiker Fischer sagt: «Beat Hensler hat den Ruf, anständig und tolerant zu sein. Möglicherweise hat er sich gedacht, er wolle fehlbaren Leuten eine zweite Chance geben.»

Hans Stutz überrascht die neueste Affäre gar nicht. Für ihn hat Hensler einfach mehrere Gesichter.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch