Zum Hauptinhalt springen

Der Schein trügt bei der Papizeit

Die Schweiz sei familienpolitisch ein Entwicklungsland in Europa, argumentieren Befürworter eines vierwöchigen Vaterschaftsurlaubs. Ein Blick über die Landesgrenze zeigt aber: Auch bei unseren Nachbarn ist nicht alles Gold, was glänzt.

Trotz Papizeit: Väter reissen sich nicht um die Kinderbetreuung.
Trotz Papizeit: Väter reissen sich nicht um die Kinderbetreuung.
Fotolia

Links der Mitte war man regelrecht empört. Der Bundesrat entschied vorletzte Woche am selben Tag, dass er für die Olympischen Spiele eine Milliarde lockermachen will, für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub aber keinen roten Rappen. «Für wen genau macht diese Regierung Politik?», fragte sich SP-Nationalrat Cédric Wermuth auf Twitter. Auch CVP-Nationalrätin Barbara Schmid Federer konnte den Entscheid kaum fassen: «Ohne Gegenvorschlag? Das glaube ich jetzt echt nicht, lieber Bundesrat . . .»

Der Tenor der Befürworter war klar: In anderen europäischen Ländern werden Väter durch Vaterschaftsurlaube und Elternzeit aktiv zur Familienarbeit ermuntert, die Schweiz hingegen bleibt in veralteten Rollenbildern verhaftet. Im internationalen Vergleich sei man ein Entwicklungsland, schreiben die Initianten auf ihrer Website. Als Beweis für den Aufholbedarf zeigen die Befürworter gern eine Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Dort sieht man, dass sogar Länder wie die Türkei oder Mexiko heute mehr für ihre Väter tun als die Schweiz.

Papizeit im internationalen Vergleich
Papizeit im internationalen Vergleich

Es fällt auch auf, dass die umliegenden Länder alle sehr grosszügige Regelungen haben: Deutschland und Österreich mit je 9 Wochen, Frankreich sogar mit 28 Wochen Vaterschaftszeit.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich bei den drei Ländern jedoch eine grosse Diskrepanz zwischen dem möglichen Anspruch und der Wirklichkeit.

Deutschland: Vorteil für Besserverdienende

Am besten funktioniert das System noch in Deutschland. 36 Prozent der frischgebackenen Väter bezogen hier 2016 eine Auszeit vom Beruf – Tendenz steigend. Frau und Mann können sich eine bezahlte Elternzeit frei aufteilen. In der Regel nimmt die Frau zwölf Monate in Anspruch, der Mann zwei.

Der Haken: Die neusten Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass fast nur gut verdienende Väter die Elternzeit in Anspruch nehmen. 2016 verfügten drei Viertel der männlichen Leistungsbezüger über ein Nettoeinkommen, das über dem Durchschnitt liegt. Der Grund ist simpel: Es werden nur 67 Prozent des Einkommens ausbezahlt. Wer wenig verdient, kann sich die Papizeit darum gar nicht leisten.

Frankreich: Knapp 3 Wochen Elternzeit

In Frankreich nutzen immerhin sieben von zehn Vätern die 14 Tage Vaterschaftsurlaub gleich nach der Geburt – in der Regel zu gleich bleibendem Lohn. Nur Besserverdienende müssen Einbussen in Kauf nehmen.

Vom weitergehenden Elternurlaub machen gemäss einer OECD-Studie aus dem Jahr 2016 aber nur gerade 4 Prozent Gebrauch. Auch hier ist der Grund simpel: Die berufliche Auszeit respektive Pensenreduktion muss zwar vom Arbeitgeber zwingend gewährt werden, aber sie ist unbezahlt. Von den möglichen 28 Wochen bleiben somit im Regelfall nicht einmal drei übrig.

Österreich: Nur einer von zwanzig Papis bleibt zu Hause

Noch bitterer sieht es bei Österreichs Papis aus. Zwar können die Eltern während ganzen 24 Monaten Kinderbetreuungsgeld beziehen. Dieses Geld wird aber jeweils nur an einen Elternteil ausbezahlt. Ein gleichzeitiger Bezug wie in Deutschland steht nicht im Angebot. Für Väter ist es zudem erst zwei Monate nach der Geburt möglich, einen Anspruch geltend zu machen. Die Folge: Auch in Österreich bleibt die Zahl betreuender Papis seit Jahren im tiefen einstelligen Prozentbereich.

Zudem ist es erst seit März 2017 für Väter überhaupt möglich, unmittelbar nach der Geburt des Kindes zu Hause zu bleiben. Der sogenannte Papamonat wird mit pauschal 700 Euro aus der Krankenkasse vergütet. Nicht nur die tiefe Vergütung macht dieses Angebot unattraktiv. Es braucht auch für die vierwöchige Abwesenheit eine Bewilligung vom Arbeitgeber – einen rechtlichen Anspruch gibt es weiterhin nicht.

Die Schweizer Lösung wäre vergleichsweise grosszügig

Adrian Wüthrich ist Vereinspräsident der Initiative «Vaterschaftsurlaub jetzt» und Präsident von Travail Suisse, welche die Initiative lanciert hat. Er sagt, dass man sich beim Verfassen des Initiativtextes explizit nicht am Ausland orientierte. «Wir haben uns überlegt, was eine vernünftige Lösung für die Schweiz sein könnte.» Deshalb habe man «grössere Wünsche», wie zum Beispiel eine ausgebaute Elternzeit wie in Deutschland, vorerst nicht berücksichtigt. «Für uns sind diese 4 Wochen bereits ein Kompromiss», so Wüthrich.

Auch wenn die Zahlen auf den ersten Blick etwas anderes aussagen: Würde die Initiative angenommen, wären die Väter in der Schweiz vergleichsweise gutgestellt. Im Gegensatz zu Deutschland würden zum Beispiel 80 statt 67 Prozent des Gehalts ausbezahlt werden. Bereits heute kennen vor allem grosse Unternehmen in der Schweiz teils noch grosszügigere Modelle als im Initiativtext gefordert (siehe Kasten).

Auch die meisten öffentlichen Arbeitgeber gehen übers gesetzliche Minimum von einem Tag. Der Kampfbegriff Entwicklungsland, welche die Befürworter oft und gern verwenden, gilt also bereits heute nur bedingt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch