Der «Schweizer aus dem All» wird Viola Amherd beraten

Ex-Astronaut Claude Nicollier soll das Kampfjetgeschäft untersuchen. Politiker reagieren überrascht.

Claude Nicollier ist der einzige Schweizer, der bisher im All war. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Claude Nicollier ist der einzige Schweizer, der bisher im All war. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Fabian Renz@renzfabian01

Noch am Wochenende wurde gerätselt. Wer würde der geheimnisvolle Experte sein, den Verteidigungsministerin Viola Amherd (CVP) für den Kampfjetkauf beiziehen will? Keine Verbandelung mit Armee und Industrie sollte er aufweisen und trotzdem über Expertenwissen verfügen: So umschrieb Amherd das gewünschte Profil. «So eine Person gibt es nicht und wird es auch nicht geben», erklärte dagegen SVP-Nationalrat Adrian Amstutz in der Zeitung «Zentralschweiz am Sonntag». Andere Sicherheitspolitiker äusserten sich in demselben Sinn.

Nur einen Tag nach diesen Berichten ist jetzt bekannt geworden, wen Amherd für entsprechend qualifiziert hält. Der 74-jährige Claude Nicollier dürfte der breiten Bevölkerung schlicht als der «Schweizer aus dem All» bekannt sein: der einzige Bürger des Landes, der je den Weltraum bereist hat. Nicollier ist aber auch, wie das Verteidigungsdepartement (VBS) hervorhebt, ehemaliger Kampfpilot, Professor an der ETH Lausanne und «bestens vernetzt» im «sicherheitspolitischen Umfeld». Das macht ihn aus VBS-Sicht zum geeigneten Mann, um eine profunde Expertise über die geplanten Anschaffungen der Luftwaffe abzuliefern.

Resultate bis Ende April

Konkret geht es um den Bericht «Luftverteidigung der Zukunft» aus dem Jahr 2017. Auf ihn stützte sich der vormalige Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP), als er die Erneuerung der Kampfjetflotte und der Boden-Luft-Abwehr aufgleiste. 8 Milliarden Franken sollen investiert werden – doch zum Missvergnügen ihres Vorgängers will Amherd nun eine «unabhängige Zweitmeinung» über den Bericht einholen, ehe sie das Geschäft weiter vorantreibt.

Dass die Wahl auf Claude Nicollier fiel, kommt für Sicherheitspolitiker unerwartet. «Ich kenne ihn nicht. Wir hatten ihn nicht auf dem Radar», sagt Werner Salzmann (SVP, BE), Chef der nationalrätlichen Sicherheitskommission. Der grüne Fraktionschef Balthasar Glättli kündigt an, sich bei Bundesrätin Amherd nach den Hintergründen von Nicolliers Kür zu erkundigen. Nationalrat Thomas Hurter (SVP, SH) wiederum geht davon aus, dass sich Amherd einen externen «Sparringspartner» wünschte. Für eine wirklich tiefschürfende Analyse fehlt Hurters Ansicht nach aber ohnehin die Zeit. Nicollier muss seine Resultate gemäss VBS-Vorgabe bis Ende April abliefern.

Engagiert für die F/A-18

Die Personalie dürfte zumindest insofern nicht polarisieren, als sich Nicollier in der Vergangenheit politisch bedeckt gehalten hat. Mit einer bemerkenswerten Ausnahme allerdings: In den 90er-Jahren engagierte er sich leidenschaftlich für die Anschaffung der F/A-18-Flotte. Ein allfälliges Nein des Stimmvolks zu diesen Kampffliegern bezeichnete er in einem Interview als «Drama für die Flugwaffe und die ganze Armee». Die F/A-18 kam schliesslich durch – im Gegensatz zum Gripen-Jet, über den das Volk 2014 abstimmte. Zu letzterer Abstimmung sind keine Äusserungen Nicolliers mehr dokumentiert.

Wie viel Honorar Nicollier für sein Mandat beziehen wird, ist noch nicht bekannt. Laut VBS plant der Alt-Astronaut, das Geld einer «wohltätigen Institution» zu spenden. Den Medien stehe er für die Dauer seines Mandats nicht zur Verfügung.

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