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Der Teddybär - und seine Jäger ohne Gewehr

Die Elite der Teddybärenszene traf sich in Zürich. Und sie sprach von Gier, Neid und wilder Liebe.

Draussen klang es nach Krieg; im Schützenstand Albisgüetli feuerten sie. Aber drinnen im grossen Saal des Schützenhauses sah es aus wie in einer verrückten Konditorei: überall Rüschen, ältere Damen und Herren. Und Tausende Teddybären.

Überall Teddybären, in jedem denkbaren Kostüm der Welt - von der Badehose bis zum Bischofsornat. Und alle reckten ihre starren, weichen Glieder und sahen die Besucher aus ihren melancholischen Glasaugen an.

Es war eine Explosion von Weichheit, von Niedlichkeit, von Seele. Hier sprachen nicht die Waffen, hier sprach das Herz.

Die Teddyszene

Zürichs Swiss Teddy Festival ist die härteste der vier grossen Teddybärenmessen der Schweiz. Weit mehr als in Rapperswil, Muttenz oder Sigriswil erscheinen hier die Profis: Händler, Sammler, Macher. Oder meistens alles zugleich.

Auch wenn der Teddy wie ein Buddha dasitzt, ein stummer, wunschloser, weicher Gott, so kennt die Sammelliebe zum Teddy alle Gefahren der Leidenschaft.

Händler berichten von Sammlern, die sich mit Hunderttausenden von Franken verschuldet haben, um fehlende Bären zu kaufen. Von einer Sammlerin, die, als ihr ein Bär vor der Nase weg verkauft wurde, einen Lungenriss erlitt («sie wurde ganz weiss und fiel zu Boden»), oder einem «Manager eines grossen deutschen Automobilkonzerns», dessen Hände unkontrolliert zittern, wenn er ein neues Stück für seine Stofftiersammlung findet: «Das ist Leidenschaft pur!»

Bei den Sammlern gibt es die Sammler des Herzens; sie füllen ihre Häuser mit von Hand gefertigten «Kunstbären». Und es gibt die Puristen. Diese sammeln nur «antike Bären», und vorzugsweise nur die der Firma Steiff. Denn Steiff brachte 1903 den ersten Teddy auf den Markt. Und entwarf die wichtigsten klassischen Teddys.

«Sie können in der USA fragen, in Japan, sie wollen alle nur Made in Germany», sagt die Sammlerin und Händlerin Waltraud Kiesel. Sie nimmt es heute ruhig. Über zwanzig Jahre flog sie oft zwei Mal pro Woche auf die Auktionen nach London, mehrmals pro Jahr in die USA - immer auf der Jagd nach alten Steiff-Tieren. «Ich bin unbeliebt, denn ich kaufe sehr schnell! Wenn sie neben mir stehen, dann haben sie praktisch keine Chance zu kaufen!»

Der Teddyhandel

«Wir Sammler - wir sind Jäger ohne Gewehr!», sagt Kiesel. Ihre Wochenenden verbrachte sie auf Teddy- und Spielzeugmessen; die Bären kosten je nach Alter, Seltenheit und Grösse zwischen Hunderten und vielen Tausend Franken. Wichtig ist vor allem Wissen, viel Wissen über Preise und Geschichte: Die Steiff-Bären um 1910 haben eine spitze Mäuseschnauze und überlange Arme, die 1920er eine rundere Schnauze, die 1950er Stummelarme.

Fast alle Händler sind auch Sammler. «Wenn ich ein Stück nicht bekomme, bin ich Tage krank», sagt Kiesel. «Ich sehe es nächtelang vor mir und leide.» Beim Teddyhandel geht es, so ein anderer Händler, «zu wie in der Mafia». Neid und Gier regieren. Der wertvolle Wurfbär von 1920. Der Bär mit dem seltenen Halsband.

Niemand gönnt niemandem etwas. Die grössten Feinde sind - neben den gefürchteten Motten - die anderen Sammler. Und gefürchtet sind auch Kinder, die eigentlich wertvolle Bären «abgeliebt» haben. Am verhasstesten in der Teddybärenszene ist die Milliardärin Gigi Oeri. Für ihr Puppenmuseum schickte sie Agenten an alle Auktionen. Sie kaufte Teddys zu Hunderten zu jedem Preis. Sie kaufte das Steiff-Archiv leer. Und wenn ein Händler ihr seinen Herzenteddy nicht verkaufen wollte, kündigte sie ihm die Freundschaft.

«Aber Frau Oeri freut sich über jedes Stück wie ein Kind - wie wir alle», verteidigt sie die Händlerin Kiesel. «Und wer von uns will nicht auch einfach alles - alles! - besitzen?» Nur Oeris noch viel perfektere Sammlung als ihre will sich Kiesel nicht ansehen: «Da bekäme ich Herzklabastern.»

Die Teddymacher

Seit der Yen und der Dollar fallen, ist der Handel mit Antikbären flau; gut dagegen läuft der Handel mit Kunstbären.

«Nicht der Kunde sucht den Bär aus; sondern der Bär seinen Menschen. Lustige Leute kaufen lustige Bären und Beschützerkäufer kaufen gern verschupfte Bären.»

Einen richtigen Kunstbär näht man nicht unter zwanzig Stunden. Das Spezialfell, die Gelenke, die Augen kommen aus Spezialgeschäften, gestopft wird mit Schafwolle: Ein Drittel der 380 Franken für einen Kunstteddy sind Materialkosten.

«Bären zu machen ist kein Beruf, kein Hobby, sondern eine Berufung», sagt eine Bärenmacherin. Sie machte Bären, weil sie als Kind nie einen hatte, ihre Schwester aber einen, ihre Freundin fing nach einer Krankheit damit an, als ein Teddy bei ihr gewacht hatte. «Bären sind meist Nachtwerke; Stunden sehe ich mir den Bär auf dem Bügelbrett an, bevor ich die Ohren mache», sagt sie. «Wir Bärenmacher sind Eigenbrötler wie der Bär.» Regiert wird die Bärenmacherszene von der Angst vor Ideenklau. «Das gibt viel böses Blut. Und Erfolge auch: Ich hatte zweimal an einer Messe ausverkauft; danach musste ich das aushalten.»

Schwierig sei das Bärenmachen auch für die Männer; einer tröste sich mit Eisenbähneln, einer mit Motorradfahren. Aber doch sei es das Schönste, wenn man einen neu gemachten oder gekauften Bären dem Mann auf den Tisch legen könne mit der Aufschrift «Wir haben ein neues Mitglied». Und er sage: «Der ist adoptiert!»

Währenddessen wurden die Nominierten für die besten Bärenmacher auf die Bühne gebeten; eine Nichtnominierte schrie «Skandal», und ihr Kind (fast das einzige im Saal) rief «Schissdrägg». Es gewannen unter dünnem neidvollem Applaus eine Russin und eine Deutsche. Die Deutsche konnte vor Glück kaum atmen. Ihr Herz überschlug sich.

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