Die Ärztelöhne sind Symptom, nicht Ursache

Gewisse Fachärzte verdienen störend viel. Aber das ist nicht der Grund des Kostenproblems.

Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Gesundheitsminister Alain Berset und die Ärzte liegen im Dauerclinch. Viele Mediziner fühlen sich von ihm als Abzocker in Weiss gebrandmarkt. Gestern legte das Bundesamt für Gesundheit nach, mit einer Studie zu den Ärztelöhnen. Diese seien «bedeutend höher» als vermutet, der Mittelwert betrage 257'000 Franken. Prominent hielt das Amt fest, es gebe Fachgebiete mit Medianeinkommen über 600'000 Franken.

Über solche Löhne lässt sich ewig streiten, zumal in einem Bereich, den die Allgemeinheit über Prämien und Steuern finanziert. Doch genau hier hapert es: Die Studie zeigt nicht, welcher Teil der Einkommen auf die Grundversicherung entfällt und welchen Teil die Ärzte über freiwillige Zusatzversicherungen verdienen. Die amtlich versprochene Transparenz bleibt Stückwerk. 

Das ganze System ist auf Maximalversorgung ausgelegt, und alle fahren gut damit – bis auf die Prämienzahler.

Dafür bestätigen die neuen Zahlen eine alte Diagnose: Die Lohnunterschiede je nach Fachrichtung – von der Neurochirurgie bis zur Kinder­psychiatrie – sind enorm. Allerdings sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen. Selbst wenn es gelingen würde, gezielt die Einkommen der «Top 3»-Disziplinen (Neurochirurgie, Gastroenterologie, Onkologie) zu kürzen, wäre die Wirkung klein. Diese Spezialisten sind schlicht zu selten. Will heissen: Es ist zwar wichtig, dass die Branche endlich die Bezüge in übermässig dotierten Disziplinen eindämmt, man darf sich davon aber nicht die grosse Rettung versprechen.

Denn das Problem – das unkontrollierte Kostenwachstum – gründet tiefer. Die Ärztelöhne sind nicht die Ursache, sondern ein Symptom. Das ganze System ist auf Maximalversorgung ausgelegt. Alle fahren gut damit: Ärzte, Pharma, Spitäler, Krankenkassen, Patienten (sieht man von den Gefahren einer Überversorgung ab). Das Nachsehen haben die Prämien- und Steuerzahler. Sie mucken irgendwann auf, wenn die Prämien weiterhin stärker steigen als die Löhne. Es wäre beruhigend, Politik und Branche bekämen die Kosten vorher in den Griff. Ansatzpunkte gibt es viele, Spitaldichte, Zulassung von Spezialärzten oder Medikamentenpreise sind einige Beispiele. Lieber ein geplanter Eingriff als eine riskante Notfalloperation. 

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