Die Angst vor dem Karrierekiller

Viele junge Frauen bleiben kinderlos, weil sie negative Konsequenzen im Beruf fürchten – zu Recht, wie neue Zahlen zeigen.

Es ist schwierig, die verschiedenen Aktivitäten unter einen Hut zu bringen: Hausarbeit ist weiterhin mehrheitlich Frauensache. Video: Keystone-SDA
Yannick Wiget@yannickw3
Dino Caracciolo@dino_caracciolo ‏

Fast zwei Drittel der jungen Erwachsenen in der Schweiz wünschen sich eine Familie mit zwei Kindern. In der Realität haben viele aber nur ein Kind oder bleiben kinderlos. Denn die Vereinbarkeit von Nachwuchs und Karriere weckt Ängste. Das ergibt eine neue Erhebung des Bundesamtes für Statistik.

Am häufigsten bleiben demnach Frauen mit einem höheren Bildungsabschluss ohne Nachwuchs. NEU: «Als Assistenzärztin ist es beispielsweise fast unmöglich, ein Kind grosszuziehen», sagt Gudrun Sander, die an der Universität St. Gallen (HSG) das Kompetenzzentrum für Diversität und Inklusion leitet. Beim Studien­anfang seien noch 70 Prozent der Medizinstudentinnen Frauen. Danach würden aber viele ab­brechen, weil es keine Arbeits­modelle gebe, die mit einem Kind kompatibel seien.

«Wir müssen von der Vollzeitkultur wegkommen», sagt Ökonomin Sander und erwähnt als gutes Beispiel den Notfall des Berner Inselspitals. Dort sei Teilzeit die Norm; die Schichten sind darauf ausgelegt. Das ist aber eine Ausnahme, wie der Gender Intelligence Report 2019 zeigt, den die HSG gemeinsam mit der Organisation für Geschlechtergleichstellung Advance veröffentlicht hat. In höheren Kaderstufen arbeiten Frauen und ­Männer praktisch immer fast zu 100 Prozent. Teilzeit Arbeitende haben kleinere Chancen, befördert zu werden.

Die Befürchtung von Akademikerinnen, dass sich die Geburt eines Kindes negativ auf ihre Berufsaussichten auswirken würde, sind nicht unbegründet: In mehr als zwei Dritteln der Haushalte mit Kindern wird die Hausarbeit hauptsächlich von den Müttern erledigt, wie die Studie des BFS zeigt. Und die Aufteilung der verschiedenen Aufgaben ist in Paarhaushalten immer noch sehr klassisch. Frauen putzen häufiger, kochen und organisieren Geschenke. Männer erledigen eher administrative Arbeiten und kleinere Reparaturen. Im Schnitt kommen sie so auf einen Anteil von 5,8 Prozent, während Frauen 60 Prozent der Hausarbeit erledigen.

«Die soziale Norm ändert sich nicht von heute auf morgen», sagt Katja Rost, die als Soziologin an der Universität ­Zürich zum Thema forscht. In der Wirtschaft gebe es viel Widerstand. Arbeitnehmende, die heute in guten Positionen seien, hätten viel geschuftet und auch auf Zeit mit der Familie verzichtet. Sie fragten sich deshalb: Warum sollen meine Nachfolger beides machen dürfen? Rost fände es sinnvoll, die Arbeitszeit zu senken. «In Deutschland oder Österreich können Mütter Vollzeit arbeiten und die Kinder trotzdem um 16 Uhr von der Kita abholen», sagt sie. Die dortige 35-Stunden-Woche ermögliche Frauen mehr Karrierechancen.

Claudine Esseiva, Präsidentin des Verbands Business and Professional Woman Schweiz und FDP-Stadträtin in Bern, erhofft sich viel von der Individual­besteuerung. Denn wenn ein Paar heute gemeinsam besteuert wird, lohne es sich für die Frau finanziell manchmal nicht, arbeiten zu gehen.

Für Mütter, die trotzdem erwerbstätig sind, ist die Belastung laut der BFS-Studie sehr hoch. Denn auch bei der Betreuung tragen die Frauen mehrheitlich die Hauptverantwortung: Bei drei Vierteln der Haushalte mit Kindern unter 13 Jahren sind sie es, die zu ­Hause bleiben, wenn die Kinder krank sind. Die Mütter kümmern sich mehrheitlich darum, die Kinder anzuziehen beziehungsweise darauf zu achten, dass sie richtig angezogen sind sowie den Kindern bei ihren Hausaufgaben zu helfen.

Fast ein Viertel der Mütter gibt an, sie seien nach der Arbeit meistens oder immer zu müde, um die Hausarbeit zu erledigen. Um die Belastung abzufedern, holen sich gut zwei Drittel der Haushalte Hilfe bei der Kinderbetreuung.

Inwiefern Kinder extern betreut werden, hängt vom Wohnort ab. In Grossstädten nutzen über 60 Prozent eine Krippe, in ländlichen Gemeinden nur gerade 24 Prozent. Auch die Sprach­region spielt eine Rolle. So werden Kinder in der Romandie viel häufiger in der Krippe betreut als in der Deutschschweiz und im Tessin.

«Es besteht nach wie vor ein grosser Bedarf an zusätz­lichen und bezahlbaren Betreuungsangeboten», sagt Adrian Wüthrich, SP-­Nationalrat und Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse. Die Schweiz sei bei der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit noch immer ein Entwicklungsland.

Dass viele junge Erwachsene auf Kinder verzichten, hat indes auch mit konservativen Werten zu tun, die nach wie vor weit verbreitet sind. Immer noch ist ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung gegenüber der Erwerbstätigkeit von Müttern skeptisch eingestellt.

Zwar hat diese Haltung in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Doch noch immer findet mehr als ein Drittel der Männer, dass Kinder im Vorschulalter darunter leiden, wenn ihre Mutter berufstätig ist. Noch überraschender ist, dass auch jede vierte Frau diese Meinung vertritt.

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