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Die Doppelmoral der «Märtyrer der Keuschheit»

Bischof Charles Morerod tritt als Saubermann auf. Doch bei mutmasslichen Übergriffen eines Priesters hat er die Opfer aus den Augen verloren.

Michael Meier
Bischof Charles Morerod (2.v.l.) zelebriert 2018 in Genf eine Messe mit Papst Franziskus. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)
Bischof Charles Morerod (2.v.l.) zelebriert 2018 in Genf eine Messe mit Papst Franziskus. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Eine alleinerziehende Mutter bittet den Pfarrer, er möge ihrem 11-Jährigen ein väterliches Vorbild sein. Er wird Ministrant und spielt so schön Klavier, dass ihn der komponierende Pfarrer zum Teilzeitorganisten macht. Er ist für den Jungen Arbeitgeber, Autoritätsfigur und väterlicher Freund – bis er den mittlerweile 17-Jährigen in sein Walliser Chalet einlädt und von ihm Oralsex will.

Die Geschichte der Täter ist in der Kirche von jeher eine des Verdrängens und Vertuschens. So missversteht der Peiniger das Treffen mit dem eingeschüchterten Opfer im Freiburger Bischofshaus als Versöhnung. Er entschuldigt sich bei dem jungen Mann, hätte von ihm aber mehr Dankbarkeit erwartet.

Das Dossier liegt seit 2001 im Bischofshaus. Charles Morerod erhält es, als er 2011 Bischof wird. Er will es aber erst im Zuge der Recherchen dieser Zeitung gefunden haben. Und erst als ihn diese mit den Vorwürfen des Opfers konfrontiert, meldet er sie einem Genfer Anwalt. Den hat er wegen anderer Anschuldigungen eines afrikanischen Priesters mit einer Voruntersuchung gegen den mutmasslichen Täter und heutigen Kathedralpriester betraut.

Morerod versuchte die Schuld abzuwälzen

Inzwischen hat der Bischofsstellvertreter, der 2001 das Gespräch moderierte, den Peiniger völlig entlastet. Auch der damalige Mitbesitzer des Chalets, der heutige Weihbischof Alain de Ramy, schützt ihn. Die Vorwürfe des afrikanischen Priesters qualifiziert der Bischof als Erpressung, weil er den schwierigen Pfarrer und angeblichen Vater nach Kanada versetzen wollte.

Bischof, Weihbischof und Kathedralpfarrer sind seit Jahrzehnten allerbeste Freunde. Von Amtes wegen müssen sie sich mit Missbrauch befassen, haben daraus aber offenbar nichts gelernt. Sie reagieren nach stereotypem Muster: Der Beschuldigte macht das Opfer zum Täter, weil es den Übergriff selber provoziert habe. Und der bischöfliche Arbeitgeber diskreditiert den afrikanischen Whistleblower öffentlich.

Als Morerod den Fall des Kapuziners Joël Allaz, der vor seiner Zeit unzählige Knaben geschändet hatte, aufarbeiten musste, versuchte er die Mitschuld vom Bistum ganz auf den Kapuzinerorden abzuwälzen.

Der Zeitgeist wird die Doppelmoral überführen

Nach aussen tritt der Bischof als Saubermann auf. Er informiert die Polizei, eröffnet Verfahren, suspendiert Fehlbare, verschärft Richtlinien. Zusammen mit dem Kathedralpriester und dem Weihbischof weihte er am 23. November unter Tränen in der Kathedrale ein Mahnmal für Missbrauchsopfer ein. Am 12. Februar will er unter dem Titel «Monseigneur Morerod en toute transparence» über seine Rolle bei der Missbrauchsbekämpfung sprechen.

Bei Gottes Dienern ist die Fallhöhe gross. Das hohe Ideal der Kirche zwingt sie zu Lüge und Vertuschung – weltweit. Wie weit Verdrängung, Selbsthass und Dissoziation führen können, offenbart ein anderer vom afrikanischen Priester beschuldigter Geistlicher: Nach Paris versetzt, versuchte er als «Märtyrer der Keuschheit» junge Schwule zu heilen – ein Kampf gegen den eigenen Schatten in sexualrepressivem Umfeld.

Das katholische Freiburg ist ein guter Nährboden für solche doppelmoralischen Geschichten. Nur wird der schwulenfreundliche, autoritätskritische und missbrauchsfeindliche Zeitgeist sie mehr und mehr ans Licht bringen.

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