Die Frau, die Krankenkassen in die Knie zwingt

Gaby Igual hat sich gegen eine der grössten Versicherungen gewehrt – und vom Bundesgericht recht erhalten.

Das Urteil empfindet sie als «eine grosse Genugtuung»: Gaby Igual. Foto: PD

Das Urteil empfindet sie als «eine grosse Genugtuung»: Gaby Igual. Foto: PD

Béatrice Beyeler

Wenn nötig, mache es ihr nichts aus, zu «chären», sagt Gaby Igual über sich selbst. Diese Eigenschaft ist ihr nun zugutegekommen: Vom Bundes­gericht haben die Rentnerin und ihr Ehemann im Verfahren gegen die Krankenkasse Aussura recht bekommen, wie die NZZ gestern berichtete. Damit hat das Ehepaar eine der grössten Schweizer Krankenkassen in die Knie gezwungen.

Angefangen hat alles mit zwei Spitalaufenthalten des heute 75-jährigen Effretikers. Nach der ersten stationären Behandlung im Jahr 2015 fiel Gaby Igual auf, dass die Krankenkasse auch auf dem üblichen Spitalbeitrag von 15 Franken pro Nacht einen Selbst­behalt von 10 Prozent aufgerechnet hatte. «Ein Selbstbehalt auf einem Betrag, den der Patient sowieso selbst bezahlen muss? Das geht doch gar nicht», dachte sich Gaby Igual. Das stehe so im Gesetz und habe nichts mit dem Selbstbehalt zu tun, sei ihr indes von der Assura beschieden worden. Da auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) diese Vor­gehens­­weise für gesetzeskonform erklärte und es nur um 9 Franken ging, liess Gaby Igual die Sache auf sich beruhen.

Nach einer zweiten Hospitalisation 2016, bei der die ganze Rechnung aus der Franchise gedeckt werden konnte, wurde wiederum der Spitalkostenbeitrag aufgerechnet. Da reichte es Gaby Igual: Das Ehepaar liess sich von der Krankenkasse eine Verfügung ausstellen und zog vor das Zürcher Sozialversicherungsgericht. Es verzichtete auf einen Anwalt, die Vertretung übernahm Gaby Igual gleich selber. Das Gericht gab den Rentnern nur in einem nebensächlichen Punkt recht, doch die Aussura zog den Fall vors Bundesgericht weiter. «Ich muss ihr dankbar sein, denn ich hätte das Urteil so stehen lassen», sagt die 74-Jährige.

Auch Konsumentenschützer üben Kritik

Im ganzen Verfahren habe sie sich gar keine Gedanken über einen Rechts­beistand gemacht, sagt Gaby Igual. «Ich dachte, wegen der kleinen Beträge interessiere das sowieso keinen Juristen.» Da sie selber mehr als zehn Jahre als selbstständige Hausärztin tätig gewesen war, sei sie mit Rechnungen und verschiedenen Abzügen vertraut. Für die Verhandlungen habe sie extra farbige und grafische Darstellungen angefertigt, um die Abrechnungsmodelle zu verdeutlichen.

Die oberste Instanz hält nun in ihrem am Mittwoch veröffentlichten Urteil fest, der Gesetzgeber habe eine solche «doppelte Beteiligung» des Patienten am Spitalkostenbeitrag weder gewollt noch in Kauf genommen. Die Richter verlangen von den Versicherern, den Spitalkostenbeitrag vor den anderen Kostenbeteiligungen in Rechnung zu stellen. «Das Urteil ist eine grosse Genugtuung, nachdem wir bei so vielen Stellen angerannt sind», sagt Gaby Igual. Sie hofft nun, dass die Krankenkassen ihre Abrechnungsmethoden ändern – «das wäre das Mindeste».

Auch der Konsumentenschutz kritisiert das Bundesamt für Gesundheit, das diese Praxis toleriert habe. Das BAG müsse seine Rolle als Aufsichtsbehörde ernst nehmen. Zudem fordert der Konsumentenschutz die Krankenkassen dazu auf, die zu Unrecht erhobenen Beiträge zurückzuerstatten. Gaby Iguals Berechnungen zufolge dürfte es sich dabei seit 2001 um über 200 Millionen Franken handeln.

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