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Die Mieter bezahlen die Renten der anderen

Die Pensionskassen erobern den Wohnungsmarkt. Damit fördern sie eine Umverteilung, die ohne Systematik abläuft.

Die Siedlung Brunaupark in Wiedikon soll ersetzt werden: Sie gehört der Pensionskasse der Credit Suisse. Foto: Keystone
Die Siedlung Brunaupark in Wiedikon soll ersetzt werden: Sie gehört der Pensionskasse der Credit Suisse. Foto: Keystone

Schlagzeilen wie diese bilden längst ein eigenes Genre: «Pensionskasse wirft 97 Mieter raus!» So titelte der «Blick» am Mittwoch. Grund für die Massenkündigung im luzernischen Kriens: Eine Pensionskasse lässt ihre Siedlung totalsanieren. Ähnliche Vorgänge wiederholen sich seit Jahren, ob in Kriens, Basel oder Zürich.

Seit über einem Jahrzehnt führen die Schweizer Pensionskassen eine Bodenoffensive. 2009 machten Immobilien 18,5 Prozent all ihrer Wertanlagen aus. Bis 2018 haben sie den Häuseranteil auf 24,8 Prozent hochgeschraubt. Mindestens jede zehnte Schweizer Wohnung gehört einer Pensionskasse. Grund für diese Umschichtung sind die tiefen Zinssätze. Anlagen wie Obligationen werfen kaum mehr Geld ab. In die gegenteilige Richtung entwickeln sich die Schweizer Hauspreise. Seit 20 Jahren steigen sie, zuverlässig, ohne Delle. Immobilien erweisen sich als «zuverlässiger Retter in der Not», wie es in einem Branchenbericht heisst.

Doch nun könnte dieser Retter selber in Not geraten. Pensionskassen befürchten, dass ihnen wegen der Genossenschaftsinitiative das Mietgeschäft wegbricht. Würden Genossenschaften beim Landverkauf bevorzugt, schade das den Altersvorsorgern. Ihnen würde es schwerer fallen, gute Grundstücke zu erhalten. Dies schmälere die Anlageerträge. In der Rentenlogik ergibt dieser Einwand komplett Sinn. Von irgendwo muss die Rendite kommen.

Hausbesitzer profitieren

Aus Sicht der Mieterinnen überzeugt das Argument weniger. Wohl die wenigsten haben sich eine Pensionskasse als Vermieterin ausgesucht. Vielleicht hätten sie lieber eine günstigere Wohnung gehabt als jene der Pensionskasse. Aber sie fanden nichts Besseres an vergleichbarer Lage.

Wenn Mieter mit dem eigenen Mietzins die Renten der anderen bezahlen, findet immer eine Umverteilung statt. Gerecht ist diese nicht unbedingt. Hausbesitzer zum Beispiel profitieren. Wer im eigenen Daheim wohnt, wird davor bewahrt, fremde Renten mitzufinanzieren. Ausserdem läuft die Umverteilung ziemlich chaotisch ab. Niemand kann sie wirklich steuern, keiner Systematik gehorcht sie. Darüber, wer in den Siedlungen der Pensionskassen lebt, bestimmen Wohnungsmarkt, Zufall, Lebensläufe.

Mieter als Garanten für die Altersvorsorge

Durch ihr Bedürfnis nach Boden sind die Pensionskassen mitverantwortlich für die steigenden Schweizer Bodenpreise. In Zürich sorgen ihre Leerkündigungen und hohen Neumieten regelmässig für Ärger. Die Pensionskassen rechtfertigen sich immer gleich: Sie müssten für ihre Versicherten sorgen, am Ende seien alle froh um eine gute Rente. Dieses Dilemma – gute Renten oder gute Mieten? – reicht hinab bis auf die individuelle Ebene. Manche Menschen werden von der eigenen Pensionskasse aus der Wohnung gekündigt.

Die meisten Mieterinnen und Mieter zahlen den Gewinn anderer Leute. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass ein willkürlich ausgesuchter Teil von ihnen als Garant für eine stabile Altersvorsorge herhalten soll.

Boden ist ein begrenztes Gut, in der engen Schweiz sowieso. Niemand kann ihn herstellen oder neu erfinden. Gleichzeitig ist es nicht möglich, nicht zu wohnen. Sollen Pensionskassen (und andere Rentenfonds) diese Zwangslage ausnützen dürfen? Sind Mieter dazu verpflichtet, die Renten der anderen zu sichern? Auch um diese Frage geht es an der Abstimmung von nächstem Sonntag.

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