Die Quittung für den Bauskandal

Graubündens Wähler strafen zwei Involvierte der Engadiner Kartellwirren ab. Gewinnerin ist für einmal die CVP.

Marcus Caduff (CVP, l.) und Peter Peyer (SP) gratulieren sich gegenseitig. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Marcus Caduff (CVP, l.) und Peter Peyer (SP) gratulieren sich gegenseitig. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Fabian Renz@renzfabian01

Es war die grosse Frage in diesen letzten Wahlkampfwochen im Kanton Graubünden: Würde das Stimmvolk seinen Unmut über den Engadiner Bauskandal, in den verschiedene Regierungsratskandidaten direkt oder indirekt verwickelt waren, zum Ausdruck bringen? Oder würden die Wählerinnen und Wähler reagieren wie beispielsweise der lokale Grossverleger Hans­peter Lebrument? Dieser sprach den illegalen Preisabsprachen – für die die Wettbewerbskommission (Weko) die beteiligten Baufirmen mit insgesamt 7,5 Millionen Franken büsste – die Brisanz ab und attackierte stattdessen die Weko.

Seit gestern kennt man die Antwort, und sie fällt klar zuungunsten der in den Skandal Involvierten aus. BDP-Regierungsrat Jon Domenic Parolini schafft die Wiederwahl in die fünfköpfige Kantonsexekutive nur äusserst knapp: Er erzielte 15'904 Stimmen, gerade mal 68 mehr als der Angreifer aus der SVP, Walter Schlegel. Die Ergebnisse liegen so nahe beieinander, dass der Kanton mitteilte, er werde eine Nachzählung prüfen. Nicht auszuschliessen also, dass die Reihenfolge noch wechselt.

Parolini hatte von den Kandidaten den grössten Reputationsschaden erlitten. Er sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, als Gemeindepräsident von Scuol Hinweise auf das Baukartell ignoriert zu haben. SVP-Mann Schlegel wiederum verantwortete als Polizeikommandant eine Verhaftungsaktion gegen den Whistleblower Adam Quadroni, die dieser selbst sowie Kritiker als unverhältnismässig hart empfanden.

Mit Schlegels gestriger Niederlage ist die SVP einmal mehr beim Versuch gescheitert, in die Bündner Regierung einzuziehen. Und für die BDP ist die Bilanz ohnehin desaströs. Sie verliert einen Regierungssitz, nachdem ihr vormaliger Kandidat Andreas Felix – als Kadermann des Baumeisterverbands einer der wichtigsten Akteure des Skandals – nach den Enthüllungen aufgegeben hatte. Bei den gestern ebenfalls durchgeführten Wahlen in den Grossen Rat, das Kantonsparlament, büsst die BDP ausserdem sechs Sitze ein, mehr als jede andere Partei.

Keine Chance für Bardill

Gewinnerin, zumindest bei der Regierungswahl, ist für einmal die CVP. Der nicht eben erfolgsverwöhnten Mittepartei gelingt es, mit Grossrat Marcus Caduff den verwaisten BDP-Sitz zu besetzen. Sie erobert sich damit ihre vor 20 Jahren verlorene zweite Vertretung in der Regierung zurück. Caduff schaffte es bei der Wahl direkt auf den dritten Rang, hinter die Bisherigen Christian Rathgeb (FDP) und Mario Cavigelli (CVP).

Zufrieden sein kann auch die SP. Im Grossen Rat legt sie drei Sitze zu, am meisten von allen Parteien. Und mit ihrem Regierungsratskandidaten Peter Peyer verteidigt sie den Sitz des zurücktretenden Martin Jäger. Die Sozialdemokraten sahen dem Wahltermin zuletzt mit einer gewissen Unruhe entgegen, nachdem der Unabhängige Linard Bardill kurzfristig seine Kandidatur bekannt gegeben hatte. Der Liedermacher begründete seinen Einstieg ins Rennen mit Wut über das Baukartell – doch fürchtete man in der SP, er könnte vor allem Peyer Stimmen wegnehmen. Wie sich nun zeigte, blieb Bardill chancenlos. Verglichen mit früheren Protest- und Einzelkandidaturen erzielte er allerdings ein durchaus achtbares Resultat. In 14 der 108 Gemeinden schnitt er gar besser ab als BDP-Kandidat Parolini.

«Unmut über die Elite»

Der Politologe Clau Dermont liest aus dem Resultat denn auch einen «Unmut über die politische Elite» ab. Als zusätzliches Indiz wertet er die schlechte Stimmbeteiligung: Gegenüber der Wahl vor vier Jahren ging sie von 43 auf 36 Prozent zurück. Indes könnte sich der Unterschied teilweise auch damit erklären, dass am Wahltermin 2014 noch über den Kampfjetkauf und die Pädophileninitiative abgestimmt wurde. Die eidgenössischen Abstimmungsvorlagen von gestern – Geldspielgesetz und Vollgeldinitiative – lockten deutlich weniger Leute an die Urnen, wie die tiefe nationale Stimmbeteiligung zeigt.

«Die Medien spielten eine grosse Rolle»: So erklärt sich Jon Domenic Parolini sein schlechtes Abschneiden.

Dass im Übrigen Parolini die Wiederwahl überhaupt gelang, hat er seiner Heimatregion zu verdanken. Im Unterengadin schnitt er von allen Kandidaten klar am besten ab. Am Hauptschauplatz des Kartells scheint man damit am ehesten die Sichtweise von Verleger Lebrument zu teilen: dass der Skandal gar kein richtiger ist, aufgebauscht bloss von der Weko und Unterländer Medien.

Jon Domenic Parolini liess gestern ­wenig Zweifel daran, wie er es sieht. Er habe die Unsicherheit in der Bevölkerung gespürt und das schlechte Ergebnis kommen sehen, sagte er zu Radio Südostschweiz. Und zeigte sich sogleich ­befriedigt über das Vertrauen, das er im Engadin geniesse. Sein geschwundener Rückhalt ausserhalb des Tals hänge damit zusammen, wie über die Vorkommnisse informiert worden sei, erklärte ­Parolini – um dann die Hauptschuldigen beim Namen zu nennen: «Die Medien spielten eine grosse Rolle.»

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