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Die «Stromlücke» ist Schnee von gestern

Um die «Stromlücke» zu vermeiden, brauche die Schweiz neue Atomkraftwerke. Diese nationale Argumentation ist überholt. Denn Schweizer Stromkonzerne investieren schon längst in die europaweite Stromversorgung.

Das Wort «Stromlücke» dominierte in den letzten Jahren den Diskurs in der Schweizer Energiepolitik. Gemeint ist die Lücke, die sich ab 2020 angeblich öffnet, wenn die Nachfrage nach Strom weiter wächst und das inländische Angebot mit der Abschaltung der alten Atommeiler in Mühleberg und Beznau stufenweise abnimmt. Um dieses Loch zu stopfen, so argumentieren Manager von Elektrizitätsunternehmen und bürgerliche Energiepolitiker im Chor, brauche die Schweiz neue Kernkraftwerke.

Am Stromkongress, der diese Woche in Bern stattfand, war es Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer, der den alten Refrain am lautesten sang: «Ein hoher nationaler Autonomiegrad in der Stromversorgung ist vordringlich.» Dazu brauche es mindestens zwei neue Kernkraftwerke. Denn auf den Import von preisgünstigem Strom sei kein Verlass, erklärte der Sachwalter der global tätigen Schweizer Wirtschaft. «Genügend inländische Produktionskapazitäten» forderte auch BKW-Chef Kurt Rohrbach.

Trend zur Arbeitsteilung

Reden ist das eine. Handeln das andere: Beim Handeln aber orientiert sich unsere Stromwirtschaft weniger am Prinzip der nationalen Autonomie denn am Trend zur internationalen Arbeitsteilung und zur europäischen Vernetzung. Dazu zwei Belege:

Schweizer Stromkonzerne investierten und investieren Milliarden in den Bau von Atom-, Kohle-, Gas- und Windkraftwerken im Ausland, die Bandstrom erzeugen. Mit allen bestehenden und geplanten Kraftwerkbeteiligungen, so zeigte eine Aufstellung in dieser Zeitung vom 1.Oktober, wird die Schweizer Stromwirtschaft schon in wenigen Jahren mehr Strom im übrigen Europa als im Inland produzieren.

Im Inland bauen und planen die Stromkonzerne Axpo, Alpiq, BKW und Rätia Energie neue Pumpspeicher-Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von über 3000 Megawatt (entspricht drei Mal AKW Gösgen). Diese dienen primär der europäischen Arbeitsteilung: Zum Pumpen wird Bandstrom aus Atom-, Kohle- und Windkraftwerken in die Alpentäler importiert, der daraus turbinierte Spitzenstrom mehrheitlich exportiert. Weil Pumpspeicher mindestens 20 Prozent mehr Strom verbrauchen als sie erzeugen, pumpen die Stromkonzerne die von ihnen angedrohte nationale «Stromlücke» selber auf. Damit untergraben sie ihre eigene Argumentation.

Blick nach Europa

Die Schweiz ist die Stromdrehscheibe in Europa; sie importiert und exportiert heute annähernd gleich viel Strom, wie alle Haushalte und Unternehmen zusammen im Inland verbrauchen. Diese lukrative Rolle will die Branche halten und ausbauen. Deshalb befürwortet sie die weitergehende Marktöffnung und drängt auf den Abschluss eines bilateralen Stromvertrags mit der EU. Auch die Steckdosen der Verbraucher hängen zunehmend am europäischen Stromnetz. Diese Entwicklung widerspiegelte sich am Stromkongress in Bern: Die meisten der 24 Referenten sprachen mehr von Markt und von Europa als von Autonomie und Selbstversorgung. Damit rückte die nationale Atomdebatte in den Hintergrund.

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