Diesen Schweizer Nationalrat kennen die Inder besser als wir

Vom Adoptivkind zum Parlamentarier: Nik Guggers Lebensweg wird in Indien gross ausgeschmückt. Jetzt würdigt ihn sogar der Botschafter in Bern.

In Indien eine grosse Nummer: Winterthurs EVP-Nationalrat Nik Gugger erhielt einen Ehrendoktortitel der Universität Orissa. Foto: Lab
Beni Gafner@Tamedia

Seit 2017 ist Nik Gugger (EVP, ZH) Nationalrat. Überaus bekannt ist der Winterthurer seither nicht geworden. Dafür kennt man Gugger in Indien bestens – besonders im 34-Millionen-Bundesstaat Kerala. Der Grund: Gugger hat sein Geburtsland nicht vergessen. Er engagiert sich dort seit Jahren sozial und bildungspolitisch.

Dass im November 2017 ein Adoptivkind aus dem tiefen Südwesten Indiens «Member of Parliament» in der Schweiz wurde, sorgte bis hinauf nach Kashmir für Schlagzeilen. «Die Inder mögens dramatisch und zugespitzt, was Medienberichte über Land und Leute anbelangt», sagt Gugger dazu. «Es ist stets ein bisschen Bollywood dabei.»

Über die Krankenschwester in die Schweiz

Und so wurde aus der Lebensgeschichte des «armen Inderjungen», den seine Mutter, eine mittellose Witwe, im Spital zurückliess, eine spektakuläre Story. Dabei wurde allerdings einiges weggelassen. Nicht erwähnt wird zum Beispiel, dass eine Witwe einen Sohn zur Welt bringt – ein Tabu in der indischen Gesellschaft. Und so berichten Indiens Medien lieber, wie die Mutter die Krankenschwester im Spital nach der Entbindung bat, den bestmöglichen Platz für ihren Sohn zu finden, einen Sohn, für den sie finanziell nicht sorgen konnte.

Diese Krankenschwester war eine Deutsche, die einen Schweizer namens Fritz Gugger kannte. Dieser bildete in der Nähe des Spitals für das evangelische Hilfswerk Schweiz Lehrlinge aus. Gugger und seine Frau nahmen den Neugeborenen zur Adoption auf, das dauerte zwei Jahre. Schliesslich zogen die Guggers, nun zu dritt, Ende 1973 zurück in die Schweiz.

Gugger mit seiner Familie im Jahr 2003. Foto: Keystone

Im bernischen Uetendorf übernahm der Vater eine Stelle im Gehörlosenzentrum, später leitete er das Altersheim. Das soziale Engagement der Eltern färbte auf Nik ab. «Wir feierten Weihnachten im Altersheim, wir assen und tranken mit den Betagten, viele von ihnen wurden von den eigenen Familien allein gelassen.» Als Jugendlicher engagierte sich Nik beim Cevi, dem Christlichen Verein Junger Männer. Fortan hiess es für Gugger: Helfen, helfen, helfen – den Randständigen, den Abhängigen, den Alleingelassenen.

Nach einem Töffunfall schloss er die Lehre als Maschinenmechaniker im Betrieb des SVP-Nationalrats Hansruedi Wandfluh ab. Dann folgte der Schritt ins Berufsleben mit der Ausbildung zum Sozialarbeiter und Sozialmanager. Indische Medien spitzten Guggers Lebensweg auch hier zu. Sie berichteten, er sei äusserst arm aufgewachsen, das Adoptivkind habe sich vom Chauffeur und Friedshofsgärtner zum Parlamentarier hochgearbeitet. Dabei strichen sie zwei Nebenjobs heraus, mit denen Gugger als Student sein Geld verdiente.

Dass ein ausländischer Botschafter einen Schweizer Nationalrat offiziell würdigt, ist wohl einzigartig in Bundesbern.

Und nun, am vergangenen Wochenende, folgte der Höhepunkt der Wertschätzung: Der indische Botschafter in der Schweiz, Sibi George, gab in seiner Berner Residenz einen Empfang zu Ehren Guggers. Anlass war die Verleihung des Ehrendoktortitels der Universität in Orissa – eine der besten Universitäten Indiens – für Guggers Engagement zur Bildung und Förderung mittelloser Kinder und Studenten. Botschafter George sagte: «Durch Nik Guggers soziales Engagement macht er nicht nur seine Eltern, Geschwister, seine Frau und Kinder stolz, sondern auch sein Geburtsland und dessen Botschafter.» Dass ein ausländischer Botschafter einen Schweizer Nationalrat offiziell würdigt, ist wohl einzigartig in Bundesbern.

Guggers Verbundenheit mit Indien bleibt. Als Fundraiser und Botschafter der Studenten aus ärmsten Verhältnissen reist Gugger im Oktober wieder nach Orissa. Begleiten wird ihn dann der Zürcher Ständerat und Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch (SP), der an der Uni Vorlesungen halten und an Panels teilnehmen wird.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt