E-Biker leben gefährlich

Sie sind schnell, sauber und leise – aber auch gefährlich: E-Bikes überfordern nicht nur die anderen ­Verkehrsteilnehmer, sondern oftmals die Fahrer selbst. Die Folge ist ein rasanter Anstieg der schweren Unfälle.

Gefährlicher Rückenwind auf Knopfdruck: Unfälle mit dem E-Bike führen häufiger zu schweren Verletzungen als Motorradunfälle.

Gefährlicher Rückenwind auf Knopfdruck: Unfälle mit dem E-Bike führen häufiger zu schweren Verletzungen als Motorradunfälle.

(Bild: Keystone)

Benjamin Bitoun

«E-Bikerin im Spital gestorben», hiess es diese Woche in dieser Zeitung. «Mit dem E-Bike schwer verunfallt», im Monat davor: Tragische Schlagzeilen wie diese haben in vergangener Zeit merklich zugenommen.

Das hat einerseits damit zu tun, dass sich der Rückenwind auf Knopfdruck hierzulande immer grösserer Beliebtheit erfreut: Über 400 000 Elektrovelos sind bereits auf Schweizer Strassen unterwegs, und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Letztes Jahr kauften Schweizerinnen und Schweizer wiederum 14 Prozent mehr E-Bikes als noch im Jahr zuvor, schweizweit waren es rund 50 000. Dementsprechend häufiger kam es auch zu Unfällen.

Immer mehr schwere Unfälle

Andererseits zeigt der Blick in die Unfallstatistik des Bundesamts für Strassen einen besorgniserregenden Trend auf: Denn nicht nur haben die E-Bike-Unfälle seit 2012 zugenommen und 2016 mit 674 einen traurigen Rekord erlebt. Vielmehr endete jeder dritte dieser Unfälle mit schweren Verletzungen und in neun Fällen sogar tödlich.

Der Anteil an Schwerverletzten ist bei E-Bikern höher als in allen anderen Kategorien der Zweiradfahrer: Fahrradfahrer, ja selbst Motorradfahrer verunfallen weniger häufig schwer und auch weniger häufig tödlich.

Problem Geschwindigkeit

Dass die Unfälle oft tragisch enden, hat laut Experten mehrere Gründe. Der wichtigste von ihnen ist das Tempo der E-Bikes. «Mit der höheren Geschwindigkeit steigen Unfallrisiko und Bremsweg», sagt Marc Bächler, Sprecher der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Gemäss einer BfU-Sicherheitsanalyse wird gerade der Bremsweg sowohl von ­E-Bikern als auch den anderen Verkehrsteilnehmern völlig falsch eingeschätzt. Erschwerend kommt hinzu, dass E-Bikes deutlich schwerer sind als normale Drahtesel.

Viele Kopfverletzungen

Höheres Tempo und Gewicht bleiben nicht ohne Folgen: «Die Verletzungen sind oftmals schwerer als nach gewöhnlichen Fahrradunfällen», sagt Aris Exadaktylos, Chefarzt des Notfallzentrums des Berner Inselspitals. «Sie sind eher vergleichbar mit Verletzungen nach Unfällen mit Motorrollern oder anderen kleinkalibrigen Motorrädern.»

In einer Studie hat Exadaktylos 2014 die Art der Verletzungen von verunfallten E-Bike-Fahrern untersucht. Sein Fazit: «Auffällig ist die grosse Häufung von Kopf- und Nackenverletzungen.» Daher die klare Empfehlung des Chefarzts: «Jeder, der ein E-Bike fährt, sollte unbedingt einen Helm tragen», so Exadaktylos. Aktuell besteht die Helmpflicht nur für schnellere E-Bike-Modelle mit einer Geschwindigkeit von über 45 Stundenkilometern.

Unfallfaktor Alter

Die beiden am Anfang erwähnten Unfallopfer haben etwas miteinander gemeinsam: Beide waren zum Zeitpunkt des Unfalls über siebzig Jahre alt. Ist etwa das im Vergleich zu Velofahrern durchschnittlich höhere Alter der ­E-Biker für die Häufung schwerer Unfälle verantwortlich?

«Die Verletzungen sind schwerer als nach Fahrradunfällen und vergleichbar mit denen nach Unfällen mit Motorrollern.»Professor Aris Exadaktylos

Bis vor kurzem sah es ganz danach aus. In ihrer Sicherheitsanalyse aus dem Jahr 2015 kommt die BfU zumindest genau zu diesem Schluss: «Die schwereren Unfallfolgen von E-Bike-Unfällen sind primär auf das höhere Alter der E-Bike-Fahrer zurückzuführen», steht dort abschliessend geschrieben.

Mittlerweile relativiert die BfU das Ergebnis – auch aufgrund aktueller Zahlen. Zwar seien E-Biker ab 65 Jahren eine Risikogruppe vor allem hinsichtlich tödlicher Unfälle, schreibt BfU-Sprecher Bächler. Der Grund dafür sei ihre höhere Verletzlichkeit. «Bei der Anzahl schwerer Unfälle werden Senioren von der Altersgruppe 45 bis 64 aber mittlerweile überholt», so Bächler. Bei dieser wie auch bei den 25- bis 44-Jährigen würde die Zahl schwerer Unfälle weiter ansteigen. Bei den Senioren habe sie sich dagegen tendenziell stabilisiert.

BfU empfiehlt Fahrkurs

Der vielerorts lautwerdenden Forderung nach einem obligatorischen Einführungskurs für ältere E-Bikefahrer will sich die BfU daher nicht anschliessen, schreibt Bächler. Aber angesichts der Tatsache, dass sich die E-Bike-Unfälle generell häuften, erachte die BfU den Besuch eines solchen Kurses als sinnvoll – «besonders für Personen, die länger nicht mehr mit einem Velo unterwegs waren», sagt BfU-Sprecher Marc Bächler.

Berner Zeitung

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