«Eltern interpretieren Übergriffe der Kinder gerne als ‹Dökterle›»

Sexueller Missbrauch unter Kindern wird oft nicht wahrgenommen. Wie neue Schweizer Zahlen zum Thema aussehen und was eine Fachperson rät.

Hohe Dunkelziffer: Sexuelle Übergriffe beim «Dökterle» werden meist verharmlost.

Hohe Dunkelziffer: Sexuelle Übergriffe beim «Dökterle» werden meist verharmlost.

(Bild: Keystone)

Die Beratungsstelle Castagna hat eine Publikation herausgegeben, in der sie sexuelle Übergriffe unter Kindern thematisiert. Kommt das heute öfter vor als früher?
Nein, wir haben schon seit Jahren viele Fälle. 1999 schrieben unsere Vorgängerinnen schon ein Heft zu diesem Thema. Aber es ist ein schwieriges Thema, deshalb wird kaum darüber gesprochen – trotz #MeToo-Bewegung und trotz den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.

Haben Sie Zahlen dazu?
Wir haben vergangenes Jahr 1090 Personen aus der ganzen Schweiz beraten, die von sexuellen Übergriffen betroffen waren. Rund 60 Prozent der Betroffenen waren zum Tatzeitpunkt zwölf Jahre alt oder jünger. In 77 Fällen waren es Kinder bis zu zwölf Jahren, welche die Tat verübt hatten.

Sie sagten, es handle sich um ein schwieriges Thema. Was ist es genau, was es so schwierig macht?
Kinder gelten per se als unschuldig. Werden sie sexuell übergriffig, interpretieren es Eltern oder Betreuungspersonen gerne als «Dökterle». Für Eltern ist es schwierig, wenn sie erfahren, dass ihr Kind ein anderes sexuell belangt hat. Oft reagieren sie abwehrend, bagatellisieren den Vorfall oder diskreditieren gar das Opfer. Auf diese Weise versuchen sie, ihre Welt zu retten. Aber ich muss sagen: Es ist tatsächlich schwer vorstellbar, dass ein Achtjähriger ein vierjähriges Mädchen penetriert oder dass ein Erstklässler einen anderen zu Oralsex zwingt.

Wie kommt es so weit?
Nun, Kinder kämen von sich aus nie auf solche Ideen; ihre sexuellen Handlungen unterscheiden sich klar von jenen der Erwachsenen. Das heisst, die tätlichen Kinder müssen Vorbilder haben. Vielleicht haben sie Erwachsene beobachtet, vielleicht haben sie Pornos gesehen. Früher haben die meisten Kinder höchstens am Kioskaushang eine nackte Brust gesehen. Heute müssen sie nur ins Internet gehen und in Google das Wort «Porno» eingeben. Die Kinder imitieren die Handlungen in Pornos.

Wo verlaufen denn die Grenzen zwischen Dökterle und sexuellen Übergriffen?
Für Aussenstehende sind sie tatsächlich nicht einfach zu erkennen. Für ein betroffenes Kind aber schon: Dökterle hört dort auf, wo es sich bedrängt fühlt. Es ist verwirrt und kann nicht einordnen, was vorgefallen ist. Das tätliche Kind ist fast immer eine nahe Bezugsperson. An sich fühlt sich das Opfer zu ihm hingezogen, nach einem Übergriff hat es aber auch Angst vor ihm. Was man aber sagen kann: Beim Dökterle wird nie Zwang ausgeübt, und die beteiligten Kinder sind auf dem gleichen Entwicklungsstand. Idealerweise sind nur zwei Kinder daran beteiligt, denn in einer Gruppe wird oft Druck ausgeübt.

Wenn man von Kindern als Tätern spricht, stellt man sich Knaben vor. Sind es tatsächlich Knaben oder auch Mädchen?
Bei Kindern unter zwölf Jahren sind noch eher Mädchen darunter; in diesem Alter ist das Bewusstsein noch kaum vorhanden, dass sexuelle Übergriffe schädlich sind. Über zwölfjährige Mädchen hingegen begehen in der Regel nur äusserst selten sexuelle Straftaten an Kindern. So sind unter den Erwachsenen nur wenige Frauen, die sexuelle Übergriffe verüben.

Wie können Eltern ihre Kinder vor sexuellen Übergriffen schützen?
Am besten, indem sie ihnen konkret sagen, was nicht erlaubt ist: Niemand darf dir zwischen die Beine fassen. Wollen sie dem Kind hingegen beibringen, Nein zu sagen, dann wird es im Ernstfall schnell überfordert sein. Wie unsere Erhebungen zeigen, werden Kinder in 95 Prozent der Fälle von Familienmitgliedern, Verwandten oder nahen Bezugspersonen missbraucht. Ein Kind ist fast nie in der Lage, einer so nahen Bezugsperson gegenüber Nein zu sagen.

Wie gehen Sie vor, wenn ein Kind von einem anderen sexuell missbraucht wurde?
Wir empfehlen, dass die Verantwortlichen in jedem Fall an eine spezialisierte Fachstelle gelangen. Kinder unter zehn Jahren sind nicht strafmündig und können juristisch nicht belangt werden. Wir empfehlen je nachdem dennoch, den Vorfall der Kesb oder der Polizei zu melden – in der Hoffnung, dass sie veranlassen, dass das tätliche Kind fachliche Unterstützung bekommt. Es geht uns mitnichten darum, Kinder zu dämonisieren oder gar zu kriminalisieren. Aber man weiss, dass Personen, die übergriffig geworden sind, selten von sich aus damit aufhören können.

Und wenn die Eltern nicht mitmachen?
Eltern und Betreuungspersonen richten einen grossen Schaden an, wenn sie wegschauen, und zwar beim Opfer wie beim Täter. Das muss man ihnen bewusst machen. Kinder, die andere sexuell ausbeuten, sind in einer tiefen Not. Sie empfinden Ohnmachtsgefühle und fühlen sich hilflos. Wenn sie selber Gewalt ausüben und andere damit demütigen, fühlen sie sich für einen Moment mächtiger. Nur in einer spezialisierten Psychotherapie können sie andere Strategien erlernen, um ihre inneren Konflikte zu bewältigen.

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