Entwicklungshilfe: Der Kampf um die Spenden

Leiden Menschen im Krieg oder nach Naturkatastrophen, fliessen die Spenden. Langfristige Hilfe hingegen hat es zunehmend schwer. Dabei ist Not- und Aufbauhilfe in der Realität oft kaum voneinander zu trennen.

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Christoph Aebischer@cab1ane

Jahrelang ging es nur aufwärts: Sowohl der Staat wie auch private Spender zahlten immer mehr Geld zur Unterstützung notleidender Menschen oder zur Verbesserung der Lebenschancen in unterentwickelten Staaten.

Die Spendenhöhe stagniert nach einem absoluten Höchststand im Jahr 2015 von fast 1,7 Milliarden Franken.

Hilfswerke lernten in diesen Jahren, dass die Bereitschaft zum Spenden auch vom Anlass abhängt: Am grössten ist sie, wenn das individuelle Leid mit Händen greifbar ist. Johannes Dieterich, langjähriger Afrika-Korrespondent des «Tages-Anzeigers», brachte es in einem Artikel zur Dürrekatastrophe in Ostafrika 2011 auf den Punkt: «Das tönt zynisch, ist es aber nicht.» Ein an dramatischen Elementen möglichst reicher Text würde mehr Betroffenheit beim Leser erzeugen und damit mehr Spenden generieren, schrieb er.

Besonderes Mitgefühl erzeugen Naturkatastrophen. Der absolute Spendenrekord der Glückskette «bescherte» 2005 der Tsunami in Asien an Weihnachten 2004.

Skepsis nimmt zu

Bisher schien die Rechnung aufzugehen, und das Pendel schlug nur in eine Richtung aus, nämlich nach oben. Jetzt gibt es Anzeichen für ein Zurückschwingen. Die Spendenhöhe stagniert nach einem absoluten Höchststand 2015 (fast 1,7 Milliarden Franken, wovon knapp 500 Millionen für humanitäre Engagements im Ausland). Dies meldeten verschiedene Hilfswerke Ende Jahr. Das wäre erstmals seit langem so, lässt man den Abschwung nach dem Ausnahmejahr 2005 unberücksichtigt.

Einnahmen der 439 privaten Hilfswerke in der Schweiz Total 3316 Millionen Franken im Jahr 2015. Etwas über 30 Prozent dieser Mittel fliessen in ausländische Projekte, der Rest wird für Projekte im Inland verwendet.

Auch die Zahlungen der öffentlichen Hand, die etwa ein Drittel der jährlichen 3,3 Milliarden Franken der Budgets der Hilfswerke ausmachen, geraten zunehmend unter kritische Beobachtung.

Der vierjährige Kreditrahmen für die internationale Zusammenarbeit (11,06 Milliarden Franken) genehmigte das Parlament im vergangenen Jahr nur noch knapp. Während die humanitäre Hilfe, also die Soforthilfe in akuter Not, sogar gestärkt werden soll, äusserten sich etliche Politiker skeptisch zur längerfristigen Entwicklungshilfe.

Öffentliche Entwicklungshilfe der Schweiz im Jahr 2015 Total 3348,4 Millionen Franken

Da und dort wird sie despektierlich als eigentliche «Industrie» bezeichnet, und deren Wirksamkeit wird insbesondere mit Blick auf das stagnierende Afrika vermehrt angezweifelt.

Paradoxerweise traut man ihr trotz diesen grundsätzlichen Einwänden dann aber wieder zu, dass sie die Migration abbremsen könnte.

Die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit zwischen 2000 und 2015, über alle 34 OECD-Länder

Kurzfristige Erfolge zählen

Was bleibt, sind die Bilder von Menschen in Not. Sie entfalten weiterhin ihre Wirkung – wenngleich nun auch in unerwünschter Weise.

Matthias Jäger, jahrzehntelang selber aktiver Entwicklungshelfer, zuletzt beim Hilfswerk Swisscontact, und seit kurzem im Ruhestand, beobachtet, dass zunehmend kurzfristige, messbare Erfolge im Vordergrund stünden, gerade auch bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), welche die öffentlichen Gelder an Hilfswerke weitergibt.

Er rechnet mit wachsendem Druck auf längerfristig angelegte Projekte, was ihn mit Sorge erfüllt. Oft reichten eben einige wenige Jahre Engagement nicht ­dafür aus, eine bleibende Verbesserung der Lebensumstände zu erzielen. Und selbst dann sei man vor Rückschlägen nicht gefeit.

Das 2016 erschienene Buch «Humanitäre Hilfe Schweiz – eine Zwischenbilanz» gibt ihm recht. Namhafte Stimmen wie Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes, betonen darin, wie wichtig die gute Verzahnung beider Instrumente sei.

Die Ebola-Epidemie in Westafrika, an deren Folgen über 11'000 Menschen starben, wäre seiner Ansicht nach weniger heftig ausgefallen, wenn das im Krieg zerstörte Gesundheitssystem gez­ielter wiederaufgebaut worden wäre.

Wer bereits vor Ort sei, könne in einer Krise effizienter helfen.

Nachträglich habe sich das IKRK «grosse Vorwürfe» gemacht, dass man sich nach dem Krieg zu rasch aus dieser Region zurückgezogen habe. Wer bereits vor Ort sei, könne in einer Krise effizienter helfen. Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit könne man aber auch aus anderen Gründen immer weniger voneinander abgrenzen, stellt Maurer fest.

Ein Paradebeispiel dieser Verzahnung ist für die Autoren des Buchs die Not- und Aufbauhilfe nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti im Jahr 2010. Damals trat die Deza die grösste Hilfsaktion los, die sie jemals organisiert hatte. Nach der unmittelbaren Nothilfe steht jetzt die sogenannte Resilienz im Vordergrund, also das Aufbauen von Widerstandskraft, um neuen Krisen besser trotzen zu können.

Die Deza verstärkt darum in der neuen Vierjahresperiode ihr Engagement in sogenannt fragilen Kontexten.

Investition in die Zukunft

Die Jahrestagung der Humanitären Hilfe Schweiz und des Schweizerischen Katastrophenhilfskorps, die am 24. März in Bern stattfindet, widmet sich einem Thema, das diesen Aspekt hervorhebt: Kinder und Jugendliche, die zum Beispiel im Syrien-Konflikt schon jahrelang in Flüchtlingslagern leben würden, bräuchten Grund- und Berufsbildung, damit sie später einmal Perspektiven hätten. Das geht über die unmittelbare Nothilfe hinaus.

«Zudem hilft den jungen Menschen das erworbene Wissen weiter, wenn sie dereinst in ihre Heimat zurückkehren und dort beim Wiederaufbau mithelfen»Entwicklungshelfer Matthias Jäger

Für den einstigen Entwicklungshelfer Matthias Jäger macht dieses Engagement in mehrfacher Hinsicht Sinn. Sie könnten die erworbenen Kenntnisse bereits im Flüchtlingslager anwenden. Denn auch dort entstehe nach so langer Zeit eine gewisse Alltagsroutine, die unterhalten werden müsse.

«Zudem hilft den jungen Menschen das erworbene Wissen weiter, wenn sie dereinst in ihre Heimat zurückkehren und dort beim Wiederaufbau mithelfen», sagt er. Und etwas leiser ergänzt er, von Nutzen seien ihnen die Kenntnisse aber natürlich auch, wenn sie sich dereinst in einem Gastland integrieren müssten.

Neues Leid breitet sich aus

Während eine Lösung im Syrien-Konflikt weiter nicht in Sicht ist, bahnt sich in Afrika bereits die nächste humanitäre Katastrophe an: Gleich in mehreren Ländern bedroht der Hunger Millionen von Menschen. Die Spendenaufrufe mit entsprechenden Bildern rollen gerade an. Letzte Woche schaltete sich die Glückskette ein. Den Ursachen des Hungers, Defiziten in der Landwirtschaft und der Misswirtschaft korrupter Regierungen, wird die Nothilfe jedoch nicht beikommen.

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