Falscher Psychologe

Ein Sanitäter, der sich als Psychologe ausgab, erledigt beim Nachrichtendienst des Bundes sensible Aufgaben. Er fliegt auf – und wird gedeckt.

Der Nachrichtendienst des Bundes hat 2015 eine Psychologenstelle geschaffen und intern besetzt. Foto: Samuel Schalch

Der Nachrichtendienst des Bundes hat 2015 eine Psychologenstelle geschaffen und intern besetzt. Foto: Samuel Schalch

Thomas Knellwolf@KneWolf

Will der Schweizer Geheimdienst neue Leute anwerben, schadet ein kleines Selbstlob sicher nicht. «Herz des Dienstes sind hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Dutzenden Berufen», schreibt der Nachrichtendienst des Bundes in seiner Broschüre «Arbeitgeber NDB – Ein besonderer Dienst». Aufgezählt werden zwei Dutzend Berufsgattungen, aus denen Agenten, Analysten und all die anderen Angestellten stammen: von der Archäologin über den Grafiker bis zur Slawistin. Unerwähnt bleibt die Psychologie. Und das ist wohl besser so.

Denn im Herz des Dienstes gibt es einen angeblichen Psychologen, der kaum so hoch qualifiziert ist, wie er selber und auch der NDB es lange geltend machten. Nach allem, was nun bekannt wird, ist er eher ein falscher Psychologe. Ein falscher Psychologe, der für den Schweizer Geheimdienst sensible Aufgaben erledigt, die psychologisches Fachwissen voraussetzen. Er soll dies sogar noch weiterhin tun, obwohl die mutmassliche Titelanmassung nun auffliegt.

Der ausgebildete Rettungssanitäter Hans Stocker (Name geändert) bleibt mit der Psychologenstelle in einer hohen Lohnklasse betraut, die der NDB vor drei Jahren geschaffen hat. Der Posten ist unter anderem für die psychologische Betreuung von Geheimdienst-Mitarbeitern in Notsituationen gedacht.

Auch was an der Seele nagt, muss top secret bleiben.

Die Arbeit beim NDB kann belastend sein. Doch die Mitarbeiter können sich nicht einfach so mit ihren Angehörigen und im Freundeskreis über ihren Berufsalltag austauschen. Auch was an der Seele nagt, muss top secret bleiben.

Deshalb hat der NDB 2015 eine Psychologenstelle geschaffen – und intern besetzt. Zum Zug kam Hans Stocker, der bereits seit 2011 für den NDB tätig ist. Innerhalb des NDB wurde er fortan als «Betriebspsychologe» oder als «operativer Psychologe» angepriesen, bis vor wenigen Tagen. Dabei absolvierte Stocker kein Psychologiestudium. Es ist sogar fraglich, ob er über eine Matur verfügt. Verbürgt ist einzig, dass er früher als Rettungssanitäter arbeitete.

Der NDB schreibt nur, dass sein Mitarbeiter «aufgrund seiner Ausbildung unter anderem auch zur psychologischen Nothilfe berechtigt» sei. Mit den Recherchen dieser Zeitung zum Betroffenen konfrontiert, räumt der Dienst aber auch öffentlich ein, «dass er kein diplomierter Psychologe ist».

Dies deutet auf einen potenziellen Missbrauch eines geschützten Titels hin. Psychologe darf sich in der Schweiz nur nennen, wer einen Master-Abschluss an einer Universität oder Fachhochschule gemacht hat. Allen anderen Personen ist auch das Verwenden von Bindestrich-Titeln wie «Sportpsychologe» oder «Betriebspsychologe» verboten. Eine Titelanmassung ist kein Kavaliersdelikt. Mit einer Busse, die gemäss Experten bis zu 10'000 Franken betragen kann, wird bestraft, «wer in seinen Geschäftspapieren, Anzeigen aller Art oder anderen für den geschäftlichen Verkehr bestimmten Unterlagen ( . . .) sich Psychologe nennt».

Privat mit Titel geschmückt

Bei Hans Stocker beschränken sich die mutmasslich unzulässigen Nennungen nicht auf die Bundesverwaltung. Der Endvierziger hat sich auch öffentlich als «Dr. phil. Psychologie» angepriesen. Dies tat er auf der Website einer Berner Gemeinschaftspraxis, die er mit seiner Frau zusammen betreibt und besitzt. Diese Praxis – spezialisiert auch auf psychologische Fachberatung – wurde im August 2012 gegründet. Damals stand Stocker bereits rund ein Jahr lang im Sold des Schweizer Geheimdiensts. Komplementär bot er auf seiner privaten Website seine Dienste als angeblicher Doktor der Psychologie an. Dort pries er sich auch als «Master of Science in Emergency Health Service Management» und «Master of Business Administration» an. Unklar bleibt, ob Stocker wenigstens diese Titel erworben hat. All die Einträge und sein Name sind mittlerweile von der Praxis-Website verschwunden. Sie lassen sich aber im Internet rekonstruieren.

Beim NDB scheinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf vertraut zu haben, dass Stocker Psychologe ist, wenn sie sich mit ihren Problemen an ihn wandten. Stocker erledigte aber auch Aufgaben im sensibelsten Bereich eines Geheimdienstes: beim Umgang mit menschlichen Quellen.

Er unterstützte die NDB-Beschaffungsabteilung mit seinen angeblich psychologischen Einschätzungen bei der Auswahl und der Führung von Personen, die dem Dienst Informationen liefern. Intern sind kürzlich Zweifel an der Korrektheit der Verwendung von «Betriebspsychologe» oder «operativer Psychologe» für Stocker aufgetaucht. Die NDB-Geschäftsleitung beliess es daraufhin dabei, ihre Belegschaft anzuweisen, die beiden Bezeichnungen nicht mehr zu verwenden. Am Freitagabend kündigte der NDB an, dass er aufgrund der Anfrage dieser Zeitung zusätzliche Abklärungen treffen werde. Bislang stellte die Spitze des Dienstes die potenzielle Titelanmassung als kleines Missverständnis dar, das sich eingeschlichen und über die Jahre verfestigt hat.

Wiederholt in den Schlagzeilen

Sie hält auch nach dem Auffliegen an ihrem falschen Psychologen fest. Der NDB teilt dieser Zeitung mit, die Tätigkeiten des Betroffenen entsprächen «den Kompetenzen, die er im Rahmen seiner Ausbildungen erworben hat». Doch zu konkreten Fragen zu Stockers Curriculum wollten sich weder der Betroffene noch der NDB äussern.

Stocker bleibt Paul Zinniker unterstellt, der den Dienst ad interim leitet. Zinniker und seine Abteilung sind wiederholt in die Schlagzeilen geraten – gerade wegen der Auswahl und Führung von Quellen. Zuletzt setzte es harsche Kritik ab wegen des Skandals um den verhafteten Schweizer Deutschland-Spion Daniel Moser, zuvor wegen der Affäre um den Walliser Winzer Dominique Giroud. Für untere Chargen hatten die Verfehlungen massive Konsequenzen, für ihre obersten Vorgesetzten nicht.

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