Zum Hauptinhalt springen

Freitag ist der neue Samstag

Leere Büros, volle Strassenbeizen: Der Freitag gehört immer selbstverständlicher zum Wochenende. Erstaunlich dabei: Wir arbeiten nicht unbedingt weniger. Und wir haben auch nicht wirklich mehr Freizeit. Wie kann das sein?

Füsse hoch – es ist Freitag! Das gilt immer öfter für erwerbstätige Erwachsene, aber auch für Schüler und Studenten.
Füsse hoch – es ist Freitag! Das gilt immer öfter für erwerbstätige Erwachsene, aber auch für Schüler und Studenten.
Getty Images

Heute ist ein Superfreitag. Die Sonne strahlt, es ist warm, der Frühling macht Laune. Die Strassencafés sind rappelvoll, auf den Skipisten herrscht Hochbetrieb. Dasselbe Bild in den Fitnessstudios, Shops, auf den Golf- und Tennisplätzen und leider auch auf der Autobahn. Die Freizeit­gesellschaft macht blau.

Wobei: So ungewöhnlich ist der heutige Tag nicht. Anders als noch vor einigen Jahren gehört der Freitag immer selbstverständlicher zum Wochenende, sprich: zur Freizeit. Wer trotzdem arbeitet, macht auf casual, Chefs und Mitarbeiter lassen einander in Ruhe.

Strategiesitzungen am Freitag? Keine Chance. Wichtige Besprechungen werden gar nicht erst einberufen, weil die Hälfte der Teilnehmer gar nicht anwesend wäre. Freitag ist schliesslich Papitag. Univorlesungen am Freitag? Unbeliebt und schlecht besucht. Schule am Freitag? Ab Mittag gehts ins Wochenende. Kita am Freitag? Nein danke, muss nicht sein.

Kitas haben am Freitag bis zu 50 Prozent weniger Kinder

Alex Haller, Leiter des Berner ­Jugendamtes, das für die städtischen Kitas zuständig ist, bestätigt den Trend zum blauen Freitag. Die am stärksten belegten ­Kitatage sind Dienstag bis Donnerstag, Freitag ist am schwächsten ausgelastet. «Die Differenz zwischen dem Freitag und einem Spitzentag kann bis zu 50 Prozent betragen», sagt Haller.

Dabei ist der Standort der Kita mitentscheidend. In einer Kita nahe dem Berner Stadtzentrum sei der Freitag tendenziell weniger ausgelastet als zum Beispiel in den Hochhaussiedlungen in Berns Westen. Haller geht davon aus, dass der sozioökonomische Status der Familien eine Rolle spielt. Gut ausgebildete Eltern können es sich leisten, Teilzeit zu arbeiten, schlecht situierte eher nicht.

Für Jörg Moor, den stellvertretenden Leiter des Berner Schulamtes, ist die Tendenz zum Wochenendbeginn am Freitagnachmittag nicht nur erfreulich. «Noch in den Achtzigern hatte man auch am Samstag Schule, heute konzentrieren sich die Schulstunden auf viereinhalb Tage, was den Unterricht für Kinder intensiver und die Stundenplangestaltung nicht unbedingt einfacher macht.» Zudem könne dieser Trend zu Schulraumproblemen führen. «Zum Beispiel sind die Turnhallen von Montag bis Donnerstag überbelegt, am Freitagnachmittag stehen sie dafür vielerorts leer», sagt Moor.

In Firmen gibt es am Freitag Personalengpässe

Dasselbe Bild bietet sich in vielen Firmen und Verwaltungsgebäuden: lärmfreie Grossraumbüros, verwaiste Arbeitsplätze, halb leere Personalrestaurants. Die immer beliebtere Teilzeitarbeit und flexible Homeoffice-Modelle stellen Unternehmen vor neue Herausforderungen: zum Beispiel Personalengpässe am Freitag.

Gemäss einer Umfrage des «Tages-Anzeigers» arbeiten am Freitag bei der Krankenkasse Helsana bis zu 15 Prozent weniger Personen als an anderen ­Tagen, bei der Zurich-Versicherung sind es fast 20 Prozent, und beim Migros-Genossenschaftsbund nehmen gar 40 Prozent der Teilzeitarbeitenden frei.

Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Die flexiblen Arbeitsmodelle entsprechen einem Urbedürfnis, unserem Begehren nach mehr Freiräumen und Selbstbestimmung. Je grösser der Wohlstand, desto besser lässt sich dieser Wunsch in die Praxis umsetzen – in der liberalen Schweiz erst recht.

Homeoffice-Arbeit ist vor allem am Freitag beliebt

«Aktuell bietet die Schweiz in Europa nach den Niederlanden am zweitmeisten Teilzeitstellen an», sagt Fredy Greuter vom Schweizerischen Arbeitgeberverband. Jede dritte Person arbeite Teilzeit, darunter viele Frauen. Auch der gesellschaftliche Trend hin zum Homeoffice hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen, und das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Greuter rechnet vor: «Zwischen 2001 und 2015 ist die Anzahl Personen, die re­gelmässig oder zeitweise daheim arbeiten, von 248 000 auf über 830 000 gestiegen.»

60 Prozent unserer Freizeit verbringen wir in der Wohnung.

Und ja, die meisten nutzen tatsächlich den Freitag entweder fürs Homeoffice oder sie nehmen frei, wie eine repräsentative Umfrage des Beratungsunternehmens Deloitte von 2016 belegt: Am Freitag arbeiten 16 Prozent der Befragten zu Hause, an einem Dienstag sind es bloss 11 Prozent. Die Anzahl jener, die am Freitag gar nicht arbeiten, steigt im Vergleich zu einem Dienstag um rund ein Drittel auf 9 Prozent. Rechnet man die Prozentzahlen auf die 3,8 Millionen Arbeitnehmer in der Schweiz hoch, sind am Freitag rund 270 000 Mitarbeitende weniger im Büro als am Dienstag.

Vor hundert Jahren haben wir doppelt so viel gearbeitet

So verbringen wir unsere LebenszeitCreate your own infographicsHier geht es zu den Details.

Wird unsere Wohlstandsgesellschaft also immer fauler? Nicht unbedingt fauler, aber freizeit­besessener. Anfang des 20. Jahrhunderts haben wir in der Schweiz noch doppelt so viele Stunden gearbeitet wie heute, bis in die 1960er-Jahre war die ­6-Tage-Arbeitswoche verbreitet.

Seit den 1970er-Jahren hat unser Arbeitsethos jedoch kaum mehr abgenommen: Die Wochenarbeitszeit hat sich bei durchschnittlich 42 Stunden einge­pendelt. Der Arbeitsstress nimmt in unserer 24-Stunden-Gesellschaft sogar tendenziell zu. Umso wertvoller scheint es, die Freizeit richtig auszukosten, indem man sie auf ein verlängertes Wochenende bündelt.

Doch erholen wir uns so tatsächlich besser? Nein, sagt der deutsche Freizeit- und Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt. «Für Körper und Geist macht es mehr Sinn, Mitte der Woche freizunehmen, um sich einen Ruhepol zu gönnen.» Dummerweise widerspricht dies der Sehnsucht vieler nach einem längeren Stück Freizeit. «Dieses Phänomen hängt auch damit zusammen, dass wir Arbeit als fremdbestimmt betrachten. Die Freizeit glorifizieren wir dafür umso mehr, und wir glauben, mehr zu profitieren, wenn wir sie kumulieren», erklärt Reinhardt.

Arbeit und Freizeit werden noch mehr gebündelt

Die Arbeitszeit werde in den nächsten zehn Jahren kaum abnehmen, prognostiziert der 46-Jährige, die Teilzeitarbeit werde jedoch weiter zunehmen, und wir würden unsere Arbeitszeit tendenziell in weniger Tagen erledigen, egal ob Vollzeit oder Teilzeit arbeitend. Kurzum: Wir werden sowohl die Arbeit als auch die Freizeit noch stärker bündeln.

Die Konzentration der Freizeit auf ein verlängertes Wochenende hat aber auch ganz praktische Gründe, wie der emeritierte Berner Tourismusprofessor Hansruedi Müller ausführt. «Es macht Sinn, dann freizunehmen, wenn auch andere frei haben, damit man gemeinsam etwas unternehmen kann.»

Logisch also, stimmen Teilzeit arbeitende Eltern ihre Arbeitstage aufeinander ab, damit man am Freitag als Familie in den Zoo gehen kann. Müller sieht aber noch einen weiteren wichtigen Treiber für den Freitagstrend: «Über 20 Prozent der Haushalte haben in der Schweiz Zugang zu einer Zweitwohnung. Da lohnt es sich doppelt, die Freizeit zu kumulieren, statt auf einzelne Tage während der Woche zu verteilen.»

Freizeit ist durch Medienkonsum dominiert

Bloss: Den grössten Teil unserer hochgeschätzten Freizeit verbringen wir weder entspannt in einem Chalet in den Bergen noch mit aufregenden Erlebnissen. Erstaunlich, aber wahr: 60 Prozent unserer Freizeit verbringen wir in der Wohnung, wahrscheinlich auf dem Sofa, und 20 Prozent im direkten Wohnumfeld, wahrscheinlich mit Einkaufen oder Kaffeetrinken.

«Grundsätzlich ist unsere freie Zeit durch die ­Medien dominiert», sagt der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. «Fernsehen, Radio hören, telefonieren und im Internet surfen sind die häufigsten Freizeitbeschäftigungen.» Unter der Woche sei diese Art der passiven Berieselung für rund 70 Prozent der Bevölkerung typisch.

Wer am Freitag frei hat, verbringt den Tag nicht selten mit Verpflichtungen wie Einkaufen oder Putzen der Wohnung. Echte Freizeit sieht anders aus.

«Das Wochenende hingegen dient der Erlebnissuche. Denn Freizeitunternehmungen sind auch ein Statussymbol. Man will am Montag im Büro schliesslich etwas zu erzählen haben», so Reinhardt. Oft hetzt man deshalb von einem Termin zum nächsten: Man geht shoppen, will aber noch kurz ins Fitnessstudio und endlich mal wieder mit dem Nachbarn schwatzen, bevor man am Abend für Freunde ein 5-Gänge-Menü kocht. Und da am Sonntag das Wetter so toll wird, hat man sich schon um 8 Uhr für eine ­Velotour verabredet, weil am Nachmittag der Besuch bei den Grosseltern ansteht. Kein Wunder, klagen alle über Freizeitstress!

«Wir verplanen die eigentliche freie Zeit immer mehr», erklärt Reinhardt. «Wissenschaftlich betrachtet ist Freizeit durch Freiwilligkeit definiert. Heute werden viele Freizeitaktivitäten allerdings nicht mehr freiwillig ausgeübt, sondern aus dem Zwang heraus, mit anderen mithalten zu können, sodass sie zu einer Verpflichtung werden.» Mit anderen Worten: Sie unterscheiden sich am Schluss wenig von der Arbeit, die wir als das Gegenteil von Freizeit empfinden.

Unbezahlte Verpflichtungen sind keine echte Freizeit

Die Forschung unterscheidet deshalb nicht nur zwischen Arbeit und Freizeit, sondern ­zwischen Determinationszeit (Erwerbsarbeit), Dispositionszeit (freiwillige Freizeit) und der Obligationszeit. Letztere besteht aus Verpflichtungen und Aufgaben, für die wir keinen Lohn erhalten. Und das sind mehr, als uns bewusst und lieb ist.

Wer am Freitag «frei» hat, verbringt den Tag nicht selten mit Einkaufen, Putzen der Wohnung, Wäschewaschen oder sonstigen Erledigungen, die man während der Arbeitswoche nicht geschafft hat. Laut Reinhardt ist das nicht Freizeit, sondern typische Obligationszeit. Genauso wie im Stau stehen auf dem Weg zur Arbeit oder jeden Abend kochen oder mit den Kindern Hausaufgaben machen.

«Die Grenzen zwischen Freizeit und Obligationszeit sind jedoch fliessend und sehr individuell», hält Reinhardt fest. Wenn jemand ins Fitnessstudio geht, weil er mit seinen Kollegen mithalten will, ist es für diese Person eher eine Verpflichtung. Der Verwandtenbesuch ist für die Grosseltern eher Freizeit, aber nicht unbedingt für deren Kinder und Enkel. Und das sei noch die gute Nachricht, scherzt Reinhardt.

Wir verplanen unsere Freizeit mit Verpflichtungen

Die schlechte Nachricht: Unsere Obligationszeit nimmt tendenziell zu. Rund 26 Prozent unseres Lebens bestehen heute aus verpflichtenden Arbeiten. Immerhin: Knapp 30 Prozent verbringen wir mit Freizeit. Genauso viel Lebenszeit verschlafen wir, über 4 Prozent entfallen an die Ausbildung. Erwerbsarbeit, die gefühlt den grössten Posten einnimmt, macht lediglich 10 Prozent unserer Lebenszeit aus.

«Das Wochenende dient der Erlebnissuche. Denn Freizeitunternehmungen sind auch ein Statussymbol.»

Freizeitforscher Ulrich Reinhardt

Längerfristig wird die Erwerbsarbeit laut Reinhardt tendenziell noch weiter abnehmen, die Obligationszeit wird aber viel stärker wachsen als die Freizeit. Denn: Die Wege zur Arbeit würden immer länger. Oder wenn man am Abend noch E-Mails checke, dafür aber nicht bezahlt werde, sei es nicht Freizeit, sondern Obligationszeit. Und besonders bei der jungen Generation sei es schon heute weit verbreitet, so Reinhardt, die Freizeit komplett zu verplanen. «Ausserdem werden neue Verpflichtungen auf uns zukommen, zum Beispiel die Pflege der Eltern und der Grosseltern, weil der Staat bei einer ­immer älter werdenden Bevölkerung diese Aufgabe nicht mehr ­allein bewältigen kann.»

Wird die Obligationszeit also die neue Leistungszeit? Ulrich Reinhardt würde diese These jedenfalls nicht verneinen. «Die Identifikation über den Job nimmt immer mehr ab. Heute sind wir neben der Arbeit auch noch Rosenzüchter, Computerfreaks oder Marathonläufer. Je produktiver wir unsere Nicht-Erwerbszeit verbringen, desto höher ist ihr Stellenwert in der Gesellschaft. Doch produktiv zu sein ist oft mit Verpflichtungen verbunden, was wiederum eher Obligations- statt Freizeit bedeutet.»

In der Freizeit soll man ruhig auch etwas verpassen

Klar, wer in seiner Freizeit spazieren geht oder auf dem Sofa seinen Gedanken nachhängt, wird damit am Montag im Büro kaum punkten. Es braucht heute eine gehörige Portion Eigenwilligkeit, sich über unspektakuläre Freizeitbeschäftigungen zu identifizieren, auch wenn sie am Ende vielleicht mehr befriedigen als die populäre Leistungsfreizeit. «Es macht jedenfalls Sinn, in der Freizeit auch mal etwas zu verpassen», rät Reinhardt. Schliesslich gibt es nicht nur freie Zeit für etwas, sondern auch von etwas.

Vielleicht hätten wir dann auch weniger das Gefühl eines generellen Zeitmangels, der uns im Alltag ständig begleitet. Laut Reinhardt tendieren wir deshalb immer mehr dazu, in unserer Freizeit mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Wir essen und telefonieren und lösen gleichzeitig Kreuzworträtsel. «Aus Zeitstress wird auch die Dauer der Aktivitäten immer weiter reduziert», sagt Reinhardt.

«Egal, ob wir ins Kino gehen oder auswärts essen oder fernsehen: Wir leben in einem 2-Stunden-Rhythmus. Danach brauchen wir einen ­neuen Impuls, damit nicht das Gefühl der Langeweile aufkommt.» Wissenschaftlich betrachtet sei dies allerdings das Verkehrteste, was man machen könne. «Freizeit ist Musse, da soll man sich gehen lassen und möglichst kein Zeitgefühl ent­wickeln.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch