Prinz Charles und die Schweizer Heilige

Der Papst spricht am Sonntag die Freiburgerin Marguerite Bays heilig. Mit dabei: Eine Bundesrätin und ein Mitglied des englischen Königshauses.

Sie wurde 1995 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen und ist eine typische Heilige aus dem 19. Jahrhundert: Marguerite Bays. Foto: Murith Vincent (La Liberté)

Sie wurde 1995 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen und ist eine typische Heilige aus dem 19. Jahrhundert: Marguerite Bays. Foto: Murith Vincent (La Liberté)

Michael Meier@tagesanzeiger

Am Sonntag werden Heerscharen von Gläubigen auf den Petersplatz strömen, wenn Papst Franziskus Marguerite Bays (1815–1879) heiligspricht: Die Bäuerin und Näherin aus dem freiburgischen Siviriez gilt als Vorbild eines gottesfürchtigen und mildtätigen Lebens. Ihr zu Ehren werden Hunderte von Schweizern in Rom sein. Allein zur offiziellen Wallfahrt haben sich 300 Pilger angemeldet. 100 junge Gläubige werden per Bus zur Heiligsprechung anreisen.

Die offizielle Schweizer Delegation soll von Bundesrätin Karin Keller-Sutter angeführt werden. Der Kanton Freiburg lässt sich durch Regierungspräsident Jean-Pierre Siggen und Staatsrat Didier Castella vertreten. Selbstverständlich werden Würdenträger der Schweizer Kirche vor Ort sein: der Westschweizer Bischof Charles Morerod, der Basler Bischof Felix Gmür und der apostolische Administrator von Chur, Pierre Bürcher.

Prinz Charles ist auch dabei

An der feierlichen Zeremonie wird auch Prinz Charles teilnehmen; allerdings nicht wegen Marguerite Bays, sondern wegen Kardinal John Henry Newman (1801–1890), den Papst Franziskus gleichzeitig heiligsprechen wird. Der anglikanische Pfarrer und Gelehrte aus London sorgte 1845 für grosses Aufsehen, als er zur römisch-katholischen Kirche übertrat.

Einziger Schatten über dem Grossanlass vom Sonntag: Kardinal Giovanni Angelo Becciu, als Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen auch für die Prozesse von Bays und Newman zuständig, macht gerade unrühmliche Schlagzeilen: Er soll in den neuesten vatikanischen Finanzskandal verwickelt sein, der zu einer Razzia samt Suspendierungen im Staatssekretariat geführt hat.

Kletterunfall wundersam überlebt

Becciu hatte im Januar Papst Franziskus die Dokumentation über das zweite von Bays erwirkte Wunder übergeben, das Voraussetzung für eine Heiligsprechung ist: 1998 im freiburgischen Siviriez soll ein kleines Mädchen dank der Fürbitte ihres Grossvaters zu Bays nach einem Traktorunfall unverletzt geblieben sein. Auch ein erstes Wunder auf Schweizer Boden hatte der Vatikan beglaubigt: Ein Bergsteiger soll 1940 in den Berner Alpen nach einem Hilferuf zu Bays als einziger seiner Seilschaft einen Kletterunfall wundersam überlebt haben.

Er soll in den neuesten vatikanischen Finanzskandal verwickelt sein, der zu einer Razzia samt Suspendierungen im Staatssekretariat geführt hat: Kardinal Giovanni Angelo Becciu. Foto: Franco Origlia (Getty Images)

Die Näherin selber soll am 8. Dezember 1854, am Tag, als der antiliberale Papst Pius IX. das Dogma der unbefleckten Empfängnis verkündete, unerwartet von einer Krebserkrankung geheilt worden sein und von da an die Wundmale des Gekreuzigten getragen haben. Das erinnert an die heilige Bernadette von Lourdes, der die Muttergottes in jener Zeit offenbart haben soll: «Ich bin die unbefleckte Empfängnis», also die ohne Erbsünde empfangene Jungfrau Maria.

Aufopfernd, dienend, keusch

Bays, 1995 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen, ist eine typische Heilige aus dem 19. Jahrhundert: aufopfernd, dienend, keusch und die päpstlichen Dogmen legitimierend. Sie führte in Siviriez nahe Romont ein bescheidenes Leben, kümmerte sich um Arme und Kranke und nahm an Wallfahrten teil. Sie gehörte zum Dritten Orden des heiligen Franziskus, das heisst, sie orientierte sich an dessen Ordensregel, ohne im Kloster zu leben.

Bays ist erst die dritte Schweizer Heilige – neben dem Nationalheiligen Niklaus von Flüe (1417–1487), von Pius XII. 1947 heiliggesprochen, und der Missionsschwester Maria Bernarda Bütler (1848–1924), 2008 von Papst Benedikt XVI. heiliggesprochen. Natürlich haben auf Schweizer Boden auch andere Heilige gewirkt.

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