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«Harte Strafen können den ‹Thrill› des Rasens erhöhen»

Die Unterschriften zur Volksinitiative zum «Schutz vor Rasern» werden am Mittwoch in Bern übergeben – mit Forderungen nach drakonischen Strafen. Ein Verkehrspsychologe erklärt gegenüber Redaktion Tamedia, ob das helfen würde.

Einsicht durch ein Warnschild? Laut Fachleuten ist es schwierig, extremen Rasern Rücksicht im Verkehr beizubringen.
Einsicht durch ein Warnschild? Laut Fachleuten ist es schwierig, extremen Rasern Rücksicht im Verkehr beizubringen.
Keystone

Herr Widmer, die Unterschriften zur Initiative zum «Schutz vor Rasern» werden am Mittwoch in Bern übergeben – nach einem Gedenkmarsch für die Raseropfer. Halten Sie die Initiative für nötig, nachdem der Bundesrat und Abgeordnete bereits Gesetzesverschärfungen vorgeschlagen haben?Andreas Widmer: Die Initiative würde bei einer Annahme eine Verfassungsänderung zur Folge haben. Das halte ich für übertrieben, weil es sich um Detailfragen bei der Bestrafung handelt. Eine Gesetzesänderung dagegen wäre toll. Der Ständerat debattiert ja dieser Tage auch über Via Sicura, das Handlungsprogramm des Bundes für mehr Sicherheit im Strassenverkehr. Und darin sind viele Vorschläge der Initiative schon enthalten.

Die Initiative verlangt neben Führerscheinentzug auch die Beschlagnahmung von Fahrzeugen und hohe Gefängnisstrafen für Wiederholungstäter – drakonische Massnahmen also. Was halten Sie als Verkehrspsychologe davon?Generell können verschärfte Strafen schon etwas bringen. Es kommt auf die Zielsetzung an. Für diejenigen, die sich an die Verkehrsregeln halten, ist das eine positive Verstärkung. Sie sehen, dass diejenigen, die die Regeln brechen, bestraft werden.

Und die eigentliche Zielgruppe, die Raser?Da gibt es zwei Gruppen. Bei denjenigen, die gerne rasen würden, aber es noch nicht tun, kann die Androhung strenger Sanktionen, das Rasen ein wenig hinauszögern. Aber bei denen, die sich schon falsch verhalten, bringt das wahrscheinlich wenig: Allein schon, weil die Gefahr entdeckt zu werden, ziemlich gering ist. In manchen Fällen sind harte Strafen sogar kontraproduktiv.

Warum?Weil die Strafen den «Thrill» des Rasens noch ein wenig erhöhen können.

Die Initiative fordert auch verkehrspsychologische Gutachten bei Rasern, bevor ihnen der Führerschein zurückgegeben wird.Das finde ich sehr sinnvoll, dass man die Eignung zuerst noch einmal prüft.

Laut manchen Psychologen fehlt extremen Rasern jegliches Einfühlungsvermögen in die Nöte anderer.Das muss nicht unbedingt stimmen, dass Sie kein Einfühlungsvermögen haben. Sie sind oft nur psychologisch so selbstfixiert, dass sie darüber gar nicht nachdenken.

In den USA gibt es für Delinquenten Workshops, in denen die Täter mit den Opfern konfrontiert werden – zum Teil auf krasse Weise, sodass sie schliesslich selbst an ihren Taten leiden sollen. Könnte das bei Rasern etwas bringen?Die Idee lässt sich schlecht umsetzen, glaube ich. Die meisten Opfer wollen mit den Tätern nicht zusammenarbeiten. Ausserdem hat dieses Verfahren einen sehr moralischen Impetus, und alles, was moralisierend ist, bringt nach meiner Erfahrung nicht allzu viel.

Warum nicht?Es geht im Wesentlichen nicht um die Einstellung, sondern um das Verhalten. Viele Autofahrer sind regelmässig zu schnell unterwegs, ohne je erwischt zu werden. Da muss man einfach das Bewusstsein steigern, dass sie andere in Gefahr bringen.

Gibt es für Sie einen Königsweg, um die Raserei psychologisch zu bekämpfen?Wenn man jemanden erwischt, muss sofort eine harte Reaktion erfolgen – nicht erst nach einem halben Jahr von administrativer Verzögerung. Und es gibt zwei Massnahmen, die wissenschaftlich erwiesen wirksam sind.

Nämlich?Erstens Gruppenkurse für Delinquenten, wie sie etwa die Beratungsstelle für Unfallverhütung durchführt: Dort wird Rasern klargemacht, welche Gefahr sie für andere darstellen. Und zweitens sind Verkehrstherapien von Experten mit 10 bis 20 Sitzungen oft erfolgreich – mit intensiver Arbeit an der Impulskontrolle und der Emotionskontrolle der Delinquenten. Und in diesem Rahmen kann es auch um Empathie mit anderen Verkehrsteilnehmern gehen.

Kann man solches Mitgefühl jemandem tatsächlich «einimpfen»?Das nicht. Man kann es aber wecken, weil extreme Raser die Folgen ihres Verhaltens vielfach noch gar nicht reflektiert haben.

Also gibt es auch in Extremfällen Hoffnung?Ja, sicher.

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