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Heimat. Was ist eigentlich Heimat?

Geht es auf den 1. August zu, haben einige Begriffe alljährlich Hochkonjunktur. Vaterland, zum Beispiel. Oder Neutralität. Rütlischwur. Und natürlich: Heimat.

Weisses Kreuz auf rotem Grund: Was bedeutet Heimat?
Weisses Kreuz auf rotem Grund: Was bedeutet Heimat?
Martin Ruetschi, Keystone

Im allgemeinen Sprachgebrauch verwenden wir den Begriff Heimat meist für jenen Ort, in den ein Mensch hineingeboren wird. Für den Ort, wo er aufwächst, wo er seine ersten Lebenserfahrungen macht, seinen Charakter prägt. Das entspricht auch der sprachlichen Herkunft des Wortes. Heimat stammt vom germanischen «heim» ab, was so viel bedeutet wie Wohnplatz, Dorf oder Haus. Im Althochdeutschen bildete sich aus diesem Wortstamm das Wort «heimoti» heraus – aus «Haus» wurde «zu Hause sein».

Heimat ist da, wo wir uns zu Hause fühlen. Heimat ist aber mehr als die positive Bindung an einen simplen Ort, so, wie das die sprachliche Bedeutung suggerieren könnte. Heimat ist immer auch ein Gefühl des Mitbestimmens, des Mitgestaltens. Aber auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Gemeinschaft, ge­prägt von jenen Menschen, die uns umgeben. Die wichtig sind, weil sie einem Halt geben, wenn es rutscht – oder weil sie dann schubsen, wenn es anstellt. Die Familie. Freunde. Der Verein. Arbeitskollegen. Die Dorf- oder Quartiergemeinschaft.

Heimat spielt in unserem Alltag allerdings meistens eine untergeordnete Rolle. Heimat kommt oft erst dann ins Spiel, wenn es nicht so läuft, wie es sollte. Wenn uns das Heimweh plagt. Wenn der Zweifel an uns nagt. Oder wenn wir uns von fremden Einflüssen bedrängt oder sogar bedroht fühlen. Dann sehnen wir uns nach unserem Zufluchtsort und nach den Gefühlen, die wir damit verbinden.

Es ist die Sehnsucht nach einem Idealzustand, der nach meiner eigenen Erfahrung für die meisten allerdings nicht im Hier und Jetzt, sondern offenbar weit zurück in der Vergangenheit liegt. Damals, als die Welt noch in Ordnung war. Als Projektionsfläche dient dann meist das Bild dieser Kuh­glocken-Alphorn-Blumentrögli-Schweiz, die mit der heutigen Realität, in der drei Viertel in städtischen Agglomerationen le­ben, nicht mehr viel zu tun hat.

Ist das nicht erstaunlich für Leute, die in einem Land wohnen, dem es objektiv betrachtet wohl noch nie besser ging als heute? Ein Land, das noch vor 100 Jahren als mausarmes Auswandererland galt und heute in internationalen Rankings unter Berücksichtigung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Faktoren regelmässig vorderste Ränge belegt?

Nein. Das ist nicht erstaunlich, sondern ganz normal. Der schwedische Forscher Hans Rosling hat mit Befragungen in dreissig Ländern nachgewiesen, dass die Menschen die Welt systematisch schlechter sehen, als sie ist. Wir sind darauf konditioniert, Negatives aus der Erinnerung zu verdrängen, wo­mit das Gestern rosig und das Heute düster erscheint.

Vertraut man nicht dem falschen Gefühl, sondern den echten Fakten, war früher aber eben längst nicht alles besser. Möglicherweise denken Sie jetzt an die Grossunternehmen, die viele Jobs ins Ausland verschieben. Diese Entwicklung gibt es. Trotzdem liegt in der Schweiz die Arbeitslosenquote gegenwärtig bei 2,4 Prozent und damit auf einem erfreulichen 10-Jahres-Tief.

Sie haben die Berichte über die vielen Wohlstandskrankheiten im Ohr? Die Lebenserwartung von Herrn und Frau Schweizer steht heute bei 83,2 Jahren und damit um 7 Jahre höher als noch vor einer Generation. Oder beschäftigen Sie die Schlagzeilen von Raserunfällen mit ihren verheerenden Folgen? So weit, so schlecht. Bloss: Die Zahl der Verkehrstoten reduzierte sich innerhalb von 40 Jahren von 1300 auf heute noch 230 pro Jahr.

Die Gegenwart ist in weiten Teilen um einiges besser als die Vergangenheit und auch besser, als uns manchmal Politiker oder andere Schwarzmaler weismachen wollen. Selbstverständlich läuft selbst in unserem vom Wohlstand verwöhnten Land nicht alles perfekt. Aber vieles ist ganz nahe dran am Ideal. Das kann jeder bestätigen, der schon mal länger im Ausland gelebt hat.

Eigentlich müsste es mit dieser Ausgangslage doch ein Leichtes sein, jene positiven Errungenschaften, die unser Land besonders auszeichnen, zu einem Teil unseres Heimatgefühls, unserer nationalen Identität zu machen.Meine Heimat ist eine Schweiz der Chancengleichheit, wo jeder – ungeachtet seiner gesellschaftlichen oder geografischen Herkunft – mit Fleiss, Mut und Glück seine Bildungs- und Berufsziele erreichen kann.

Es ist ein Land der Vielsprachigkeit, der verschiedenen Kulturen und der Verständigung. Wo die einzigartigen Landschaften nachhaltig bewirtschaftet werden und der Umwelt Sorge getragen wird. In meiner Heimat sind die Bürger nicht nur Wähler und Steuerzahler, sondern sie bestimmen regelmässig mit und haben so direkten Einfluss auf die Zukunft des Landes.

Der schlanke Staat schafft herausragend gute Voraussetzungen für Forscher und innovative Unternehmen. Im Arbeitsmarkt stimmt die Balance zwischen den Erwartungen der Firmen und den Bedürfnissen der Arbeitnehmer. Es ist eine Schweiz, die Schwächere stützt und Fremde nicht ausgrenzt, dabei aber einfordert, dass jeder seinen eigenen Teil zu einer funktionierenden Gesellschaft beisteuert. Und was ist für Sie Heimat? Ich wünsche Ihnen einen schönen 1. August.

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