«Ich habe einer Seilschaft abgeraten, die Tour zu machen»

Bei den hohen Temperaturen suchen viele Abkühlung in den Bergen. Das kann gefährlich werden, sagt ein Bergführer.

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Herr Hostettler, wie heiss ist es momentan bei Ihnen vor der Blüemlisalphütte auf 2840 Metern?
Es ist heisser als in den letzten Jahren um diese Zeit. Die Temperatur ist bereits auf 19 Grad im Schatten gestiegen, das sind schon hohe Temperaturen. Einerseits sind wir froh, denn so schmilzt der Schnee, und die Wanderwege werden begehbar. Anderseits schmilzt der Schnee auch auf den Gletschern, wodurch Hochtouren viel anspruchsvoller werden.

Kommen wegen der Hitze im Flachland mehr Wanderer und Alpinisten zu Ihnen hoch?
Ja, die Nachfrage ist extrem, und wir geben andauernd Auskunft via Telefon. Momentan ist aber erst der Hüttenweg geöffnet, viele andere Wanderwege sind noch schneebedeckt. Deshalb kommen vor allem Hüttenbesucher und Alpinisten. Wir sind aber laufend am Spuren und am Schneeschaufeln.

Welche Probleme stellen sich denn den Alpinisten?
Die extremen Temperaturen führen dazu, dass der Firnschnee schnell wegschmilzt. Dadurch kommt auf den Gletschern das Blankeis zum Vorschein. Man kann dann nicht einfach ein Firnschnee-Feld hochsteigen, sondern man muss den Aufstieg unter Umständen mit Eisschrauben sichern. So wird man langsamer, wodurch die Gefahr zusätzlich steigt.

Ist das im Blüemlisalp-Gebiet bereits ein Problem?
Anfang Woche hatten wir noch ideale Verhältnisse, doch dann wurde es schnell prekärer. Ich habe gestern einer Seilschaft abgeraten, die klassische Blüemlisalp-Traversierung zu machen. Heute früh sind jedoch Alpinisten mit Bergführer zu dieser Tour gestartet, die Nacht war etwas kühler. Jetzt hoffe ich, dass es bald wieder ein Gewitter gibt, das in der Höhe etwas Schnee bringt. Sonst könnte es eine relativ kurze Hochtourensaison werden.

Bei höheren Temparaturen werden die Bergregionen gefährlicher: Steinschlag bei Weggis. Archivbild: Keystone

Wie sieht es mit den Schneebrücken über den Gletscherspalten aus?
Momentan ist die Situation noch gut, denn der Winter war schneereich. Und es hat viel Schnee von den Graten auf die Gletscher runtergeblasen. Der liegt nun relativ kompakt und bedeckt die Spalten. Aber auch diese Situation dürfte sich bald ändern, wenn die Hitzeperiode anhält. Dann wird zudem die Steinschlaggefahr steigen, und für hoch gelegene Hütten dürfte die Wasserversorgung zum Problem werden.

Was raten Sie Alpinisten, die bei dieser Hitze eine Bergtour planen?
Sie müssen sehr früh aufbrechen und früh wieder zurück auf der Hütte sein. Bei uns in der Blüemlisalphütte gibt es das Frühstück zum Beispiel um drei Uhr, eine halbe Stunde später brechen die ersten Bergsteiger auf. Die Alpinisten müssen eine gute Tourenplanung vornehmen – und sie müssen vor allem bereit sein, umzukehren, wenn sie den Zeitplan nicht einhalten können oder wenn die Verhältnisse schlechter als erwartet sind.

Sie unternehmen seit bald 50 Jahren Hochtouren, sind Bergführer, Hüttenwart und Bergretter. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Die Tendenz ist klar: Die Gletscher gehen extrem zurück, die Übergänge vom Fels auf die Gletscher werden immer heikler. Durch den Gletscherschwund werden die Eisflanken zudem steiler. Man kann generell sagen: Es wird schwieriger und anspruchsvoller in den Bergen.

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