«Ich verlege Mutmach-Bücher»

Gabriella Baumann publiziert in ihrem kleinen Wörterseh-Verlag zahlreiche Bestseller. Das liege daran, dass sie auf «Mutmach-Bücher» setze, sagt sie. Auch ihr Mann, Frank Baumann, schreibt für sie. Krach gebe es nie.

Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx an ihrem Küchentisch in Gockhausen: Am Tag dient er als Sitzungstisch für sie und ihr Team. Bisher sind im Wörterseh-Verlag 74 Bücher erschienen, 46 davon wurden Bestseller.

Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx an ihrem Küchentisch in Gockhausen: Am Tag dient er als Sitzungstisch für sie und ihr Team. Bisher sind im Wörterseh-Verlag 74 Bücher erschienen, 46 davon wurden Bestseller.

(Bild: Lucian Hunziker / Ex-Press)

Mirjam Comtesse

Viele Verlage haben Mühe, ihre Bücher zu verkaufen. Sie publizieren in Ihrem Wörterseh-Verlag regelmässig Bestseller. Was ist Ihr Erfolgsrezept?Gabriella Baumann:Der Erfolg hängt weniger von mir ab als vielmehr von den Geschichten, die ich verlege. Schon bei der Gründung von Wörterseh im Jahr 2004 habe ich als Motto festgelegt: Es ist vieles möglich im Leben, wenn man den Glauben an sich und an die Machbarkeit der Dinge nicht verliert. Die Leser sollen beim Lesen denken, wenn ein Herzchirurg Fernfahrer werden oder das Kind einer Drogenabhängigen trotz grauenvoller Kindheit später ein zufriedenes Leben führen kann, dann schaffe ich es auch, mein Glück zu finden. Ich verlege im Grunde Mutmach-Bücher.

Ihre Bücher werden auch leicht abschätzig als Betroffenheits­literatur bezeichnet.An einer öffentlichen Veranstaltung stellte man Wörterseh einmal sogar als «Opfer-Verlag» vor. Das traf mich tief. Ich veröffent­liche Bücher über persönliche Schicksale erst, wenn die Betroffenen keine Opfer mehr sind, sondern es geschafft haben, ihre Krisen zu überwinden und zu ­Siegern zu werden. Den Begriff Betroffenheitsliteratur dagegen kann ich gelten lassen. Wichtig ist mir vor allem der Begriff Literatur: Meine Bücher werden alle zweimal lektoriert und zweimal Korrektur gelesen. Ich will gut geschriebene Bücher ohne Fehler verlegen.

Man liest auch das Wort Boulevard-Verlag. Was ist da dran?Darüber habe ich mich früher sehr geärgert. Doch dann hat Moderator Röbi Koller, der auch für mich schreibt, gesagt: «Gaby, Boulevard ist gut. Es ist das, was die Leute auf der Strasse interessiert.» Wo er recht hat, hat er recht.

Sie waren Arztgehilfin, Flight-Attendant und später Journalistin. Wie wird man da plötzlich Verlegerin?Indem einem ein Spatz auf den Kopf scheisst.

Wie bitte?Mein Mann, Frank Baumann, und ich lernten uns in einer Zeit kennen, als ich für die Swissair unterwegs war. Damals gab es noch keine Handys und E-Mails, also schrieben wir uns Briefe. Mein Mann sagte mir immer: «Du musst beruflich schreiben.» Darauf fing ich an, für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften Artikel zu verfassen. Später fragte der Zytglogge-Verlag, ob ich ein Buch über Nella Martinetti schreiben möchte. Das machte ich und dachte: «Das war es jetzt.» Doch dann ging es weiter, und ich verfasste schliesslich ein Buch über die Entwicklungshelferin Lotti Latrous, das ein grosser Erfolg wurde. Ein Jahr später wollte ich ein zweites Buch nachlegen. Doch der Verlag winkte ab, ich solle noch warten. Ich erklärte der Lektorin, dass ich das Buch in dem Fall selber verlegen würde, und sie sagte: «Dann tus.» Genau in dem Moment schiss mir ein Spatz auf den Kopf. Da wusste ich: Jetzt ziehe ich das durch.

«Auch heute noch brauche ich Mut: Wir bringen dieses Jahr zwölf Bücher heraus. Falls alle floppen, können wir einpacken.»

Woher haben Sie den Mut genommen, dies ohne entsprechende Ausbildung zu machen?Ich kannte von meinen früheren Buchprojekten verschiedene Leute in der Branche, die bereit waren, mich als freie Mitarbeiter zu unterstützen. Ich war also nicht ganz allein. Und ich spürte einfach, dass mein zweites Buch über Lotti Latrous an die Öffentlichkeit muss. Natürlich hätte es völlig schiefgehen können. Auch heute noch brauche ich Mut: Wir bringen dieses Jahr zwölf Bücher heraus. Falls alle floppen, können wir einpacken.

Haben Sie Existenzängste?Diese Angst habe ich verloren, seit die Kinder ausgezogen sind und sie finanziell unabhängig sind. Mein Mann und ich kommen immer irgendwie durch.

Werden Sie reich mit dem Verlag?Nein. Vielleicht könnte ich reich werden, wenn ich Geld verlangen würde von den Leuten, die in unseren Büchern porträtiert werden. Aber ich will das nicht. Ich muss auch nicht reich werden. Es muss einfach reichen – für mich und meine zwei fixen Mitarbeiterinnen sowie für die zahlreichen Freien, die für Wörterseh tätig sind. Diese Verantwortung nagt manchmal an mir.

Wie viel Umsatz machen Sie?Das müssen Sie unseren Treuhänder fragen. Ich weiss es nicht. Ich schaue auch bei keinem Buch hinterher nach, ob sich die Publikation gerechnet hat oder nicht.

Sie wissen doch sicher, ob ein Buch Ihnen Verluste oder Gewinne beschert.Ich weiss, dass ich mit einigen Verluste eingefahren habe. Aber was bringt es mir, im Nachhinein nachzurechnen? Es ist ja schon passiert. Lieber konzentriere ich mich auf die neuen Bücher und kümmere mich darum, dass diese schwarze Zahlen schreiben.

Gabriella Baumann: «Wenn jemand unglücklich wird, weil ich ein Buch über ihn veröffentliche, dann ist das viel schlimmer, als wenn ich Geld verliere». Bild. Lucian Hunziker / Ex-Press

Überprüfen Sie die Biografien, die Sie publizieren, auf ihren Wahrheitsgehalt?Ich treffe die Leute im Vorfeld, und da höre ich ganz fest auf ­meinen Bauch. Die Chemie muss stimmen. Mit Michelle Halbheer, der Protagonistin im Buch «Platzspitzbaby», die bei einer drogensüchtigen Mutter aufwachsen musste, hatte ich mich dreimal verabredet. Ich wollte mir sicher sein, dass sie mit dem zu erwartenden Medienrummel umgehen kann. Wenn jemand unglücklich wird, weil ich ein Buch über ihn veröffentliche, dann ist das viel schlimmer, als wenn ich Geld verliere.

Welche Schicksale würden Sie nie in Buchform veröffentlichen?Manuskripte von Elternteilen, die über ihre Scheidung schreiben wollen oder darüber, wie sie sich nach dem Tod ihres Partners wieder extrem verliebt haben. Da denke ich immer: «Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass ihre Kinder dies lesen müssen.»

Ihr Mann ist zusammen mit Blanca Imboden Autor der Jugendbuchreihe «Schule ist doof», die er auch illustriert. Ist es schwierig, wenn der eigene Mann gleichzeitig auch ein ­Mitarbeiter ist?Nein. Mühsam ist es nur, wenn Leute denken, er sei federführend. Früher war es hart für mich, wenn ich immer nur als «die Frau von Frank Baumann» bezeichnet wurde. Aber dann wurde mir bewusst, dass ich auch in die Schule anrufe und sage: «Ich bin die Mutter vom Maximilian», und im Kindergarten sagte ich: «Ich bin das Mami von der Lina.» Man muss sich manchmal so positionieren. Heute macht mir das nichts mehr aus.

«Früher war es hart für mich, wenn ich immer nur als ‹die Frau von Frank Baumann› bezeichnet wurde. Heute macht mir das nichts mehr aus.»

Ist es umgekehrt für Ihren Mann manchmal ein Problem, weil Sie heute vermehrt im Fokus ­stehen?Nein, im Gegenteil. Ich kenne, ganz ehrlich, keinen Menschen, der so neidfrei ist wie er.

Was tun Sie und Ihr Mann bei Meinungsverschiedenheiten im Betrieb?Der Verlag ist ganz klar mein Baby, und da bin ich die Chefin, dafür mische ich mich nicht in seine zahlreichen Tätigkeiten ein. Wir reden viel miteinander. Aber wenn er mir sagt: «Du, ich glaube, ‹Bauernleben› ist der falsche Titel für das Buch über den Bauern Wisi Zgraggen, der bei einem Arbeitsunfall beide Arme verloren hat.» Dann sage ich: «Ich weiss einfach, dass es der richtige Titel ist.» Krach mit meinem Mann kenne ich nicht.

«Ich finde es wichtig, dass man die Eigenschaften am Partner, in die man sich ja mitverliebt hat, nicht zu ändern versucht», sagt Gabriella Baumann. Bild: Lucian Hunziker / Ex-Press

Wie ist das möglich?Am Anfang unserer Beziehung sagte er ein paarmal, wenn ich laut wurde: «Wirfst du jetzt mit Granaten um dich? Wollen wir nicht einfach darüber reden?» Klar bin ich mal verärgert, aber dann diskutieren wir das aus. Das war früher für die Kinder sicher besser als mit Eltern, die immer streiten, aber auch nicht ganz einfach, weil sie dachten, so viel Harmonie sei normal. Wenn ich dann doch mal «Gopferdeckel» sagte, waren sie bestürzt. Ich finde es wichtig, dass man die Eigenschaften an seinem Partner, in die man sich ja mitverliebt hat, nicht zu ändern versucht.

Ihre Kinder wurden in der Schule zum Teil heftig gehänselt, als Ihr Mann in den 90er-Jahren die umstrittene Sendung «Ventil» moderierte. Haben Sie ihn mal gebeten, damit aufzuhören?Nein, weil er glücklich war mit dem, was er tat. Er spielte ja nur im Fernsehen die Rolle des Bösewichts und ist privat das Gegenteil. Natürlich taten mir die Kinder brutal leid. Sie wurden aber auch stark dadurch. Wir redeten viel miteinander und suchten nach Lösungen.

Welche?Beide Kinder wechselten auf Sekundarstufe zweimal die Schule. So konnten wir Druck von ihnen wegnehmen. Das hat sehr gut funktioniert und war wichtig für sie.

So ein Schulwechsel ist sicher auch nicht einfach. Waren die Kinder wütend auf ihren Vater?Nein, denn er war und ist nach wie vor ein anwesender, kümmernder Vater, den sie sehr lieben. Heute haben die beiden ihren Weg gefunden und sind glücklich.

«Es braucht auch beim Humor immer zwei.»

Man stellt sich vor, dass es im Hause Baumann/von Arx sehr lustig zu- und hergeht?Ja, es stimmt, wir lachen viel zusammen. Viele Leute sagen mir: «Du hast so einen lustigen Mann.» Ich erwidere dann: «Ja, aber man muss seinen Humor auch verstehen.» Es braucht auch beim Humor immer zwei.

Wann schreiben Sie wieder ­selber ein Buch?Nächstes Jahr besuche ich Lotti Latrous in der Elfenbeinküste. Sie und ihr Team müssen den Slum verlassen, weil er für eine Flughafenerweiterung dem Erdboden gleichgemacht wird. Ich freue mich sehr darauf, sie zu sehen, aber auch darauf, wieder mal selbst ein Buch zu schreiben. Es wird das vierte über Lotti sein.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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