«In der Nacht sperren Jugendliche ihr Handy weg»

Wie ist es, konstant online zu sein? Antworten gibt eine neue Studie – und deren Co-Autor.

Kein Internet, keine Ahnung, was läuft: Jugendliche müssen online sein, wenn sie in Kontakt stehen wollen mit dem Freundeskreis. Foto: Keystone / Symbolbild

Kein Internet, keine Ahnung, was läuft: Jugendliche müssen online sein, wenn sie in Kontakt stehen wollen mit dem Freundeskreis. Foto: Keystone / Symbolbild

(Bild: Keystone)

Janine Hosp

Olivier Steiner, Sie sind Co-Autor der Studie «Always on» und kommen darin zum Schluss, dass sich Jugendliche mehr Gedanken darüber machen, wie sie das Onlineangebot nutzen, als Erwachsene. Das hätte man nicht erwartet.
Das hat auch uns überrascht. Ob man sich Gedanken über die eigene Onlinenutzung macht oder nicht, hängt eben nicht vom Alter ab, sondern viel stärker von der Intensität, in der man es nutzt. Und Jugendliche nutzen dieses Angebot deutlich intensiver als Erwachsene – im Durchschnitt sind sie allein in der Freizeit vier Stunden pro Tag online, Erwachsene lediglich zweieinhalb Stunden. Wer dieses Angebot so intensiv nutzt, der ist gezwungen, sich Gedanken zu machen.

Was tut man vier Stunden pro Tag online?
Jugendliche erhalten jeden Tag oft mehrere Hundert Nachrichten, etwa, wo man sich trifft oder welche Hausaufgaben sie erledigen müssen. Diese Nachrichten müssen sie alle bewirtschaften und lesen – es könnte ja etwas Wichtiges darunter sein. Oder nehmen wir Snapchat: Wenn ein Nutzer nur einen Tag nicht auf dem Portal ist, verliert er auf einen Schlag sämtliche Punkte respektive sämtliche Flämmchen, die er sich über Jahre erarbeitet hat. Das erzeugt Stress. Jugendliche haben uns gesagt, sie würden ihren Account einem Freund übergeben, wenn sie in die Ferien gingen und nicht wüssten, ob sie jeden Tag Internetzugang hätten.

Ist es nur die Masse der Nachrichten, die Stress erzeugt?
Nein, «always on», immer online, betrifft das ganze Leben der Jugendlichen. In der Zeit, in der sie offline sind, haben sie zum Beispiel keinen Zugang zu ihrem Freundeskreis und wissen nicht, was läuft – was die Kollegen tun oder welchen Film man auf Youtube gesehen haben muss. Aber: Die Nutzung des Onlineangebots stresst die Jugendlichen zwar, aber grundsätzlich finden sie es toll. Beides gleichzeitig. Diese Ambivalenz lässt sich nicht auflösen.

«Jugendliche entscheiden sich ganz bewusst für ein Prepaid-Handy.»

Wann wird «always on» problematisch?
Zum Beispiel wenn Jugendliche oft auf sozialen Medien sind. Die ständigen Vergleiche mit den anderen setzen ihnen zu: Wer ist besser angezogen? Wer hat den schöneren Körper? Wer das bessere Leben? Die Jugendlichen können sich dem nicht leicht entziehen. Sie erleben die Nachteile deutlich genug, um über ihr Verhalten nachzudenken.

Stiessen Sie in der Befragung auch auf Jugendliche, bei denen die Nutzung ausser Kontrolle geriet?
Jeder vierte Befragte sagt, er werde nervös, wenn er längere Zeit offline sei, jeder zwanzigste wird gar sehr nervös. Aus der Suchtforschung weiss man: Das ist ein klares Entzugssymptom.

Tun die Jugendlichen etwas, um das Problem anzugehen?
Ja, und sie sind dabei sehr kreativ. Sie entscheiden sich zum Beispiel ganz bewusst für ein Prepaid-Handy, denn mit diesen können sie draussen nicht online gehen. Oder sie sperren ihr Handy weg, bevor sie schlafen gehen, irgendwo ausserhalb ihres Zimmers, wo sie später keinen Zugriff mehr darauf haben. So kommen sie nicht in Versuchung, nachts ihre Nachrichten anzusehen.

«Wenn es um die Onlinenutzung geht, müssen Eltern und Pädagogen vermehrt auf die Jugendlichen hören.»

Ein Jugendlicher gab an, 24 Stunden pro Tag online zu sein.
Es war wohl nicht allen Befragten klar, was es heisst, online zu sein. Aber dieser Jugendliche empfand es so, dass er immer online ist, vielleicht über seine Smartwatch. Aber man fragt sich schon, was das mit einem Menschen über längere Zeit macht, der nur schon mindestens sechs Stunden pro Tag online ist, und das ist jeder zwanzigste Befragte. Das ist aber noch nicht wissenschaftlich erforscht.

Nicht erstaunlich, haben Eltern und Pädagogen das Gefühl, sie müssten Kinder und Jugendliche schützen.
Ja, und es gibt ja auch tatsächlich viele Gefahren bei der Onlinenutzung. Denken Sie an das Sexting oder an das Cyber-Mobbing. Das Problem ist aber: Wenn es um die Onlinenutzung geht, dann sind die Jugendlichen die Experten, nicht die Eltern.

Was raten Sie ihnen?
Wenn es um die Onlinenutzung geht, müssen Eltern und Pädagogen vermehrt auf die Jugendlichen hören und mit ihnen gemeinsam eine Lösung suchen. Sie können sie fragen: Wie würdest du mit diesem Problem umgehen? Es gibt noch einiges, wo Erwachsene mehr Erfahrungen haben als Jugendliche, und dazu gehört die Kommunikation.

Olivier Steiner ist Dozent am Institut für Kinder- und Jugendhilfe der Fachhochschule Nordwestschweiz und Co-Studienautor.

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