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Kantone brauchen mehr Geld für junge Flüchtlinge

Das Hilfswerk Caritas schlägt Alarm. Es gebe massive Mängel im Umgang mit unbegleiteten Minderjährigen, die hier immer häufiger Asyl beantragen. Kein Wunder: Politik und Behörden waren darauf nicht vorbereitet. Nun wird ums Geld gestritten.

Ausbildung fördern: Die Caritas unterrichtet im Haus der ­Jugend in Immensee SZ ­unbegleitete minderjährige Asylsuchende.
Ausbildung fördern: Die Caritas unterrichtet im Haus der ­Jugend in Immensee SZ ­unbegleitete minderjährige Asylsuchende.
Christine Bärlocher?/?Ex-Press
Freizeit eingeplant: Die Minderjährigen bräuchten eine klare Tagesstruktur, so die Caritas.
Freizeit eingeplant: Die Minderjährigen bräuchten eine klare Tagesstruktur, so die Caritas.
Christine Bärlocher?/?Ex-Press
Familiäre Atmosphäre: Jugendliche aus diversen Herkunftsländern leben zusammen.
Familiäre Atmosphäre: Jugendliche aus diversen Herkunftsländern leben zusammen.
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Immer mehr Kinder und Jugendliche sind auf der Flucht nach Europa. An den Küsten Libyens steigen sie in die Schlepperboote und machen sich auf den gefährlichen Weg übers Mittelmeer – ohne Eltern oder Verwandte, allein auf sich gestellt.

Rund 180 000 dieser unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) haben seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 in Europa um Asyl nachgesucht. Das sind mehr als doppelt so viele wie in den fünf vorangegangenen Jahren zusammen.

Das hat auch die Schweiz zu spüren bekommen: Statt ein paar Hundert wie bis dahin verdreifachte sich 2015 die Zahl der UMA gegenüber dem Vorjahr plötzlich auf gut 2700. Heute ist schon jeder Vierzehnte, der hierzulande Asyl beantragt, ein Minderjähriger, der auf eigene Faust unterwegs ist.

Insgesamt leben derzeit rund 6000 unbegleitete Kinder und Jugendliche in der Schweiz – Tendenz steigend. Die jüngsten sind acht Jahre alt, knapp zwei Drittel von ihnen zwischen 16 und 17. Die meisten kommen aktuell aus Eritrea, Afghanistan, Somalia oder Äthiopien (siehe Grafik).

Das stellt die Behörden vor neue Herausforderungen. Denn die Minderjährigen gelten als ­besonders verletzlich und ge­niessen durch Bundesverfassung und UNO-Kinderrechtskonvention besonderen Schutz. Die Folge: Asylverfahren, Unterbringung und Betreuung müssen höheren Standards genügen als bei volljährigen Migranten.

Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern.
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Kantonale Unterschiede

Doch darauf waren weder Politik noch Behörden vorbereitet. Aufgeschreckt durch die wachsende Zahl unbegleiteter Minderjähriger, erarbeitete darum die Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren (SODK) vor Jahresfrist Empfehlungen zum Umgang mit den Kindern und Jugendlichen im Asylprozess.

Denn sie konstatierte: Die spezifischen Bedürfnisse der Minderjährigen würden von den Kantonen sehr unterschiedlich erfüllt. Daran hat sich inzwischen kaum etwas geändert. Zu diesem Schluss kommen zumindest die Flüchtlingsorganisationen und Hilfswerke – allen voran die Caritas, die in diesem Bereich stark engagiert ist.

Sie stellt im Umgang mit den Minderjährigen «massive Mängel», «offenkundige Missstände» und «gravierende kantonale Unterschiede» fest – und zwar punkto Asylverfahren, Unterkunft und Betreuung sowie Schule und Ausbildung.

In einem gestern präsentierten Positionspapier fordert das Hilfswerk rasche Verbesserungen. Denn «es ist davon auszugehen, dass diese jungen Menschen mit grosser Wahrscheinlichkeit in der Schweiz bleiben und sich hier eine Existenz aufbauen müssen», so Caritas-Direktor Hugo Fasel.

Deren Situation sei heute aber ungenügend, sagt Martin Flügel, Politikleiter von Caritas. Die unbegleiteten Minderjährigen bräuchten insbesondere alters- und bedarfsgerechte Unterkünfte und umfassendere Betreuung durch sozialpädagogisch geschultes Personal.

Die SODK-Empfehlungen müssten zudem von Bund und Kantonen umgesetzt und harmonisiert werden, fordert die Caritas, damit das Asylwesen für die Kinderflüchtlinge nicht zur Lotterie verkomme. Vor allem müssten diese Jugendlichen aber ausgebildet werden, um später nicht in der Sozialhilfe zu landen.

Doch das kostet. Zwischen 100 000 und 130 000 Franken brauche es pro UMA für eine erfolgreiche Integration, rechnet Müller. Geld, das den Kantonen fehlt. Bestes Beispiel: der Kanton Bern. Hier sagte das Volk jüngst Nein zum Asylkredit von 105 Millionen Franken, mit dem sichergestellt werden sollte, dass die unbegleiteten Minderjährigen wie von der SODK verlangt, getrennt von den Erwachsenen untergebracht werden können.

Ringen um Asylkosten

Dennoch sieht die Caritas die Kantone in der Pflicht. Diese müssten für die minderjährigen Asylsuchenden die gleichen Ausgaben für Bildung und Soziales budgetieren wie für alle anderen Kinder in Heimen. Und zwar nur schon aus Eigeninteresse: Gelingt die Integration, sparen die Kantone langfristig.

Vor allem vom Bund fordert die Caritas aber eine viel stärkere Kostenübernahme – konkret: Er soll die UMA-Sonderpauschale von 50 auf 100 Franken pro Tag verdoppeln, die einmalige Integrationspauschale von 6000 auf 12 000 Franken erhöhen und sich an den Kosten für Berufsvorbereitungskurse und Begleitmassnahmen beteiligen.

Das ist ganz im Sinn der Kantone. Die SODK verlangt, dass die Integrationspauschale auf 18 000 Franken verdreifacht und die Globalpauschale für Unterbringung und Betreuung der UMA erhöht wird. Denn laut SODK belaufen sich die vom Bund heute nicht gedeckten Kosten für jeden UMA auf 70 Franken pro Tag.

Asylministerin Simonetta Sommaruga erklärte sich im Frühjahr gesprächsbereit – und seither ist hinter den Kulissen ein zähes Ringen um die heikle Aufteilung der Asylkosten im Gang. Bis zum Sommer soll eine Lösung vor­liegen.

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