Kein braves Mädchen

Elisabeth Häubi-Adler war vier Jahre alt, als Hitlers Truppen durch ihre Heimatstadt Wien marschierten. Nun hat sie ein Buch über ihre Kindheit geschrieben.

Elisabeth Häubi-Adler in ihrer Wohnung in Lostorf. Foto: Fabienne Andreoli

Elisabeth Häubi-Adler in ihrer Wohnung in Lostorf. Foto: Fabienne Andreoli

Claudia Blumer@claudia_blumer

Elisabeth Häubi, geborene Adler, hat die Angewohnheit, die Dinge positiv zu sehen. In den letzten Jahren hat sie ihre Mutter verloren, ihren Mann, eine ihrer beiden Töchter, die meisten Verwandten. Jetzt fühle sie sich «richtig frei und unabhängig», sagt sie. Wenn sie erzählt, kommt selten Trauer auf. Meistens verbreitet sie Energie und Lebensfreude. Auch beim Gespräch im Bahnhofbuffet Olten.

Elisabeth Häubi, 84-jährig, wohnhaft in Lostorf SO, hat kürzlich ihr Buch veröffentlicht: «Brave Mädchen fragen nicht». Es erzählt von ihrer Kindheit in Wien während des Zweiten Weltkriegs. «Lisel», so wurde sie genannt, war vier Jahre alt, als Hitlers Truppen durch die Innenstadt paradierten. Sie stand am Strassenrand in der jubelnden Menge, hielt die Hand ihrer Mutter und merkte, dass trotz des Jubels etwas nicht in Ordnung war. Manche weinten oder flüsterten und tauschten sorgenvolle Blicke. Aber sie verstand nicht, warum. Nicht wissen, nicht verstehen, keine Antworten bekommen – das nahm Lisel der älteren Generation übel, vor allem ihrer Mutter. Nicht fragen dürfen. «Brave Mädchen fragen nicht.»

Und brave Mädchen reden nicht. Einmal hat Lisel geredet, in der Schule, als Männer in Uniform kamen und wissen wollten, was man zu Hause denkt über Hitler und den Krieg. Da antwortete Lisel aufrichtig und offen, wie sie war, eloquent und so, dass man gern zuhörte. Noch am selben Tag suchten die Männer in Uniform ihren Grossvater auf, der einzige erwachsene Mensch, den Lisel innig liebte, und verprügelten ihn draussen im Garten. Grossvater hatte Glück, er kam mit einer blutenden Nase davon.

Tagebuch des Krieges

Krieg ist schlimm. Das wissen wir. Aber wie schlimm? Man hat keine Vorstellung. Nicht aufgrund von Medienberichten, Geschichtsbüchern oder Schilderungen der Grosseltern. Wie es ist, jahrelang am Rande des Hungertodes zu leben, zu frieren, bis sich die Glieder verformen und seltsame Krankheiten den Körper befallen. Elisabeth Häubi schildert alles tagebuchartig, detailgetreu. Wechselweise aus der Sicht des Kindes, das vieles ahnt und wenig weiss, und aus der Perspektive der reflektierenden Erwachsenen, die versteht, die sich mit dem Geschehenen versöhnt hat.

Trotz Frieren und Hungern geht das Leben weiter, sofern es der Krieg zulässt. Die Kinder gehen zur Schule, die Mütter zur Arbeit. Bei Bombenalarm stürmen alle in den Keller und harren dort stundenlang aus. Nie weiss Lisel, ob ihr Haus noch steht, wenn sie abends heimgeht. Und ob die Mutter den Tag ebenfalls überlebt hat. Der Vater ist da schon lange tot, und das ist sein Glück sowie die Überlebenschance von Lisel und ihrer Mutter. Hugo Adler war jüdischer Herkunft gewesen, Agraringenieur und Gutsverwalter im Auftrag des österreichischen Staats. Er starb 1935 an einem Herzinfarkt, nachdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergriffen hatten.

Als «Mischling ersten Grades» und Witwe eines Juden wären Lisel und ihre Mutter in die Vernichtungsmaschinerie geraten, wenn nicht ein SS-Offizier sich in die Frau verliebt hätte, als diese sich bei der Gestapo in Wien melden musste. Der SS-Mann und die Witwe heirateten, er beschützte Mutter und Kind und wurde zur Strafe nach Auschwitz versetzt. Lisels Stiefvater fügte sich dem System und zerbrach daran. Gegen Ende des Krieges war er nur mehr ein Wrack von einem Menschen, als er über Weihnachten nach Hause kam. 1945 wurde er von den Russen nach Sibirien deportiert und verschwand spurlos. Es gab keine Nachricht mehr von ihm oder über seinen Verbleib.

Die Schuld der Überlebenden

Elisabeth Häubi glaubt an das Karma. Gute Taten werden belohnt, schlechte bestraft. Sie glaubt, dass ihre Füsse ihr deswegen seit Jahren Probleme machen, weil sie als Kind die Schuhe von deportierten jüdischen Kindern trug. Sie sah, dass diese schönen neuen Lederschuhe, die sie zu Weihnachten bekam, schon einmal getragen worden waren. Sie ahnte, dass etwas nicht stimmte mit der möblierten Wohnung, die sie und ihre Mutter in Polen bezogen, in der einer der Wandschränke tabu war. Lisel durfte ihn nicht öffnen und tat es eines Tages trotzdem. Er war voll von Kinderspielsachen. Musste sie später mithelfen, die Kollektivschuld abzutragen?

Solche Fragen waren nach dem Krieg zunächst weit weg. Lisel besuchte in Wien das Gymnasium. Während dieser Zeit kam sie erstmals in die Schweiz, zu einem dreimonatigen Erholungsurlaub im Kanton Bern, vermittelt vom Schweizerischen Roten Kreuz. Bei der Rückkehr nach Wien wog sie deutlich mehr, sie hatte rote Backen, glänzende Haare und neue Kleider. Die Mitschüler ihrer alten Klasse starrten sie an, noch immer ausgehungert und in Lumpen gehüllt. Ein Jahr später wiederholte sich die Szene.

Lisel Adler im Alter von fünf Jahren in Wien. Foto: Familienarchiv

Dann schlug ihr Gastvater vor, sie solle in der Schweiz eine Ausbildung zur Krankenschwester machen. Sie sagte zu und blieb. Heiratete, wurde Mutter, trat der SP bei, engagierte sich in der Gemeindepolitik ihres neuen Heimatorts Lostorf, gründete ein Kasperlitheater, mit dem sie durch die Schweiz tourte. Auch Lisels Mutter übersiedelte später in die Schweiz und verbrachte ihre zweite Lebenshälfte im Kanton Glarus, wo sie einen Witwer heiratete, Teilhaber einer Tricotfabrik. Sie starb 2008 mit 98 Jahren.

Unter der Glasglocke

Lisel und ihre Mutter hatten ein schwieriges Verhältnis zueinander. Sie waren sehr verschieden, konnten nie offen miteinander reden. Mit den Berner Gast­eltern verstand sich Lisel gut. Die waren wie richtige Eltern. Vertraute. Gegen den Willen der Mutter verliess sie mit 18 Jahren Wien, um in der Schweiz die Lehre zu machen.

Wenn Elisabeth Häubi erzählt, ist da keine Bitterkeit. Nur Dankbarkeit für das Schöne, das sie erlebt hat, und Staunen über die Wendungen, die das Leben nehmen kann. Und Neugier auf alles, was noch kommt. Sie lerne gern Neues kennen, sagt sie beim Gang ins Starbucks gleich neben dem Oltener Bahnhofbuffet, das weniger laut ist und besser für ein Gespräch.

Woher kommt diese Widerstandskraft? Die positive Lebenseinstellung trotz traumatischen Erlebnissen? Sie lebe in dieser Hinsicht wie unter einer Glasglocke, sagt Elisabeth Häubi. Die Bilder aus der Kindheit waren jahrelang weit weg. Wurde sie nach der Vergangenheit gefragt, antwortete sie oberflächlich und pauschal. «Das hat auch mit Disziplin zu tun», sagt sie. «Ich wäre sonst ein Fall für die Psychiatrie geworden.»

Wenn Elisabeth Häubi erzählt, ist da keine Bitterkeit. Nur Dankbarkeit für das Schöne, das sie erlebt hat.

Einmal ging die Glasglocke kaputt. Elisabeth Häubi war 75 Jahre alt, als ein Probealarm des nahe gelegenen Atomkraftwerks Gösgen sie traf wie ein Schlag. Probealarm gibt es oft in Gösgen, aber diesmal war es anders. Sie wurde traurig, weinte tagelang. Sie durchlebte ihre Kindheit nochmals wie in einem Film. Sie musste alles aufschreiben. So entstand das Buch.

Seit das Buch erschienen ist, hält sie jede Woche Vorträge und Lesungen, meistens an Gymnasien und Berufsschulen. Man hört ihr gern zu. Es klingt melodiös und irgendwie fröhlich, trotz traurigem Inhalt. Elisabeth Häubi staunt jedes Mal, wie interessiert die Schüler sind, wie still es ist im Saal, wenn sie von damals erzählt. Wenn sie an die Jugend appelliert, die Verantwortung wahrzunehmen, die ein Leben in Wohlstand und geistiger Freiheit mit sich bringt. Sie redet von der Freiheit, fragen zu dürfen. Die Meinung frei äussern zu dürfen. Von der Freiheit, ein Butterbrot zu essen, wann immer man es möchte. Das macht sie manchmal, und denkt dabei, wie fein das ist. Was für ein Privileg.

Elisabeth Häubi-Adler: Brave Mädchen fragen nicht – eine Kindheit im Dritten Reich. Elfundzehn-Verlag, Zürich 2017. 299 Seiten, ca. 31.90 Fr.

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