Konservative verlieren im Kampf um Adoptionen

Der Ständerat will auch homosexuellen Paaren die Stiefkind­adoption erlauben. Aus Sicht der Konservativen ist das der Dammbruch: Mit künstlich gezeugten Kindern ­kämen auch ­lesbische und schwule Paare zu gemeinsamen Kindern.

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Fabian Schäfer@FabianSchaefer1

Es ist das letzte grosse hetero­sexuelle Privileg: Nur Ehepaare können gemeinsam Kinder adoptieren. Schwulen und lesbischen Paaren untersagt der Staat die Adoption auch dann, wenn sie in der eheähnlichen eingetragenen Partnerschaft leben. Davon wollen Bundesrat und Parlament nun teilweise abrücken: Gleichgeschlechtliche Paare dürfen zwar weiterhin keine fremden Kinder adoptieren, dafür soll ihnen die Stiefkind­adoption erlaubt werden. Das heisst, dass das leibliche Kind des einen Partners vom anderen adoptiert werden kann. Dies jedoch nur, wenn alle anderen Voraussetzungen erfüllt sind, die bei Adoptionen streng genug sind: Der Staat überprüft in jedem Fall, ob die Eltern finanziell, «erzieherisch» und auch sonst in der Lage sind, Kinder zu haben.

Die CVP wehrte sich nicht geschlossen

Doch schon dies ist heftig umstritten, wie die Debatte am Dienstag im Ständerat zeigte. Am Ende stimmte jedoch eine Mehrheit von 25 gegen 14 Stimmen für die vorgeschlagene Öffnung. Der ­Widerstand kam von CVP- und SVP-Vertretern. Als Wortführer der konservativen Kräfte agierte der Walliser CVP-Ständerat Beat Rieder. Aus seiner Sicht führt schon die geplante Änderung zum Dammbruch. Rieder fand, wenn man dies so beschliesse, könne man das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare auch gleich ganz öffnen.

Der Walliser wies in seiner ­Argumentation vor allem auf die stark wachsende Bedeutung der Fortpflanzungsmedizin hin. In der Tat sinkt die Zahl der Adoptionen seit Jahren stark, während gleichzeitig die Zahl der Kinder, die nicht auf natürlichem Weg ­gezeugt wurden, kräftig zunimmt. Nun ist es zwar so, dass lesbische Paare in der Schweiz keinen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin haben. Strikt verboten ist zudem die Leihmutterschaft, dank der schwule Paare zu Kindern kommen können.

Das ändert aber nichts daran, dass homosexuelle Paare im Ausland genau diese Angebote in Anspruch nehmen können. Lesbische Frauen können sich in vielen europäischen Ländern künstlich befruchten lassen. Es gibt auch Länder wie die USA, welche die Leihmutterschaft zulassen. Für Aufsehen sorgte letztes Jahr das Beispiel eines schwulen Paars aus dem Kanton St. Gallen, das in Kalifornien eine Leihmutter fand, die ihm einen Sohn gebar.

Schwule kommen dank Leihmutter zu einem Kind

Homosexuellen Paaren, die zur Verwirklichung des Kinderwunsches ins Ausland ausweichen, eröffnet die Stiefkindadoption neue Möglichkeiten. Sie können in Zukunft annehmen, dass nicht nur der biologische ­Elternteil rechtlich anerkannt wird, sondern auch dessen Partner. Das gilt wohl sogar im Fall der Leihmutterschaft, wie das Bundesgerichtsurteil zum Fall des Paars aus St. Gallen zeigt.

Obwohl die Leihmutterschaft hierzulande verboten ist, gebietet es das Kindswohl, dass der Mann, der die Samenspende gemacht hat, rechtlich als Vater anerkannt wird. Künftig wäre dank der Stiefkindadoption sogar möglich, dass auch sein Partner offizieller Vater werden kann.

Was ist denn so schlimm an Regenbogenfamilien?

Genau vor diesem Szenario warnte CVP-Ständerat Rieder, indem er aus dem Urteil des Bundesgerichts zitierte. Er warnte eindringlich, schon mit der Stiefkindadoption gerieten die letzten «Privilegien» der Ehe ins Wanken. Doch Rieder vermochte nicht einmal alle seine Partei­kollegen zu überzeugen.

So sprach sich zum Beispiel der Freiburger CVP-Ständerat Beat Vonlanthen für die Revision aus. Er übernahm die Argumentation der Mehrheit: Hier gehe es um bestehende Familienbeziehungen, um Kinder, die bereits im Haushalt eines gleichgeschlechtlichen Paars leben. Da ist für die Mehrheit das Kindswohl wichtiger als die «Privilegien» der Ehe.

Auffällig war, dass in der Debatte niemand – auch Beat Rieder nicht – näher begründete, was daran so schlimm oder falsch sein soll, wenn ein Kind in einer so­genannten ­Regenbogenfamilie – mit homosexuellen Eltern – aufwächst. Dass die Kinder darunter litten, sagte niemand. Rieder beliess es beim Hinweis, adoptierte Kinder hätten in der Pubertät oft schon genug andere Probleme, die mit gleichgeschlechtlichen Eltern noch verstärkt würden, da solche Konstellationen gesellschaftlich nicht akzeptiert seien.

Wichtig ist vor allem die ­«Beziehungsqualität»

Die Gegenseite verwies dagegen auf Umfragen, gemäss denen die Mehrheit das Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare öffnen will. Bundes­rätin Simonetta Sommaruga (SP) und viele andere hielten zudem fest, dass es für die Entwicklung der Kinder keine Rolle spiele, ob sie mit homo- oder heterosexuellen Eltern aufwachsen.

Sommaruga zitierte aus einer grossen deutschen Studie, die zum Schluss kam, insgesamt gebe es kaum Unterschiede – und wenn, dann seien sie positiv. Sprich: Kinder aus Regenbogenfamilien haben eher besser «abgeschnitten». Wirklich wichtig war aber nicht die Komposition des Elternpaars, sondern die «Beziehungsqualität in der Familie».

Die geplante Revision des Adoptionsrechts geht nun an den Nationalrat. Er hat den Neuerungen 2013 bereits zugestimmt, sodass nicht mit einem Absturz zu rechnen ist. Offen ist, ob konservative Kreise das Referendum ergreifen.

Berner Zeitung

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